Dez 2010 hastuUNI 0

»Ein Witz«, »Fake« und »Farce«

Die Senatssitzung am 8. Dezember zeigte, dass die Zielvereinbarungen nur noch wenig wert sind.

Zu Beginn der Sitzung im Hallischen Saal gab es gute Nachrichten zu verkünden. Rektor Udo Sträter wies darauf hin, dass Prof. Dr. Ulla Bonas den Leibnitz-Preis, eine der bedeutendsten Forschungs-Auszeichnungen in Deutschland, bekommen hat, was die Senatoren zu spontanem Bei­fall ver­an­lasste. In der 20-jährigen Geschichte des Preises geht er zum zweiten Mal nach Halle. Weniger beziehungsweise gar keinen Beifall gab es für die Verkündung, dass Halle es in das Finale um den Titel »Stadt der Wissenschaft 2012« geschafft hat. In der Endrunde sind außerdem noch Regensburg und Lübeck. Rektor Sträter machte besonders Lübeck als ambitionierten Aspiranten auf den vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft vergebenen Titel aus. „Die sind ja vor kurzem knapp der ›Wegrationalisierung‹ entgangen und werden jetzt umso mehr kämpfen», meinte der Rektor.

Abgelaufene Schonfrist

Einen Hinweis in eigener Sache hatte Prof. Sträter auch noch für das Plenum. Mit seinem Rektorat war er an diesem 8. Dezember 2010 genau 99 Tage im Amt. „Ab mor­gen ist die Schonfrist dann also vorbei», scherzte Sträter. Dass ein Aufstand gegen den Hochschulleiter ausbricht, ist jedoch nicht zu erwarten. Im Senat ist vielmehr eine Art resignativer Realismus eingekehrt, der sich besonders bei den Beratungen über die Rahmenbedingungen offenbarte und in den Ausführungen zum Haushalt von Kanzler Martin Hecht seine Bestätigungen fand.

Zu den Zielvereinbarungen, die das Land mit den Hochschulen in Sachsen-Anhalt ab­schließt, gehören zwei Dokumente, die jeweils drei Jahre gelten. Zum einen ein Rah­men, der für alle Hochschulen gleiche ist, und zum anderen bilaterale Ver­ein­ba­run­gen, die nur zwischen Land und Hochschule gelten. Mit diesen Instrumenten will man Klar­heit und Planungssicherheit im sachsen-anhaltischen Hochschulwesen schaffen. Der­zeit schei­nen sie allerdings zu einer Sammlung von vagen Versprechungen zu ver­kom­men, die kaum mehr ernstzunehmen sind.

Hauptsache überhaupt ein Text

Schon in seinen einführenden Worten machte Udo Sträter recht deutlich, was er von dem derzeitigen Stand der Verhandlungen, die man mit dem Kultusministerium führt, halte. „Ich habe den Eindruck, dass es dem Ministerium derzeit nur darum geht, überhaupt einen Text zu haben, den man dann vorzeigen kann», erklärte der Rektor. In der Tat ist man auf Ministeriumsseite in akutem Zeitverzug. Weil die Vereinbarungen ab 2011 gelten sollen, hätten sie eigentlich Anfang des Jahres fertig sein sollen. „Des­we­gen wird jetzt ein großer Zeitdruck aufgebaut», berichtete Udo Sträter. So sol­len die bi­la­te­ra­len Vereinbarungen zwischen Martin-Luther-Universität und dem Mi­nis­te­ri­um bis Ende des Jahres unterzeichnet werden. Nicht nur Prof. Winfried Kluth empfand diesen Plan aus unausführbar. „In keinem Land der Welt kann man in so kurzer Zeit ei­nen ordentlichen Vertrag machen», kanzelte der Jurist das Vorhaben ab.

Um das enorme Tempo des Kultusministeriums zum eigenen Vorteil zu nutzen, legte das Rektorat zu den Verhandlungen eine bereits fertig ausgearbeitete Vereinbarung vor. Da, wie Rektor Sträter zu berichten wusste, das Ministerium selber unter seinem auferlegten Zeitplan leidet, akzeptierte es die Vorlage als Verhandlungsbasis. Ebenso will man sich von Rektoratsseite frühzeitig mit eigenen Forschungsschwerpunkten po­si­tio­nie­ren und bereits im April 2011 ein Profilentwurf vorlegen. Dieses Vorgehen fand auch beim Senat Anklang und Unterstützung. Hintergrund dabei ist eine bevor­ste­hen­de Sachsen-Anhalt-weite Strukturdiskussion, die eng mit der pre­kä­ren fi­nan­ziel­len La­ge der Hochschulen verbunden ist.

Die Zielvereinbarungen werden zum Witz

Prorektorin Birgit Dräger fasste die Finanz- und Struktursituation der MLU noch ein­mal zusammen. 130 Millionen Euro bekomme die Universität pro Jahr. Damit ist sie un­ter­fi­nan­ziert. Das Land will aber zusätzlich Leistungen wie Internationalisierung, Eva­lu­ation und Nachbesserungen in der Lehre. „Wir haben die Forderungen dann ein­mal in Stellen und dann eben auch Geld umgerechnet und vor­ge­legt», be­rich­te­te Birgit Dräger. „Damit stießen wir nicht auf Wohlwollen.» Aus dieser Lage heraus könne die Martin-Luther-Universität keine weiteren Zusicherungen machen. Vom Land jedoch seien keine zusätzlichen Mittel zu erwarten.

„Die Zielvereinbarungen werden zum Witz, zum Fake», meldete sich nun Prof. Andreas Ranft zu Wort. Der Historiker gab den Wert eines solchen Dokuments zu be­den­ken, in denen keine klaren Worte gefunden und bloß vage Aussagen getroffen wer­den. „Eine solche Grundlage würde sich auch auf die Verhandlungen mit den ein­zel­nen Fakultäten auswirken», mahnte Ranft. In seine grundsätzliche Kritik stimmten weitere Anwesende ein und betitelten die Zielvereinbarungen in diesem Sta­dium bei­spiels­wei­se als „Farce».

Rektor Sträter sprang nun dem Ministerium zur Seite und hob hervor, dass man ge­mein­sam kämp­fen werde. Die Situation ist an dieser Stelle sehr verfahren. Mehr Mittel für die Hochschulen vom Land sind unwahrscheinlich – es werden eher weniger. Wenn erst einmal europäische Fördermittel wegfallen und der Solidarpakt 2019 nicht ver­län­gert wird, stellt sich die Finanzlage Sachsen-Anhalts noch weitaus prekärer dar als jetzt. Aus eigener Kraft erwirtschaftet das Land derzeit nur rund 50 Prozent des jähr­li­chen Budgets.

Strukturdiskussion unausweichbar

Angesichts dieser realistischen Einschätzung der Lage wurden die Wortmeldungen im­mer re­signierter und immer häufiger ein Thema genannt, über das die hastuzeit be­reits An­fang des Jahres berichtete und das auch Rektor Udo Sträter für seine Le­gis­la­tur als ei­ne der wichtigsten Aufgaben proklamierte: die Strukturdiskussion.

Prof. Holm Altenbach machte darauf aufmerksam, dass in den Zielvereinbarungen steht, dass die Struktur der Universität erhalten werden soll. „Wir müssen uns aber auch Vergleichszahlen besorgen, die zeigen, ob andere Universitäten unserer Größe eine ähnliche Fächervielfalt haben», meinte der Direktor des Zen­trums für In­ge­ni­eur­wis­sen­schaf­ten. Rektor Sträter bekannte in diesem Zusammenhang, dass man be­reits Klau­sur­ta­gun­gen zu diesem Thema gemacht habe und es zu ge­ge­be­nem Zeit­punkt in den Senat bringen wird. „Das ist allerdings nicht Gegenstand der Ziel­ver­ein­ba­run­gen.»

Und so blieb wenig Belastbares und ein eher düsterer Ausblick für die Ziel­ver­ein­ba­run­gen. Dieser wurde noch durch die Ausführungen von Kanzler Marin Hecht verstärkt. Er brachte den Senat auf den aktuellen Stand der MLU im finanziellen Bereich. Zuerst mach­te er dabei klar, dass man nicht in Panik verfallen solle. „Das Jahr 2011 ist ge­stalt­bar», war deswegen Hechts erste Aussage. Die Zahlen, die er dann lieferte, klangen je­doch wenig ermutigend.

Die sechs Millionen Euro minus, die auf der letzten Senatssitzung verkündet wur­den, er­hö­hen sich noch einmal um eine Million plus X. Ei­ne mög­li­che Gegenfinanzierung wä­re durch die Gleichverteilung der Hochschulpaktmittel möglich. Diese sollten ei­gent­lich gesteigert über vier Jahre vergeben werden. So könnte die MLU 2011 vier Mil­lio­nen bekommen, darüber muss allerdings noch mit dem Finanzministerium ver­han­delt werden.

Für die drei im Haushalt dann noch fehlenden Millionen – immerhin 60 Stellen – ist vorerst keine Gegenfinanzierung in Sicht. Im schlimmsten Fall müsste man kürzen. Hier fand Hecht dann doch sehr klare Worte: „Der Betrieb würde dann an einigen Stel­len in Verwaltung und den Fakultäten blockiert sein.»

Weitere Themen im Senat: Änderung von Studien- und Prüfungsordnungen, In­ter­na­tio­na­le Graduiertenakademie und weiteres mehr.

Über Julius Lukas

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Erstellt: 09.12. 2010 | Bearbeitet: 19.02. 2011 15:01