Aug 2010 hastuINTERESSE Nr. 33 2

Die Macht an der Universität

Die Professoren haben immer eine Mehrheit. Mitentscheiden können Studenten trotzdem. Sie müssen ihre Chancen jedoch auch nutzen. Über Möglichkeiten und Grenzen der Partizipation an Hochschulen.

Tina Fuhrmann hebt die Hand. Rektor Wulf Diepenbrock erteilt ihr das Wort. Es geht um drei Professuren in der Landwirtschaft, die mit einem einmaligen Budgetzuschuss des Landes bezahlt werden sollen. Tina fragt, warum man die Stellen befristen wolle, wo sie doch auch der Lehre langfristig zugute kommen würden. Die Studentin spricht keine 30 Sekunden. Weitere Redner folgen. Einer hält einen Monolog über fünf Minuten.

Für Tina Fuhrmann ist dieser Ablauf mittlerweile zur Normalität geworden. Sie befindet sich an diesem 12. Mai 2010 auf einer der letzten Sitzungen des alten Senats. Zusammen mit Professoren und Mitarbeitern der Martin-Luther-Universität berät sie über die wichtigsten Entscheidungen an der Hochschule. »Man kann hier am meisten bewegen«, erläutert Tina ihre Motivation für das Amt. Als sie letztes Jahr als studentische Senatorin kandidierte, war sie gerade erst im zweiten Semester. Über die Liste der Sozialdemokratischen Hochschulgruppe Halle (SHG) schaffte sie den Sprung ins oberste Gremium der Universität.

Forderung nach Mitbestimmung

Immer wieder werden Stimmen laut, die fordern, dass es mehr Stellen, wie die von Tina geben sollte. Besonders bei den Bildungsprotesten des vergangenen Jahres wurde als einer der zentralen Punkte mehr Mitbestimmung an den Hochschulen gefordert. Wäre die studentische Stimme mehr gehört worden, so hätte man einige Fehler bei der BA-/MA-Reform vermeiden können und mancher Dissens wäre nicht entstanden, so die Überzeugung hinter der Forderung. Dass die Studenten an vielen Universitäten jedoch noch immer wenig Mitbestimmungsrecht haben, illustriert ein Beispiel aus Bayern.

Anfang Juni fanden an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) Präsidentenwahlen statt. Der höchste Posten der Hochschule wurde dabei vom sogenannten Hochschulrat gewählt. Das Gremium besteht zur Hälfte aus Hochschulangehörigen und zur Hälfte aus externen Personen. So ist der Vorstand des Hochschulrates gleichzeitig in der Unternehmensführung des Versicherers Münchner Rück beschäftigt. Unter den insgesamt 16 Personen befindet sich nur ein Student, was bei vielen der 45 000 Hochschülern der LMU Befremden hervorruft. Gerade über die höchste Personalie der Hochschule haben sie quasi keine Entscheidungsgewalt. Die Wahl am 1. Juni dieses Jahres illustrierte diese Ohnmacht eindrücklich. Der eher konservative amtierende Präsident Bernd Huber trat gegen den Philosophieprofessor Julian Nida-Rümelin an, der für den Erhalt von Orchideenfächern und eine studierendenfreundliche Universität eintrat und bei den Münchner Studenten hoch im Kurs stand. Nida-Rümelin ging offensiv mit seiner Kandidatur um, zeigte mediale Präsens, wohingegen sich Huber sämtlichen öffentlichen Äußerungen verweigerte. Gewählt wurde er trotzdem. Nur ein Ratsmitglied stimmte nicht für Huber. Der studentische Vertreter im Gremium sprach sich auch nach der Wahl für Nida-Rümelin aus.

Gerichtlich verordnet: Professorenmehrheit

Ähnlich wie im Münchner Hochschulrat sind die Gewalten in allen universitären Gremien bundesweit verteilt. An der Martin-Luther-Universität zum Beispiel sind 86 Prozent der Hochschulangehörigen Studierende. Das Sagen haben jedoch andere: die Professoren. Obwohl nur 1,7 Prozent (mit Juniorprofessoren 1,9 Prozent) der Mitglieder der Uni Halle Lehrstuhlinhaber sind, haben sie in den Gremien immer eine Mehrheit, die sogenannte Professorenmehrheit.

Sobald sich eine Diskussion dem Thema Professorenmehrheit nähert, wird der Beschluss des Bundesverfassungsgerichts von 1973 angeführt. In diesem als »Hochschul-Urteil« bekannten Rechtsspruch sahen die obersten Richter es als notwendig an, dass Professoren immer eine Mehrheit in den universitären Entscheidungsinstanzen haben, damit sie nicht in ihrem Recht auf Freiheit der Wissenschaft und Lehre eingeschränkt werden können. Solange es dieses Urteil gibt, wird es immer wieder in Frage gestellt und mit Alternativen konfrontiert. So wäre ein mögliches Gegenkonzept die paritätische Verteilung der Plätze in einem Gremium. Besteht eine Instanz beispielsweise aus vier verschiedenen Statusgruppen, so würde jede ein Viertel der Plätze im Gremium bekommen, sodass keine Partei ihren eigenen Willen gegen alle anderen durchsetzen kann.

Denn genau dieses Szenario ist an jeder Hochschule möglich, solange die höchsten Hochschullehrer eine automatische Mehrheit besitzen. Auch Tina Fuhrmann hat manchmal das Gefühl, dass die Professoren ihre Macht nutzen, um bestimmte Themen nicht zu diskutieren: »Da kommt dann die typische Antwort: ›Das wird vertagt‹ oder ›Wir verhandeln es später‹. «

So war es auch, als man über das Hochschulgesetz im Senat debattierte und die studentischen Senatoren forderten, dass jedem Bachelorabsolventen in Sachsen-Anhalt ein Masterplatz garantiert werden soll. »Da hat man ganz groß dagegen geschossen, zumal wir nicht nur Senatsprofessoren gegen uns hatten, sondern auch Dekane«, erzählt Tina. »Es wurde auf jeden Fall erst einmal mit dem Verweis, es könne auch auf Uniebene geregelt werden, abgelehnt. Wieder angesprochen wurde es aber bis heute nicht.«

Nutzen, was wir haben

Der Romanistikprofessorin Edeltraud Werner sind aus ihrer Zeit im Fakultätsrat der Philosophischen Fakultät II solche Praktiken fremd: »Also es war nie so, dass die Professoren als Einheit irgendetwas gegen den Willen der anderen Mitglieder durchgedrückt haben.« Zudem, bemerkt die Studiendekanin »sind die Professoren ja auch keine homogene Gruppe, die als Einheit handelt.« Werner spricht sich für eine Professorenmehrheit aus, weil die Lehrstuhlinhaber am Ende ja auch für Lehrangebote und Forschung verantwortlich seien.

Die Sitzverteilung in den universitären Gremien ist ein kontroverses Thema. Nüchtern betrachtet, ist sie undemokratisch, hat aber durchaus eine Legitimationsgrundlage, für die die Studierenden selber gute Argumente liefern, wie auch Rektor Wulf Diepenbrock bemerkt. In einem Interview mit der hastuzeit im April weist er auf die Möglichkeiten zur Partizipation und ihre Inanspruchnahme hin: »Bevor wir die Beteiligung ausdehnen, sollten wir erst einmal das, was wir haben, besser nutzen.«

Eine solche Möglichkeit gab es in den Instituten der Philosophischen Fakultät II Anfang des Jahres. Vom Dekanat iniziiert fanden dort Vollversammlungen statt. »Wir wollten evaluieren, wie die neuen Studienprogramme angelaufen sind«, erklärt Studiendekanin Edeltraud Werner, »wobei uns auch die Stimme der Studierenden wichtig war.«

Der Andrang bei den Vollversammlungen war durchaus unterschiedlich. »Bei der Slawistik waren zum Beispiel sehr viele Studierende anwesend, wohingegen die Romanistik schlecht besucht war«, erinnert sich Werner. Auch die Vollversammlung der Medien- und Kommunikationswissenschaften gab ein eher trostloses Bild ab. Das Verhältnis Dozenten zu Studenten lag zeitweise bei eins zu eins. »Ein bisschen mehr studentisches Interesse hätte ich mir schon gewünscht«, resümiert Edeltraud Werner.

Beteiligung auf anderen Wegen

Dass die Möglichkeiten zur Partizipation da sind, aber nur von wenigen genutzt werden, beobachtet auch Tina Fuhrmann: »Das fängt bei einer geringen Wahlbeteiligung an und endet bei Kommissionen, die keinen studentischen Vertreter haben, weil einfach niemand die Aufgabe übernehmen will.« Und selbst gewählte Gremiumsmitglieder nutzen ihr Amt zum Teil gar nicht. So blieb der Platz eines studentischen Senators fast die gesamte Legislatur leer, wie Tina erzählt.

Wenn die Chancen sich einzubringen, nicht genutzt werden, wird es schwer, die Forderung nach mehr Partizipation aufrechtzuerhalten. Da das Interesse an Hochschulpolitik gering ist, muss man vielleicht einen direkteren Weg suchen, um Beteiligung zu generieren. Im Vorfeld zur Rektorenwahl an der Martin-Luther-Universität wurde zum Beispiel dazu aufgerufen, Vorschläge einzureichen.

Die Fachschaft Gestaltung an der Bauhaus-Universität Weimar initiierte sogar einen Blog, um aktive Teilnahme zu ermöglichen. Er trägt den Namen »Was ihr wollt« und stellt die Studierenden der Hochschule vor klare Entscheidungen. So wurde Anfang des Jahres die Frage verhandelt: »Wen wollt ihr als Grafikdesigngastprof?« Bis zur Schließung der Kommentarliste wurden 34 Meinungen abgegeben und viele Kandidaten gesammelt, die anschließend zu einer Prioritätenliste zusammengefasst und an die Berufungskommission übergeben wurde.

Deren Vertretern, die auch in Weimar mehrheitlich Lehrstuhlinhaber sind, musste man nun vertrauen. Lisa Rost vom FSR Gestaltung sieht die Liste trotzdem in guten Händen: »Wir sind in der glücklichen Verfassung, dass die Professoren größtenteils auf uns hören. Das Sammeln von Vorschlägen ist erfahrungsgemäß sehr erfolgreich.«

Ein bisschen Kontinuität

Selbstverständlich ist nicht jede Hochschule in einer solchen »glücklichen Verfassung«. Es ist jedoch trotzdem anzunehmen, dass die Entscheidungshoheit bei den Professoren in den meisten Fällen in guten Händen ist. Der Grund: ihr Sachverstand. Die höchsten Lehrer an der Hochschule sind in ihrer Position so ziemlich am Ende der akademischen Leiter angelangt und haben über viele Jahre hinweg den Wissenschaftsbetrieb miterlebt. Sie sind nicht allein Experten in ihrem Fachgebiet, sondern auch in der Hochschulpolitik. Ihre Erfahrung macht sie zumindest den Studenten in den Gremien überlegen.

Für die studentischen Vertreter ist eine längerfristige Wirkungszeit fast unmöglich. Tina Fuhrmann und ihre Mitsenatoren kamen 2009 komplett neu in den Senat. »Wir mussten uns erst einmal in das Gremium einfitzen und am Anfang hatte ich schon das Gefühl, dass man ein Jurastudium braucht, um im Senat mitzuarbeiten«, erzählt Tina. Ein Jahr brauche es, um richtig mitarbeiten zu können, meint die Studentin. Bei einer Regelstudienzeit von sechs Semestern sind allerdings zwei Jahre Gremientätigkeit für die wenigsten möglich. Tina Fuhrmann jedoch hat sich noch einmal aufstellen lassen. Über die Liste der SHG hat sie erneut einen Sitz im Senat bekommen und wird im nächsten Jahr ihre Arbeit fortsetzen. Themen sind genug da. So hat sie sich in der Sitzung am 12. Mai auch dafür stark gemacht, dass alle Masterstudiengänge an der MLU kostenfrei sind. Das Thema wird den Senat in der nächsten Legislatur erneut beschäftigen.

Illustrationen: Susanne Wohlfahrt

Über Julius Lukas

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Erstellt: 05.08. 2010 | Bearbeitet: 26.07. 2011 15:23