Aug 2010 hastuUNI Nr. 33 0

… es lebe die Kultusministerin

Birgitta Wolff hatte bis vor kurzem den Lehrstuhl für Internationales Management an der Uni Magdeburg inne und war dort als Wissenschaftlerin und Dekanin tätig. Seit Juni ist sie die neue Kultusministerin Sachsen-Anhalts.

Foto: Tino Jotter

Warum haben Sie sich für die Stelle der Kultusministerin entschieden?

Dafür entscheidet man sich ja nicht im Sinne von »bewerben«. Solche Jobs werden einem angetragen, und man kann eigentlich nicht mit Anstand Nein sagen. Außerdem ist das Amt eine sehr interessante Herausforderung: Ein Drittel ist Wissenschaft, ein Drittel Schulbildung, ein Drittel Kultur – also ein wunderbarer Aufgabenmix mit vielen interessanten Herausforderungen, bei denen eine gewisse Managementexpertise durchaus nützlich sein kann.

Sie gelten bildungspolitisch gesehen noch als Neuling. Das wurde auch schon als Kritikpunkt angemerkt. Sehen Sie das auch so, dass Ihre »Unerfahrenheit« ein Problem darstellen könnte?

Ich wüsste nicht, weshalb es ein Problem sein sollte, und ich wüsste erst recht nicht, für wen. Für mich ist es keines. In diesem Ministerium gibt es so viel Know-How, so viel Erfahrung und auch viele Ideen. Da ist das Zusammenspiel von Veteranen, die sich supergut auskennen, und »Frischfleisch« im System vielleicht gar nicht schlecht.

Der Bildungsstreik geht in die dritte Runde. Auch in Halle ist wieder gestreikt worden. Was denken Sie darüber, dass die Studierenden gegen die aktuelle Bildungspolitik demonstrieren?

Grundsätzlich finde ich es extrem wichtig, dass Studierende sich bemerkbar machen und ihre Meinungen und Erfahrungen in die Prozesse einfließen lassen. Ich habe mich als Senatsmitglied und Dekanin schon immer gefragt, warum manchmal Studierende diese wunderbaren Chancen, die das jetzige Mitbestimmungssystem bereits bietet, so schlecht nutzen. Auf der anderen Seite gibt es auch Studenten, die super vorbereitet sind und auch tolle Statements abgegeben, die dann auch gehört werden und etwas bewegen. Allerdings weiß ich auch um die Probleme der gewählten Studentenvertreter. Die Amtszeit beträgt ja häufig nur ein Jahr, und aus eigener Erfahrung weiß ich, dass man mitunter zwei bis drei Jahre braucht, um so einen Laden wie eine Universität richtig zu verstehen. Diesen Nachteil könnte man ausgleichen, indem man zum Beispiel auf Fakultätsebene viel enger und viel informeller zusammenarbeitet. So wie ich es erlebt habe, ist die Bereitschaft dazu da.

Das heißt, Sie würden sogar die Studenten auffordern, sich mehr mit hochschulpolitischen Themen auseinander zu setzen und auch auf die Straße zu gehen?

Ich denke nicht, dass die Entscheidungsprozesse auf der Straße stattfinden. Wichtig ist vor allem, in den Gremien aktiv zu sein. Da besteht zum einen die Chance, auch mal mit Nein zu stimmen, was auffällt und ein protokolliertes Zeichen ist. Außerdem kann man im Vorfeld von Entscheidungen die eigenen Positionen vortragen und vielleicht noch Veränderungen bewirken.

Wo stehen wir jetzt bei dem Bologna-Prozess? Wie weit ist die Umstrukturierung der Universitäten vonstatten gegangen?

Wir sind irgendwo auf dem weiten Weg zwischen Anfang und Ziel, wobei es aber auch riesengroße Unterschiede gibt. Es gibt wunderbare Bachelor-Programme, die gut angenommen werden und anscheinend auch gut studierbar sind. Ich kann aus eigener Erfahrung berichten, dass der erste Jahrgang des neuen Bachelor »Internationales Management« an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, was die Indikatoren angeht, weitaus besser läuft, als das, was man immer so hört. Da waren knapp zwei Drittel der Studenten nach der Regelstudienzeit fertig und die Abbrecherquoten sehr viel geringer als früher. Man darf also nicht alles über einen Kamm scheren und pauschalisieren. Wie gut BA-/MA-Programme gestrickt sind, hängt fast ausschließlich davon ab, welche Ideen in das Design dieser Programme einfließen, und da können Studierende unglaublich viel mitarbeiten.

Und aus dieser eigenen Erfahrung heraus haben Sie vielleicht Ideen, wie man den nicht aufzuhaltenden Prozess sanfter gestalten könnte?

Man muss einfach mehr miteinander reden und sich auch von anfänglichen Missverständnissen befreien. Um ein Beispiel zu nennen: Bologna sieht vor, dass ein ECTS-Punkt für 25 bis 30 Stunden studentischer Arbeit vergeben wird. Was hat die deutsche Kultusministerkonferenz gemacht? Sie hat festgelegt, dass in Deutschland eine einheitliche Lesart herrschen soll – 30 Stunden. Das ist aus meiner Sicht eine unnötige Einengung gewesen und einer der Gründe, warum die Arbeitsbelastung der Studierenden in Deutschland höher zu sein scheint als zum Beispiel in skandinavischen Ländern. Aber da kommt jetzt wieder Bewegung ins System, es wird flexibler. Und es gibt auch noch weitere Punkte, die meiner Meinung nach am Anfang falsch ausgelegt wurden und durch die dann irgendetwas unnötig Restriktives dabei herauskam. So muss heutzutage zum Beispiel bis zur Promotionsfähigkeit fünf Jahre studiert werden. Früher ging es auch mit weniger. Eigentlich ist ja die Idee, dass man mehr Flexibilität ins System bringt – nicht weniger.

Wie sieht es mit der Martin-Luther-Universität aus? Gibt es da konkrete Verbesserungspläne? Wir sind ja mit sechs Millionen Euro unterfinanziert. Was kann man da machen?

Man kann alles Mögliche machen. Bei der Lehrerbildung zum Beispiel schaut man schon genau, wo Geld fehlt, und hilft mit Hochschulpaktmitteln finanziell nach. Allerdings muss ich auch unserem Ministerpräsidenten Recht geben, der immer sagt: »Mehr Geld führt nicht automatisch zu mehr Bildung oder besserer Bildung.« Ich glaube, wir leisten uns in großen Teilen des Systems, und das gilt jetzt nicht nur für die MLU, noch vermeidbare Effizienzverluste. Mittel werden nicht immer genau für die richtigen Zwecke eingesetzt, wobei hier aber vor allem die Akteure dezentral viel besser beurteilen und steuern können, weil die ja genau sehen, wo Engpässe und Restrukturierungsmöglichkeiten bestehen. Ich glaube nicht, dass ein zentraler Plan viel helfen würde.

Sie werden also nicht dafür eintreten, neue Gelder zu beschaffen – oder die sechs Millionen Unterfinanzierung auszugleichen? Sie wollen versuchen, das Geld, was man hat, effizienter auszugeben?

Das ist das Einzige, was wir machen können. Wir haben ja leider keinen Goldesel auf dem Schreibtisch stehen. Dass unser Land sich keine Mehrausgaben leisten kann, denke ich, hat sich allgemein herumgesprochen.

Frau Wolff, vielen Dank für das Gespräch.

Unimono

Dieses Interview ist in Zusammenarbeit mit Unimono, dem studentischen Radiosender der MLU entstanden und wurde von Nadja Sonntag und Tom Leonhardt geführt. Wenn ihr auch in die Welt des Hörfunks schnuppern wollt, dann könnt ihr ab nächsten Semester ein ASQ-Modul bei den Radiomachern belegen.

Über Tom Leonhardt

Tom Leonhardt
Ehemaliger Mitarbeiter
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Erstellt: 04.08. 2010 | Bearbeitet: 17.10. 2010 23:00