Okt 2010 hastuUNI 2

Einschreiberekord oder Flop

An der MLU immatrikulierten sich in diesem Semester so viele Studierende wie noch nie. Für die betroffenen Institute ist das kein Grund zum Feiern.

Wirtschaftswissenschaftler Professor Zabel: Schon jetzt türmt sich die Arbeit auf seinem Schreibtisch.

Seit diesem Wintersemester gibt es für einige Studienfächer keine Zulassungsbeschränkungen mehr. Wirtschaftswissenschaft, Soziologie, Politikwissenschaft und Psychologie sind nun frei zugänglich. Die Wirkung blieb nicht aus. Die Zahl der Studienanfänger in diesen Fächern stieg teilweise um mehr als Doppelte an. Da Lehrpersonal sowie räumliche Kapazitäten nicht äquivalent aufgestockt wurden, haben die Institute mit den Folgen zu kämpfen. Bestehende Probleme wie überfüllte Seminare, Wartelisten, Überschneidungen sowie überlastetes Personal haben sich nun noch mehr vergrößert. Widerstand innerhalb der Studierendenschaft formiert sich bereits. Prorektor Weiser verteidigt hingegen die Abschaffung des Numerus Clausus.

»Mitte September erreichte uns die erste Horrorzahl«, berichtet ein studentischer Mitarbeiter des Instituts für Soziologie. Er spricht von der Zahl der Einschreibungen, die bis zu diesem Moment getätigt wurden. Es sind 470. Mittlerweile ist die Zahl noch einmal angestiegen. »Zur ersten Theorie-Vorlesung kamen dann ca. 500. Wir hatten kaum Zeit, darauf zu reagieren. Es wurden Lehrkräfte eingestellt, Tutoren gesucht. Aber nach wie vor reicht das Lehrpersonal nicht aus.« Früher wären auf 180 Studierende fünf Lehrende gekommen, nun seien es zehn für 500. Auch die Zahl der Tutoren sei nur von fünf auf acht Personen aufgestockt worden, obwohl sich die Zahl der Studierenden mehr als verdoppelt hat.

Die Seminare und Tutorien würden nun im Schnitt 50 Personen zählen. Teilweise stehen die Studenten oder sitzen auf dem Boden. Der EDV-Kurs, ein Pflichtmodul im ersten Semester, habe eine Warteliste von 300 Studierenden. Viele Studierende müssten Überschneidungen in Kauf nehmen, da sie sich nicht frei bei Tutorien und Seminaren eintragen durften. Ein wissenschaftlich anspruchsvolles Studium sei durch diese Überlastung kaum möglich.

In den Wirtschaftswissenschaften ist die Situation ähnlich prekär. Derzeit sind ungefähr 850 Studierende eingeschrieben. Auch wenn das Raumproblem durch die Anmietung des Steintor-Varietés und der Händel-Halle gelöst wurde, ist die Situation angespannt. Professor Zabel sieht die Beinahe-Verdoppelung der Studierendenzahl ambivalent: »Einerseits ist es gut, wenn die Universität voll ausgelastet ist, unter anderem auf Grund der Budgetierung. Andererseits waren wir tendenziell schon über unseren Kapazitäten gefahren, und daher ist der Wegfall des Numerus Clausus auch kritisch zu sehen.«

Ein Dozent müsse nun mit drei Assistenten über 850 Klausuren durchsehen. Hinzu kämen weitere Veranstaltungen, in denen viele Studierende sitzen. »Das ist eine enorme Belastung«, bedauert Zabel. »Vor allem die Assistenten kommen an die Grenzen ihrer Belastung. Nicht nur der Service gegenüber den Studierenden leidet. Für die Assistenten wird es schwer möglich sein, im ursprünglich geplanten Zeitrahmen zu promovieren.« Einen weiteren Konflikt sieht Zabel darin, die verschiedenen Niveaus der Studierenden zusammenzubringen. »Es ist eine Riesen-Herausforderung, in einer Vorlesung von 850 Studierenden das Anforderungsniveau einerseits nicht herunterzufahren, andererseits alle mitzunehmen.«

Da diese nun existierenden Probleme zu erahnen waren, habe sich der Bereich der Wirtschaftswissenschaft gegen die Aufhebung der Zulassungsbeschränkung ausgesprochen. Letztendlich sei trotzdem gegen das Votum der Betroffenen seitens des Rektorats entschieden worden. »Wir sind dienstverpflichtet worden«, erklärt Zabel und dankt dennoch dem Rektorat für die bisherige Unterstützung. So seien Mittel für zusätzliche Tutorien bereitgestellt worden. Sieben Tutoren für 850 Studierende seien angesichts der knappen Mittel ein positiver Schritt.

Der Prorektor für Studium und Lehre Professor Weiser freut sich hingegen darüber, dass sich so viele Studierende für Halle entschieden haben. Der Nutzen sei sehr hoch, auch wenn er nicht beziffert werden könne. »Deutschland braucht gute Leute, unser Rohstoff liegt nicht kilometerweit unter der Erde.«

Zugleich spielte auch der Hochschulpakt 2020 bei der Entscheidung gegen den Numerus Clausus eine Rolle. Sachsen-Anhalt bekommt für die Periode 2008 bis 2010 rund 15 Millionen, von denen ungefähr 10 Millionen an die Hochschulen gehen. Damit dieser Betrag auch ausgeschüttet wird, müssen jedes Jahr mindestens 8765 Erstsemester im Land immatrikuliert werden, 35 Prozent davon an der Martin-Luther-Universität. Um dieses Ziel zu erreichen, wurden besonders beliebte Studiengänge mit Überkapazitäten belegt, denn insgesamt ist die Uni Halle nicht ausgelastet.

Prodekan Weiser gibt in diesem Zusammenhang zu, dass in diesem Semester etwas über die Kapazitäten hinaus angenommen wurde. »Wir mussten erst einmal abwarten, solange die Einschreibungen laufen. Man kann nicht erwarten, dass innerhalb von zwei Wochen alle Probleme gelöst sind.« Es soll aber nachgebessert werden. Eine halbe Million Euro wurde bereits für dieses Semester zusätzlich zur Verfügung gestellt. Bisher habe er keine Anträge auf zusätzliche Mittel abgewiesen und würde, wenn es nötig ist, auch weitere bereit stellen.

Finanzieren könnte er sie aus den Hochschulpaktzuwendungen. Auch dadurch, dass in Soziologie, Politik oder Psychologie zulassungsfrei immatrikuliert wurde, kann die MLU mit rund 640 000 Euro Hochschulpakt-Grundfinanzierung rechnen. Zudem werden noch einmal 1,7 Millionen Euro auf Basis verschiedener Indikatoren an die sieben Hochschulen im Land vergeben. Durch die guten Erstsemesterzahlen kann die Uni Halle also mit noch höheren Einnahmen rechnen. Ob diese ausreichen, um die bestehenden Probleme zu lösen, bleibt abzuwarten.

Eine mögliches Einsatzgebiet dieser Mittel wären die Bibliothek der Sozialwissenschaften in der Emil-Abderhalden-Straße. Weiser könnte sich vorstellen, aktuelle Engpässe durch etwas längere Öffnungszeiten aufzulösen. Vielleicht würde sie dann auch am Sonnabend geöffnet. Außerdem könnten zusätzliche Lehrbücher gekauft werden, die dann ausgeliehen werden könnten. Dafür wurden auch finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt. Derzeit hat die Bibliothek Montag bis Freitag 8.00 bis 18.00 Uhr geöffnet, und da es sich um eine Bestandsbibliothek handelt, kann nur ein Teil der Bücher auch ausgeliehen werden. Um vor Ort zu arbeiten, gibt es ca. 36 Arbeitsplätze zur Verfügung. Dem gegenüber stehen die rund 850 eingeschriebenen Studierenden an den Instituten der Politikwissenschaft und der Soziologie – allerdings sind das nur die Erstsemester.

Über Julia Glathe

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Erstellt: 21.10. 2010 | Bearbeitet: 17.12. 2010 17:09