Jan 2010 hastuUNI Nr. 31 0

Die abnehmende Qualität der Sprachpraxis

Einige Hintergründe und warum Studenten sich dagegen wehren.

Der Student, der eine Kultur zum Studienobjekt hat, wie zum Beispiel der Anglist/Amerikanist, hat sich zum Ziel gesetzt, alles Mögliche über diese zu lernen. Dabei behilflich sind ihm unterschiedliche Bereiche der Wissenschaft, als da wären die Geschichte, die Literatur sowie die Linguistik. Es gibt noch einen weiteren Teilbereich, in dem er unterrichtet wird: die Sprachpraxis. Doch deren Qualität an der Martin-Luther-Universität ist nun bedroht.

Once upon a time …

Als im Juni letzten Jahres eine deutschlandweite Streikwelle der Studenten für Aufsehen sorgte, formierte sich eine Gruppe von Studenten aus dem Institut für Anglistik und Amerikanistik an der MLU, um direkt für die Belange ihrer Einrichtung zu kämpfen. Unter dem Namen »Let’s Get Organized!« realisieren sie Plenen und Protestaktionen.

Das derzeitige Hauptaugenmerk liegt auf der Sprachpraxis, der Bereich, in dem die Studenten den fehlerfreien Umgang mit der Sprache in Wort- und Textform beigebracht kriegen. Seit dem Weggang von Professor Dr. Martin von Schilling im letzten Sommersemester wird die Verantwortung von einer einzigen Vollzeitkraft getragen. Wie nervenzehrend dies sein kann, konnten viele Studenten bereits Anfang des Semesters feststellen. Falls sie Marjorie Willey in den Gängen des Instituts in der Dachritzstraße vorbeihuschen sahen und die sonst sehr aufgeschlossene und hilfsbereite kleine Dame ansprachen, bekamen sie meistens nur ein abwehrendes Wort oder eine Geste als Antwort.

Same procedure as every year!

Nach dem Ausscheiden eines Dozenten tritt die so genannte Vakanzzeit in Kraft. Sie besagt, dass die Stelle erst nach neun Monaten neu besetzt werden kann. Eine direkte Zusage für die Neubesetzung nach der abgelaufenen Frist ist damit allerdings nicht erteilt. Dass die Stelle aus anderen Gründen danach gestrichen wird, ist deshalb nicht auszuschließen. Der fehlende Bedarf einer weiteren Stelle ist solch ein Grund. Bei der derzeitigen Lage des Bundeslandes kann man davon ausgehen, dass finanzielle Engpässe auch als Grund herangezogen werden.

Bereits jetzt sieht die Lage für die Studenten nicht gut aus. Bei überfüllten Kurssälen kommt es öfter vor, dass Teilnehmerzahlen auf 30 heruntergebrochen werden und der Rest von ihnen auf das nächste Semester oder andere Kursangebote vertröstet werden muss. Mit vier Lehrbeauftragten versucht man dem entgegenzuwirken – mit nur mäßigem Erfolg. Bedingt durch die begrenzte Stundenanzahl, die diesen Lehrkräften zusteht, und einer Übertragung der administrativen Aufgaben, wie Prüfungsvor- und -nachbereitung, auf eine Vollzeitkraft sinkt unweigerlich die Qualität des sprachpraktischen Angebots. Einziger Hoffnungsschimmer ist ein vom Dekan unterzeichneter Zettel, auf dem er die Neubesetzung der Stelle zum nächsten Wintersemester zusagt. Eine Errungenschaft von »Let’s Get Organized!« und einem Aufmarsch von rund 80 Mitstudenten im letzten Jahr. Doch wie viel diese Unterschrift letztendlich zählt, bleibt abzuwarten.

Individual case or general rule?

Schaut man nun in die räumlich benachbarten Institute der Romanistik und Slavistik, dann fällt einem sofort die allgemeine schlechte Lage der Sprachpraxis an der MLU ins Auge. Auch hier fehlt es bereits jetzt an finanziellen Mitteln. Einige Studenten beanstanden zum Beispiel den Mangel an Lehrpersonal für adäquaten Sprachunterricht. In vielen Instituten gibt es meist nur eine Handvoll Lehrender, die begrenzt und unter fortwährender Gefährdung ihrer Stellen arbeitet. So gibt es zum Beispiel in der Südslavistik nur einen Sprachdozenten, der derzeit auch nur auf Honorarbasis arbeiten kann und zusätzliche Kosten allein tragen muss.

Die Französin Marie-Claude Lühne arbeitet im Lektorat Französisch und betreut beinahe im Alleingang Studenten in der Sprachpraxis. Ihr steht eine Lehrkraft zur Seite, welche ihr – aus dem Ruhestand zurückgekehrt – unter die Arme greift. Bereits seit 20 Jahren ist Frau Lühne in diesem Bereich tätig und hat dabei schon einiges miterlebt. Sie sieht vor allem Veränderungen, die sich auf lange Sicht entwickelt haben:

»Wo früher die Muttersprachler und Lektoren wichtig waren, um den Studenten ein authentisches Bild der Sprache zu vermitteln, übernehmen heute viele Austauschprogramme und Auslandsreisen diese Aufgabe.«

Dadurch ist es jedoch schwieriger geworden, die Studenten gemäß ihrer sprachlichen Fähigkeiten in Gruppen (Niveaus) zu sortieren. Auch deswegen sinkt bei einigen das Interesse für eine aktive Beschäftigung mit der Sprache, wohingegen andere spielend leicht in das nächste Niveau aufsteigen.

»Erschwerend kommt hinzu, dass es äußerst schwierig ist, für den Unterricht auch noch geeignetes Personal zu finden, was für eine geringe Bezahlung oder gar nur für ein Praktikum nach Halle kommt.«

Good old Bachelor

So kommt man auch gleich zu dem nächsten Problem der Sprachpraxis kleinerer Institute. Über Jahre wurden Sprachpraxiskurse in einer ausgiebigen Vielfalt angeboten. Mit der Einführung des Bachelor-Systems wurde dieses Angebot in einen dreijährigen Studiengang gepresst. Dabei wurde die Anzahl und Bandbreite der Kurse beschnitten, was der Entwicklung des individuellen Studenten zum Nachteil gereicht. »So gibt es für die romanischen Sprachen zum Beispiel nur einen Übersetzungskurs im ganzen Bachelor-Studiengang«, meint Frau Lühne. Hinzu kommen überfüllte Kurse, was der eigentlichen Sprachpraxis im Kurs weniger zweckdienlich ist.

Die angestrebten Studentenzahlen sind nach Frau Lühne sowieso ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite brauche man sie, da dadurch Gelder in den Topf der Institute fließe, auf der anderen Seite sei nicht ausreichend Lehrpersonal vorhanden, um sie entsprechend zu unterrichten.

Prospectus

»Ohne Sprachunterricht machen „Interkulturelle Studien» für mich keinen Sinn und deshalb muss ich mich dafür  einsetzen. Wir sollten Entscheidungen von oben über unsere Bildung nicht einfach tatenlos über uns ergehen lassen!«
Marie Alpermann, Studentin der Slavistik
Auch in anderen Instituten regt sich deshalb Widerstand in kleinen Gruppen, die sich für den Erhalt und eine gute Qualität der Sprachpraxis einsetzen. So planen in der Slavistik Studenten eine Vollversammlung am 28. Januar, wo man versuchen will, Probleme auf Institutsebene gemeinsam zu lösen. Auch an der Japanologie gibt es Engagement. So haben sich Studenten älteren Semesters dafür eingesetzt, dass Tutorien für die Erstsemester geschaffen werden, in denen sie den neuen Mitstudenten auch sprachpraktische Unterstützung anbieten.

Doch in der Japanologie gibt es noch ein weiteres Problem, was auch in den anderen Instituten vorzufinden ist. Um ihre Ziele und Forderungen durchzusetzen, reicht es nicht immer aus, dass nur die Studenten aktiv werden. Neben den begrenzten Machtbefugnissen der einzelnen Lehrkräfte, wie bei Frau Willey und Frau Lühne, die trotz mehrmaligen Appellierens an die Universitätsführung kaum mit Unterstützung rechnen können, verhindern oft auch interne Unstimmigkeiten ein geschlossenes Auftreten. So gibt es sowohl in der Japanologie als auch in der Amerikanistik/Anglistik Spaltungen innerhalb der Institute. Solange diese Streitigkeiten nicht beigelegt werden, sehen sich die Studenten gezwungen, alleine für ihre Interessen in der Sprachpraxis einzustehen.

Weitere Informationen unter:
StudIP: Let’s Get Organized!

Über Robert Dobslaw

Erstellt: 23.01. 2010 | Bearbeitet: 09.03. 2010 14:30