Okt 2010 hastuINTERESSE Nr. 34 0

Fertig mit dem Studium … und dann?

Das Bildungs- und Beratungs­institut in Halle hat ein spezielles Ein­glie­de­rungs­pro­gramm für arbeits­lose Aka­de­mi­ker ent­wor­fen. Ge­för­dert wird es durch Gel­der des Euro­päi­schen So­zial­fonds. hastuzeit hat mit Susanne Ließ vom BBI über die Job­chancen von Aka­de­mi­kern ge­spro­chen.

Ihr Programm richtet sich gezielt an arbeitslose Akademiker. Dabei gilt ein Studium doch als Garant für einen sicheren Job. Wie kam es dann zu der Idee, das Programm überhaupt ins Leben zu rufen?

Wie es genau zu dieser Idee kam, kann ich aus meiner Sicht nicht mehr sagen. Diese Idee muss aus der Erfahrung um diese Schwierigkeiten geboren sein: Dass Absolventen eben nicht so richtig wissen, wie und wo sie beruflich in Sachsen-Anhalt unterkommen können. Ob das jetzt an der gesamtwirtschaftlichen Lage oder ob es daran liegt, dass die Akademiker nach ihrem Studium überhaupt nicht wissen, wohin mit sich und ihren Fähigkeiten und Kenntnissen, das kann ich schwer beurteilen. Sicherlich spielt hier beides eine Rolle.

Wir sehen uns als jemand, der als Mittler eingreift, als eine Instanz, die unterstützend unter die Arme greift, Kontakte aufbaut, so dass der Berufseinstieg in unserem Bun­des­land möglich wird und die gut ausgebildeten jungen Fachkräfte in Sachsen-Anhalt bleiben.

Ihr Projekt läuft jetzt seit 2008. Wie viele Teilnehmer haben Sie bisher?

Das Projekt ist nach der ersten Runde verlängert worden, unter einem etwas anderen Titel. Wir hatten im ersten Projekt einen Teil­nehmer­durch­lauf von circa 120 Teil­nehmern und sind jetzt schon wieder bei über 55 Teil­nehmern, plus Ab­sol­ven­ten auf der Warte­liste. Das sind fast 180 Ab­sol­ven­ten. Es ist mittler­weile so, dass sich das Pro­jekt herumgesprochen hat, die Leute haupt­sächlich von sich aus zu uns kommen. Sie sehen in uns wirklich eine Hilfe.

Und wie viele der Teilnehmer konnten Sie erfolgreich vermitteln?

Für den ersten Teil des Projekts haben wir eine Vermittlungsrate von 68 Prozent – viele Projektteilnehmer haben hier in Sachsen-Anhalt eine Stelle gefunden, andere außerhalb der Region, drei weitere wollen sich selbstständig machen, anderen konnten wir Werks- oder Honorar­verträge vermitteln und Weiter­bildungen er­mögli­chen, wo­durch spe­zi­fi­sche und von Unter­nehmen erwartete Kom­pe­ten­zen er­weitert werden konnten.

Ist Ihnen bei Ihrer Arbeit aufgefallen, dass es irgendeinen Fachbereich gibt, der die größten Probleme bei der Jobsuche hat?

Das kann man so pauschal nicht sagen: Unsere Projektteilnehmer kommen aus allen Fachrichtungen. Wir hatten Sprachwissenschaftler, Modedesigner, BWLer, Er­näh­rungs­wis­sen­schaft­ler, Kulturwissenschaftler, Germanisten, Soziologen und viele mehr im Projekt. Wenn man davon ausgeht, dass wenige Ingenieure zu uns kommen, müsste man die Schlussfolgerung ziehen, dass doch eher die Geistes- und Sozial­wis­sen­schaft­ler das Problem haben, ihren Ar­beits­platz zu finden. Sie müssen ja oft als Quer­einsteiger in den Beruf finden, weil ihr Studium sie nicht immer passgenau auf dieses oder jenes Spezial­gebiet ausbildet, das in den Firmen benötigt wird.

Wie kann es dann aber dazu kommen, dass auch ein diplomierter Maschinen­bauer seit einem Jahr keinen Job findet?

Wir haben festgestellt, dass sich die jungen Frauen und Männer nach dem Studium oft nicht trauen, sich wirklich als Fachkräfte anzubieten. Ein Vorstellungsgespräch ist oft kein Gespräch auf Augenhöhe; die Absolventen sind verunsichert und verstehen sich als eine Art Bittsteller. Auch Anschreiben und Vorstellungsgespräch müssen geübt sein. Viele Absolventen, die zu uns kommen, wissen gar nicht, was sie wirklich können, oder können es nicht konkret ausdrücken. Sie stellen sich dann im Personalgespräch auch nicht entsprechend dar und zeigen leider nicht, dass genau sie der richtige Mann, die richtige Frau für diesen Job sind.

Wie sieht Ihr konkretes Programm aus, wenn beispielsweise ich zu Ihnen komme, nach zehn Absagen?

Im Normalfall läuft es so, dass wir ein erstes Gespräch führen, in dem wir unser Projekt noch einmal erklären und nach dem sich der Interessent dann für eine Projekt­teilnah­me oder dagegen entscheidet. Schließlich muss er sich auch von uns in die Karten schauen lassen, zum Beispiel zum Stand seiner Bewerbungen. Danach beginnt das Projekt mit einer Einführungswoche. Die haben wir ganz bewusst davor geschaltet: Dabei lernen sich die Projektteilnehmer kennen und können ein bisschen ausloten, wie es in den anderen Branchen aussieht. Da sitzen dann BWLer neben Bio­lo­gen, Geo­gra­phen neben Diplom­designern. Dieser Austausch dient auch dazu, den Druck ab­zu­bauen, den die Familie, die Gesellschaft aufbaut und dem man sich selbst aussetzt, weil sich alle über Arbeit definieren. So kann man sehen, wie die anderen kämpfen und was sie für Erfolge zu verzeichnen haben, oder eben auch nicht.

In dieser ersten Woche entstehen dann Vorstellungen, wohin das Ganze gehen soll, wo eventuell noch Kenntnisse fehlen: Wir bieten verschiedene Workshops an – bei­spiels­weise Be­wer­bungs­training, Unter­nehmens­kom­mu­ni­ka­tion, Zeit- und Selbst­ma­nage­ment. Auch der Bil­dungs­be­darf soll be­leuch­tet werden: Brau­che ich für mein be­ruf­li­ches Ziel noch Wirt­schafts­englisch oder eine Ein­füh­rung in »SAP«? Ziel unserer ge­sam­ten Akti­vi­tä­ten, Ge­sprä­che, Coachings und so weiter ist natürlich letztendlich der Job.

Wie finden Sie Kontakt zu den verschiedenen Firmen?

Das ist unterschiedlich – wir hatten zum Beispiel eine Religions­wissen­schaft­lerin im Pro­jekt. Da haben wir natürlich die Kontakte von vorn aufbauen müssen. Wir haben in Kirchenkreisen und Gemeinden unsere Fühler ausgestreckt und nach Netz­wer­ken ge­sucht. Im Laufe unserer Ar­beit haben sich zu vielen Be­rei­chen und Bran­chen Kon­tak­te ergeben. So wer­den wir von Fir­men angerufen, ob wir für sie pas­sen­de Ab­sol­ven­ten im Pro­jekt haben. So sind mitt­ler­wei­le die Ver­bin­dungen ge­wach­sen, die wir gerne im Inter­esse un­serer Pro­jekt­teilneh­mer nutzen.

Das Programm wurde 2008 ins Leben gerufen und passt damit zeitlich in die Bologna-Reform. Richtet es sich vor allem an Bachelor-Absolventen?

Eigentlich nicht. Bachelor waren in den ersten anderthalb Jahren Projektlaufzeit noch der verschwindende Teil der Absolventen im Projekt. Langsam ändert sich das aber. Viele unserer Projektteilnehmer haben noch ihr Diplom gemacht oder ihren Magister. Wir sind für alle Abschlüsse von Hoch- und Fachhochschulen offen.

Mit welchen Erwartungen kann ein Absolvent, der keine Anstellung findet, zu Ihnen kommen?

Sie werden bei uns immer auf offene Ohren treffen. Jeder Absolvent und Pro­jekt­teilneh­mer hat seine eigene Per­sön­lich­keit und seine eigenen Ziele, und es kommt darauf an, offen und ehr­lich und ziel­ge­rich­tet mit­ein­ander zu kom­munizieren.

Wir können Ihnen keine Garantie geben, dass Sie nach einer Woche im Job sind. Aber je intensiver wir miteinander arbeiten, umso zielführender ist das Ganze auch.

Foto: James Lee (via Flickr, Creative Commons)

Über Tom Leonhardt

Tom Leonhardt
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Erstellt: 25.10. 2010 | Bearbeitet: 04.11. 2010 17:23