Jan 2010 hastuINTERESSE Nr. 31 0

»Die Zukunft sah früher auch mal besser aus«

Zumindest tat sie das in den Augen Karl Valentins. Betrachtet man heute die Utopien vergangener Zeiten, kann man mit Recht sagen, dass wir nicht so weit gekommen sind, wie wir uns vorgenommen haben.

Und dabei begann alles so hoffnungsvoll: Thomas Morus schrieb 1516 einen revolutionären Roman namens »Utopia«. In ihm beschreibt er ein zukünftiges Ideal menschlichen Zusammenlebens. Seine Theorie von einer klassenlosen Gesellschaft, die auf dem Gemeinschaftsprinzip basiert, war Nährboden für eine Reihe von Sozialutopien. Karl Marx und Friedrich Engels überschritten die Grenze der Fiktion, indem sie mit ihrem Kommunistischen Manifest das Streben nach einer idealen Gesellschaft in der Art eines politischen Programms ausformulierten. Damit änderte sich die Perspektive. Ihre Vorstellungen waren nicht nur eine Zustandsbeschreibung, sondern eine praktische Anleitung, wie diese Gesellschaftsform etabliert werden sollte.

Die perfekte Umsetzung missglückte, war aber gleichzeitig für den Bedeutungswandel des Begriffes »Utopie« entscheidend. Die Utopie wurde so zum irrealen Ideal und somit in letzter Konsequenz immer unerreichbar. Dennoch hat sie nichts von ihrer Faszination eingebüßt, gibt sie doch immer wieder neue Denkanstöße für eine mögliche bessere Zukunft.

Die Utopie der Moderne

Gerade die aufkommende Technisierung zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde zu einem Hoffnungsträger für rasanten Fortschritt und gesellschaftlichen Wandel. Mechanische Elemente begannen das Bild von der Zukunft zu prägen. Der Mensch wird wie zum Beispiel in B. F. Skinners Buch »Walden Two« aus dem Jahre 1948 von technischen Geräten wie Lernmaschinen entlastet und schafft sich so die Bedingungen für soziale Gleichheit. Der zu dieser Zeit aufkommende Begriff der Modernisierung war die Summe des bis dahin Erreichten hundertfach multipliziert auf zukünftige Zeiten. Er drückte gleichzeitig ein neues Lebensgefühl, eine neue bewusstse Wahrnehmung und positive Erwartungshaltung der damaligen Gesellschaft aus. Modernisierung war, wie so vieles, am tollsten und beliebtesten, als sie noch neu war, unbefleckt von negativen Erfahrungen.

Die ernüchternde Utopie

Doch die Tötungsmaschinen des Krieges und nachteilige Auswirkungen auf die Lebensqualität durch Verschmutzung und Verunreinigung sensibilisierten die Menschen für die Schattenseiten des technischen Fortschritts. George Orwell und Ray Bradbury versuchten mit ihren Büchern, Menschen genau diese mögliche negative Seite der Zukunft deutlich zu machen.

Technik löst den Menschen als handelndes Subjekt ab und macht ihn zum Opfer seiner selbstkreierten technischen Überzüchtung. Diese Negativutopien bezeichnet man als Dystopien. Sie sind ähnlich aufgebaut wie Utopien, da auch sie Elemente der Gegenwart überspitzt auf die Zukunft übertragen. Jedoch enthalten sie stärker als Utopien Kritik an der aktuellen Gesellschaft und ihrer momentanen Entwicklungstendenz. Die Entstehung von technischen Dystopien zeigt ganz klar, dass die Moderne kontrovers geworden ist. Sie ist so vielschichtig und komplex, dass ihr volles Potenzial nicht überschaubar ist, sondern sogar gegenteilig immer neue Aspekte hinzukommen.

Mit Utopien und Negativutopien wird auf Extreme innerhalb dieser Entwicklung hingewiesen. Gesellschaftlicher Fortschritt speist sich hierbei genau aus der Bewertung solcher ad absurdum geführter Überlegungen. Utopien und viel mehr noch Dystopien ermöglichen einen Blick in eine Was-wäre-wenn-Zukunft und können dadurch in ihrer Vielfältigkeit und Unbegrenztheit als Gedankenexperimente helfen, die heutige Realität zu bewerten und mögliche (negative) Tendenzen frühzeitig zu erkennen. Gleichzeitig offenbaren sie rückblickend Elemente der Gesellschaft ihrer Entstehungszeit und reflektieren somit Wünsche und Ängste zurückliegender Generationen. Sie sind also ein Spiegel der Mentalität ihrer jeweiligen Zeit oder prägen diese durch ihr Wirken.

Moderne Utopien

Daran hat sich bis heute nichts verändert. Nur das Medium ist ein anderes. Wenn wir heute einen Blick in die Zukunft werfen wollen, sehen wir fern. Unzählige Filme wie »Star Trek« und »Matrix« zeigen neue Aussichten und geben durch ihre Visualisierung einen zusätzlichen ästhetischen Input für Neuerungen. In unserer heutigen Zeit sind wir bereits an eine rasche technische Weiterentwicklung gewöhnt, und wir sind uns auch darüber im Klaren, dass sie nur bedingt Einfluss auf den Wandel innerhalb einer Gesellschaft hin zu einem Idealtyp nehmen kann.

Im Zeitalter des rasenden Stillstandes gibt es viele unterschiedliche mögliche Zukunftsausprägungen. Technik wird immer wichtiger als unterstützendes Element, aber ihre Komplexität macht sie nicht für jeden zugänglich. Mit dem Internet ist eine weitere imaginäre Gesellschaft in der Gesellschaft entstanden, die ihren eigenen Utopien von ihrer Welt nachgeht.

Die modernen Utopien sind nicht mehr nur eindimensional und berichten innerhalb eines Themenfeldes. So differenziert die Gesellschaft in modernen Zeiten geworden ist, so differenziert sind auch die Typologien geworden, in denen sich Utopien kategorisieren und ausbuchstabieren lassen. Jeder kann sich heute sein Medium suchen und die Zukunft viel stärker als früher individualisieren. Die Fähigkeit zum Träumen ist schließlich der Pool, aus dem Innovationen entstehen. Somit wird auch die Zukunft – die Vorstellung von einer anderen Welt – von diesen Wunschträumen geformt und damit vielleicht die hiesige verbessert.

Illustrationen: Winsor Mc Cay

Über Akua Osei-Dwomoh

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Erstellt: 22.01. 2010 | Bearbeitet: 09.03. 2010 14:30