Apr 2010 hastuINTERESSE Nr. 32 1

Flexibel wie Legosteine

Geisteswissenschaftler sind auf dem Arbeitsmarkt gefragt, allerdings nur wegen bestimmter Fähigkeiten, wie eine Firmenmesse an der MLU zeigt.

Illustration: Katharina Tauer

Der Titel der ersten Veranstaltung beinhaltete bereits die große Frage, der sich die CultureConAction, eine Firmen- und Kontaktmesse speziell für Geisteswissenschaftler, am 23. April im Löwengebäude stellte. In einer interaktiven Podiumsdiskussion sollten Studierende von Fächern wie Germanistik, Politikwissenschaften oder Philosophie ins Gespräch mit Wissenschaftlern, Berufseinsteigern und Vertretern von Unternehmen kommen. Die Titelfrage lautete: »Geisteswissenschaften – eine brotlose Kunst?«

Wider das Klischee

Die Frage mag bei der Messeveranstaltung vielleicht nur rhetorisch gemeint gewesen sein, zugleich ist sie jedoch auch das Klischee, das den Geisteswissenschaften anhaftet und sie gegenüber anderen Studienrichtungen von vornherein benachteiligt erscheinen lässt. Ein Absolvent der Betriebswirtschaft hat per se mehr Chancen auf dem Arbeitsmarkt als ein Soziologe.

Dieser Meinung wollte der studentische Verein CultureConAction (CCA) mit seiner Firmen- und Kontaktmesse entgegenwirken. Ein erstes Indiz dafür, dass Geisteswissenschaften doch zum Broterwerb taugen, sind die 20 Aussteller, die sich den Studierenden präsentierten. Wichtig war den Organisatoren vor allem das große Spektrum der Arbeitgeber aufzuzeigen, wie Ina Litterst vom CCA-Team erklärt: »Schwerpunkt der Messe ist die vielfältige Auswahl an Unternehmen, Institutionen, Stiftungen und Initiativen, die Geisteswissenschaftlern viele verschiedene Perspektiven vorstellen.«

Es gibt Jobs, nur eben nicht viele

Aber sind viele verschiedene Aussteller wirklich ein Hinweis darauf, dass Geisteswissenschaftler auf dem Arbeitsmarkt gefragt sind? Auch die Europäische Union stellt sich auf der Messe als potentieller Arbeitgeber für Geisteswissenschaftler vor und ist ein Paradebeispiel dafür, wie gefragt diese wirklich sind.

Beim Staatenbund sind die Perspektiven grandios. Es warten eine Beamtenstelle auf Lebenszeit und eine hohe Besoldung. Geisteswissenschaftler sind hier sehr gern gesehen. Allerdings muss man auch einen langwierigen, mehrstufigen Auswahltest bestehen, an dessen Ende eine von tausend Stellen wartet – sofern man erfolgreich ist. Die Konkurrenz zumindest ist groß. Jährlich gibt es 100 000 Bewerber.

Das Beispiel der Europäischen Union verdeutlicht ein fundamentales Problem der Berufchancen von Geisteswissenschaftlern: Es gibt Jobs, nur eben nicht viele. Ein anderes Beispiel: Der Paradeberuf eines Germanisten ist Lektor. Nur gibt es nicht viele Stellen als Lektor, dafür aber viele Germanisten. Nur Betriebswirtschaftslehre hat mehr Absolventen.

Ein fader Beigeschmack

Die Berufsbilder, für die Geisteswissenschaftler inhaltlich ausgebildet werden, gibt es zumeist nur in geringen Mengen oder sogar gar nicht, wie jeder Philosophieabsolvent bestätigen wird. Deswegen müssen sich diese Studierenden frühzeitig über die Fähigkeiten klar werden, die sie für Unternehmen eigentlich interessant machen. Sprachkenntnisse gehören ebenso dazu wie die Fähigkeit, komplexe und komplizierte Sachverhalte aufbereiten zu können. Um eine weitere Stärke von Geisteswissenschaftlern weiß auch Anne-Marie Fleischer von CCA: »Sie sind flexibel wie Legosteine.«

Der fade Beigeschmack ist dabei, dass hart erkämpfte Fähigkeiten wie das Dichten mittelhochdeutscher Gedichte oder die fehlerfreie Wiedergabe Kantscher Moralvorstellungen für die eigene Zukunft irrelevant sind. Allerdings nur, wenn man für den Arbeitsmarkt studiert hat.

Über Daniela Heimpel

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Erstellt: 23.04. 2010 | Bearbeitet: 17.05. 2010 02:37