Apr 2010 hastuPAUSE 0

„Halle pushen – und das nicht zu knapp»

Wie sieht Hip Hop heute aus? Oder wie sollte Hip Hop aussehen? Die Subkultur, die mittlerweile schon mindestens zwei Generationen geprägt hat, veränderte sich im Laufe der Zeit. Ihren augenscheinlichsten Ausdruck findet sich heute auf Fernsehsendern wie MTV. Dick behangen mit Goldkettchen, mehrere knapp bekleidete Frauen um sich scharend und eine gepimpte Karre im Hintergrund – die meisten Rapper haben sich vom Ghetto losgesagt, wenngleich ihre Lieder noch von dieser Zeit künden. Aber sind auf diesem Weg auch Grundgedanken des Hip Hops verloren gegangen? Welche Rolle spielen im Milliarden-Geschäft Hip Hop Gemeinschaft oder Partizipation? Beim »Breathe in – Break out!« Festival, das vom 09. bis zum 11. April in Halle stattfindet, sollen Antworten gefunden werden. Neben allerhand Veranstaltungen zu den verschiedenen Elementen des Hip Hop (Rap, Graffiti, DJ-ing, Breakdance) gibt es am 10. April auch eine wissenschaftliche Konferenz, die unter dem Titel »Hip Hop vs. Konsumgesellschaft« steht. Veranstaltet wird das Festival unter anderem von Studenten. Max Rademacher ist einer von ihnen und zugleich für die Konzeption verantwortlich. hastuzeit hat mit ihm gesprochen.

Am Freitag startet das erste »Breath in – Break out!«-Festival. Ich hatte bis jetzt eher das Gefühl, dass die große Zeit des Hip Hop bereits vorbei ist. Liege ich da falsch?

Ja! Ein einziger Blick auf MTV oder Youtube zeigt, dass das Gegenteil der Fall ist. Hip Hop ist in einer Boomphase und daran wird sich auch erstmal nichts ändern. Diese Bewegung ist unter allen Subkulturen die erfolgreichste und wird es auch bleiben.

Kamst du deswegen darauf, das Festival ins Leben zu rufen?

Die Idee kam etwas anders zustande. Im letzten Oktober hat mich mein Vater in Madrid besucht und wir waren auf einem Breakdance-Battle mit über 60 Gruppen aus ganz Spanien. Mein Vater fand es toll – er meinte »Max, das müssen wir in Halle auch machen!« Da mein Vater Vorstandsmitglied der honymus Stiftung Halle-Merseburg ist, die Ende letzten Jahres gegründet wurde, konnten wir zudem schonmal mit einem finanziellen Back-up starten. Im Oktober habe ich dann auch sofort das Konzept geschrieben, um der Veranstaltung eine spezielle politische Note zu verleihen – das lag mir sehr am Herzen. Im Dezember wurde dann das »Breathe in – Break out!«-Team gegründet und von da an kam die Organisation so richtig ins Rollen.

In dem Konzept, das du gerade erwähnt hast, steht, dass Leistung und Gemeinschaft in der heutigen Gesellschaft immer weniger Schnittflächen finden, Hip Hop allerdings beides vereinen kann. Wie funktioniert das?

Die Hip Hop-Kultur manifestiert sich immer durch Zusammenkünfte ihrer Anhänger (Jams, Konzerte, Battles). Dabei spielt die Gemeinschaft eine wichtige Rolle. Besonders Breakdance ist hier maßgeblich, da alle, also auch das Publikum zum Mitmachen animiert werden. Im Mittelpunkt steht weiterhin der kreative Wettbewerb – also auch Leistung. Graffitikünstler, Breakdancer, Rapsänger und DJs überbieten sich gegenseitig in ihrer Kreativität und tragen so zur ständigen Weiterentwicklung des Hip Hop bei.

Im Konzept zum Festival steht außerdem: „Konsumenten sind keine Menschen, die unsere Demokratie braucht.» Welche Menschen braucht sie denn?

Die Konsumgesellschaft bedeutet geistliche und kreative Verarmung. Es dreht sich alles nur noch um die Stillung materieller Bedürfnisse, die zudem ständig medial reproduziert werden und kein Ende kennen. Unsere Demokratie aber braucht aktive, reflektierende, partizipierende und interessierte Bürger, die an der Gestaltung des Gemeinwesens mitwirken und zur Lösung kollektiver Probleme – ökologischer, wirtschaftlicher und politischer Krisen unserer Zeit – beitragen wollen.

Zum Festival gehört auch eine wissenschaftliche Konferenz. Ist Hip Hop denn schon Seminarstoff?

Hip Hop nimmt schon lange einen festen Platz innerhalb der Sozialwissenschaften, insbesondere der Soziologie und Kommunikationswissenschaften ein. Es wurden etliche Werke veröffentlicht, spezielle Seminare sind mir, was Deutschland angeht, noch nicht aufgefallen, aber ich vermute, es gibt sie. Ich kann nur von Madrid reden – ein Bekannter von mir ist Professor des Lehrstuhls »Graffiti, Hip Hop y medios de comunicación« an der Universidad Complutense de Madrid.

Der Titel der wissenschaftlichen Veranstaltung lautet: „Hip Hop vs. Konsumgesellschaft». Warum bildet die Hip Hop-Kultur einen Gegensatz zur Konsumgesellschaft?

Die Hip Hop-Kultur blühte in den Ghettos New Yorks der 70er Jahre auf. Ursprünglich ging es darum, die Jugend weg von Gewalt, Gangs und Drogen hin zu persönlicher Entfaltung und friedlichem Austausch mittels künstlerischen Ausdrucksformen zu bewegen – insbesondere Afrika Bambaataa hat damals mit seiner »Zulu Nation« diesem Impuls einen starken Ausdruck verliehen. Diesem aktivierenden und zivilisierenden Moment sollte auch in der heutigen Konsumgesellschaft mehr Platz eingeräumt werden. Konsumenten stillen lediglich passiv Bedürfnisse, die zumeist noch künstlich durch Werbung erzeugt werden. Hip Hop aber baut auf die Teilnahme und Teilhabe des Einzelnen auf. Dies merkt man besonders im Breakdancebereich. Auf großen Veranstaltungen wie dem »Battle of the Year«, einem der weltweit größten internationalen Breakdance-Battles, das jedes Jahr in Deutschland stattfindet, dreht sich das Event nicht allein um die großen teilnehmenden Gruppen, die miteinander battlen. Vielmehr taucht im Zuschauerbereich eine Vielzahl von Kreisen (»Circles«) auf, in denen zuschauende Tänzer tanzen und vom Publikum angefeuert werden. In der heutigen Zeit, in der sich eine Kommerzialisierung aller Lebensbereiche abzeichnet, ist dieser gemeinschaftliche Ansatz von äußerster Wichtigkeit. Kinder und Jugendliche wachsen in einer von der Medienindustrie dominierten Gesellschaft auf. Diese setzt sich zum Ziel, eben diese heranwachsenden Personen zu braven Konsumenten zu erziehen. Im Mittelpunkt der Kulturindustrie stehen Vermarktung und Profit. Es geht nicht um die Förderung von Kreativität und der Schaffung von Möglichkeiten zur persönlichen Entfaltung, sondern um Absatz.

Aber ist nicht gerade auch aus der Hip Hop-Musik eine millardenschwere Industrie geworden, der es vor allem um Absatz, Vermarktung und Profit geht?

Natürlich sind heutzutage viele Bereiche der Hip Hop-Kultur „verkommerzialisiert» – ein Blick auf MTV reicht, um sich einen Eindruck darüber zu verschaffen, wie sehr Rapper Geld und teure Autos vergöttern. Auch auf Veranstaltungen wie dem »Battle of the Year« tritt Jahr für Jahr das partizipative Moment in den Hintergrund – die Anzahl der Circles schwindet zunehmend, da in den Pausen keine Breakdance-Musik mehr gespielt wird, sondern Showcases auftreten – kurz: die Veranstaltung verkommt zunehmend zu einer profanen Dienstleistung, bei der das Publikum als Kundschaft abgefertigt wird. „Breathe in – Break out!» möchte gegensteuern und die usprüngliche Botschaft des Hip Hop zurück in das Bewusstsein der Menschen holen.

Gibt es in Halle überhaupt einen fruchtbaren Boden für solche Gedanken und das Festival an sich? Hat Halle eine lebendige Hip Hop-Szene?

Ja, auf jeden Fall – sei es im Bereich Rap, Breakdance, DJing oder Graffiti. Allerdings ist dies kaum in der halleschen Öffentlichkeit bekannt und wird kaum mit »Kulturhauptstadt« in Verbindung gebracht. Die hallesche Hip Hop-Szene blickt nicht nur auf eine fast 30-jährige Geschichte zurück, sondern hat sich zudem deutschlandweit bereits einen Namen gemacht. „Breathe in–Break out!» möchte dieser kreativen Energie eine Plattform bieten und dazu beitragen, dass die Hip Hop-Szene Bestandteil des Begriffs »Kulturhauptstadt Halle« wird. Darüber hinaus wird „Breathe in–Break out!» dank seiner grenzüberschreitenden Ausrichtung Halles Namen innerhalb Europa pushen – und das nicht zu knapp.

In Halle wird Hip Hop eher mit illegalem Graffiti, als mit Kultur verbunden. Gab es Probleme bei der Organisation von »Breath in – Break out!« auf Grund dieses Images?

Graffiti wird vorschnell mit Schmiererei in einen Topf geworfen und der küntlerische Aspekt übersehen. Die Frage der politischen Bedeutung illegalen Graffitis ist eine Andere – Autoren wir Baudrillard haben schon vor langer Zeit darauf hingewiesen, welches Potenzial Graffiti in sich birgt, den öffentlichen Raum wiederzubeleben, ihn der konditionierenden, omnipräsenten Semantik mächtiger Werbefirmen zu entreißen und ihn zurück in die Hände der Menschen zu geben. Es sind in der Tat wegen Graffiti organisatorische Probleme entstanden, aber sie waren nur geringfügig.

Vielleicht kannst du auch noch einen Ausblick geben, was uns an diesem Wochenende erwartet.

So Einiges! Faszinierende Tanzakrobatik auf Weltniveau – mit dem authentischen »Streetflavor« und der Spannung, die jedes Battle bietet. Rap- und Funkbands aus Halle und Frankreich, die auf jeden Fall den Weg in euren Gehörgang finden sollten, denn von tiefsinnigen, polemischen, experimentellen bis hin zu freshen Stilen, die jedes Tanzbein zum Schwingen bringen, ist alles dabei. Graffiti live – Styles aus verschiedenen Städten werden sich miteinander in typografischer Originalität, Eleganz, Aggresivität und fresher Prägnanz messen. Eine wissenschaftliche Konferenz über die politischen und sozialen Dimensionen der Hip Hop-Kultur mit soziologischen, sozialpädagogischen und kunstwissenschaftlichen Experten und Zeitzeugen der altbundesdeutschen und DDR-Hip Hop-Szene – bereichernde Vorträge und spannende Diskussion garantiert! Die Ausstrahlung des Films »Here We Come« über Hip Hop in der DDR – mittlerweile ein Klassiker. Und natürlich tun wir auch was für den Nachwuchs – unsere B-Boys geben Workshops für alle interessierte Kids und Jugendliche.

Den Terminplan und mehr Infos zum Festival findet ihr auf der Webseite von „Breath in – Break out!»

Zur Person:

Max Rademacher studierte ein deutsch-französisches Doppeldiplom in Politik und Wirtschaft an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und dem Institut d’Études Politiques de Lille. Derzeit absolviert er den Masterstudiengang Entwicklungswirtschaft an der Universidad Carlos III de Madrid. Er ist einer von fünf Personen, die das »Breath In – Break out!«-Festival veranstalten. Für die konzeptuelle Arbeit war Max allein verantwortlich.

Über Julius Lukas

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Erstellt: 06.04. 2010 | Bearbeitet: 23.04. 2013 22:11