Feb 2010 hastuUNI 0

„Der Wille war nicht da»

Ein Gespräch mit Professor Altenbach über die Schließung der Ingenieurwissenschaften und die Zukunft der Hochschullandschaft.

Professor Holm Altenbach hat seit 1996 den Lehrstuhl für „Technische Mechanik» an der Martin-Luther-Universität inne. Seit 2006 ist er zudem Geschäftsführender Direktor des Zentrums für Ingenieurwissenschaften, das nach der Schließung des Fachbereichs Ingenieurwissenschaften gegründet wurde. hastuzeit sprach mit Professor Altenbach über die Gründe und den Prozess der Schließung und die Zukunft der Hochschulen in Sachsen-Anhalt.

hastuzeit: Professor Altenbach, die Ingenieurwissenschaften gibt es seit 1993 in Halle. Wie kam es damals zur Neugründung?

Prof. Altenbach vor dem Zentrum für Ingenieurwissenschaften

Prof. Dr. Altenbach: Nach der Wende wurden alle DDR-Hochschulen evaluiert und die Veränderungen im Hochschulerneuerungsgesetz festgehalten. Die Technische Hochschule Merseburg sollte in ihrer Struktur nicht weitergeführt werden. Eine Reihe von wissenschaftlichen Gebieten wurde aber trotzdem für sehr gut befunden, darunter die werkstoffwissenschaftliche und die verfahrenstechnische Orientierung als Komponenten der Ingenieure. Diese beiden Bereiche und viele Mitarbeiter wurden zu Bestandteilen der Martin-Luther-Universität. Zunächst waren es selbstständige Fachbereiche und ab 1998 ein gemeinsamer Fachbereich ‚Ingenieurwissenschaften‘ unter dem großen Dach der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät. Mit der Neustrukturierung der gesamten Universität 2006 wurden die Fachbereiche zugunsten der Fakultäten geändert, mit Ausnahme der Ingenieurwissenschaften, die geschlossen wurden. Zur Fortführung der existenten Aufgaben wurde das Zentrum für Ingenieurwissenschaften gegründet, das Aufgaben – und das ist wichtig – in Lehre und Forschung hat. Das heißt, wir sind nicht nur zur Abwicklung da, sondern haben auch grundsätzliche Aufgaben, die uns bis heute auch noch niemand weggenommen hat.

Es standen 2006 ja mehrere Fächer zur Disposition. Warum traf es die Ingenieurwissenschaften?

Im Bereich der Spekulation kann man darüber nachdenken, dass, wenn in einem Ministerium viele Physiker sitzen, diese Entscheidung vielleicht dem Ausbau der Physiker geholfen hat. Das Geld war endlich und das Gebäude, was die Naturwissenschaftliche Fakultät II jetzt bezogen hat, haben wir noch geplant. Wir sollten dort drüben einziehen.

Die Entscheidung gegen die Ingenieurwissenschaften kommt also anderen Instituten zugute?

Die sind deswegen vielleicht nicht mehr geschrumpft worden. Grundsätzlich hat man uns aber aus finanzpolitischen Gründen geschlossen und zum Schluss nur auf das Budget geschaut.

Ist das Konzept, mit Schließungen Geld zu sparen, aufgegangen?

Das Konzept des Ministeriums ist grundsätzlich falsch. 2004 habe ich Sparauflagen in Höhe von 2,7 Millionen Euro mit dem Ziel 2006 bekommen. Die konnten keinesfalls erfüllt werden. Mit dem Ziel 2008 habe ich der Uni angeboten, dass ich eine Million Euro bei den Personalkosten aufbringe und eine zweite Million durch die Liquidation des Standortes Merseburg, wo wir zur Anmietung gewesen sind. Danach war das Ende der Fahnenstange erreicht. Die restliche Summe hätte ich nicht irgendwie vertrauenswürdig anbieten können. Die 2,7 Millionen Euro waren also nicht zu schaffen.
Nachdem aber der Entschluss gefasst wurde, die Ingenieurwissenschaften in Halle zu schließen, wuchs dieser Betrag, also die Summe, die man mit uns einsparen wollte, auf fünf bis sechs Millionen Euro an. Der Gesamtwert der Personalkosten des Bereichs betrag damals ungefähr acht Millionen Euro. Davon sind dann Teile in andere Fakultäten transferiert worden, weswegen nicht die volle Summe zu Buche schlug. Die Differenz zwischen den zwei Millionen Euro, die ich angeboten habe und den sechs Millionen Euro, die uns aufgedrückt worden sind, beträgt ungefähr vier Millionen Euro. Und genau diese Summe fehlt ja auch 2010 im Haushalt. Es ist nicht eingespart worden und es geht auch nicht.

Ein erklärtes Ziel war es auch, Dopplungen der Fächer an den Universitäten zu vermeiden. War dieses Vorhaben erfolgreicher?

Es ist sehr schwierig, die beiden Universitäten in die gewünschten Formen zurückzuentwickeln, also hier Natur- und Geisteswissenschaften und in Magdeburg die technischen Profilierungen. Bis heute gibt es eine große Geisteswissenschaftliche Fakultät in Magdeburg und auch die Lehrerausbildung ist nicht vollständig aufhebbar. Umgekehrt ist durch das Wegbrechen der großen ingenieurwissenschaftlichen Kompetenz hier in Halle auch eine schwierige Situation entstanden, weil dem Max-Planck-Institut und dem Fraunhofer-Institut mit uns ein wichtiger Partner fehlt. Wir werden hier gebraucht, weil der Bedarf an ingenieurwissenschaftlicher Kompetenz in der Region in Zukunft wieder steigen wird.
Insgesamt wurde die Vermeidung von Dopplungen aber auch nicht ernsthaft verfolgt. Man hat einzig und allein die Ingenieure und die Lehrerausbildung aufgelöst. Bei uns führte das dazu, dass man Unikate vernichtet hat. Wir sind der einzige universitäre Ausbilder im Bereich Bioingenieurwesen, Umweltingenieurwesen und Werkstoffwissenschaften. Das Sparziel ist zwar formuliert, aber nie ernsthaft umgesetzt worden. Von anderen Bereichen, wie den Wirtschaftswissenschaften, die es an jeder Hochschule im Land gibt, wird immer noch behauptet, sie wären alle so einmalig. Das ist schwer nachzuvollziehen.

Welche Schritte wurden von Ihrem Fachbereich unternommen, um eine Schließung zu verhindern?

In den Jahren von 2002 bis 2004 haben wir genügend Vorlagen mit Argumenten für die Ingenieurwissenschaften erstellt. Wenn aber das Kultusministerium einen Gutachter aus Braunschweig bestellt und dieses Gutachten so bösartig formuliert wird, dass es dem Ministerium noch nicht gefällt und es das Gutachten weiter bearbeitet, dann fragt man sich, ob argumentieren überhaupt Sinn macht. Wäre der Wille, etwas zu bewahren, da gewesen, dann hätten wir das sicherlich durchgekriegt. Aber der Wille war nicht da. Wir hatten sogar schon einen Plan zur Umstellung der Studiengänge auf Bachelor und Master. Unser Konzept sah vor, dass man fünf Jahre für ein komplettes Ingenieurstudium braucht. Nach drei Jahren konnte man den Bachelor bekommen und ihn mit anderen Fächern kombinieren, zum Beispiel Wirtschaftswissenschaften. Wer also nicht zu Ende studieren wollte, hätte die Chance gehabt, vorher auszusteigen, allerdings nicht berufsqualifizierend. Um selbstständig als Ingenieur zu arbeiten, braucht man vier bis fünf Jahre.
Das Ministerium schlug uns nun aber ein reines Masterprogramm vor. Wir haben auch gemeinsam evaluiert, wie das Einstiegsprofil sein sollte. Das Ministerium meinte, wir dürften auf die Fachhochschulen zurückgreifen. In Sachsen-Anhalt haben aber die Fachhochschulen das Recht, Masterprogramme ohne Schwierigkeiten aufzulegen. Da der Ingenieurstudent, wenn er die Möglichkeit bekommt, an derselben Einrichtung weiter zu studieren, dies meistens tut – wir sind nicht die Wandervögel der Wissenschaft –, war die Frage, wen wir dann überhaupt anlocken könnten. Uns wurde dann noch nahe gelegt, die Ausbildung von Physikern und Chemikern in ingenieurwissenschaftliche Richtung zu übernehmen. Dazu hätte man alle Grundlagen der ersten zwei Studienjahre im Master vermitteln müssen. Das ist unglaubwürdig und deswegen habe ich es abgelehnt. Wenn andere das machen, dann ist das ihre Sache, ich kann es fachlich nicht verantworten. Insofern waren und sind alle Konzepte zum Erhalt oder Nicht-Erhalt meiner Auffassung nach völlig unglaubwürdig.

Über welchen Weg wurde denn die Schließung Ihres Fachbereichs erreicht? Wer bestimmte, dass die Ingenieure aus Halle weg sollen?

Solche Strukturfragen können und werden heute mit Zielvereinbarungen festgelegt. Das ist ein Instrumentarium, das Hochschulen große Autonomie zusichert. Leider ist das, was in Sachsen-Anhalt läuft, eine rein bürokratische Nummer. Wenn man sich die Zielvereinbarung des Landes mit den Universitäten von 2003 anschaut, dann kann man überhaupt nicht erkennen, dass die Ingenieurwissenschaften geschlossen werden sollen. Das haben andere anscheinend auch erkannt und deswegen gibt es die Ergänzungen zu den Zielvereinbarungen, um bei einer Laufzeit von fünf Jahren auch zwischendurch zu modifizieren. Das war damals nach knapp einem Jahr schon der Fall.
Zielvereinbarungen sind allerdings rechtsstaatlich gesehen auch fraglich. Sind es Verträge auf Augenhöhe? Positiv gesehen schon. Derzeit ist es eher so, dass die eine Seite recht verbindliche und die andere eher unverbindliche Zusagen macht. An der Universität wird so eine Zielvereinbarung durch den Senat beraten und abgestimmt, dann von Kultusminister und Rektor unterzeichnet.

Was ist, wenn der Senat eine Zielvereinbarung nicht akzeptiert?

Das ist eine Stelle, an der das System versagt. Theoretisch wären die Zielvereinbarungen dann gescheitert. Das Hochschulgesetz bringt den Rektor allerdings in die Lage, zu entscheiden. Die Zusatzvereinbarung, die die Abschaffung der Ingenieurwissenschaften enthielt, ist damals auch in den Senat gegangen und dort entstand nun eine Patt-Situation. Eigentlich ist das unmöglich, weil der Senat eine ungerade Zahl Mitglieder hat und es eine per Gesetz festgelegte Professorenmehrheit geben muss. Aber einige Senatoren waren schon vor der Abstimmung gegangen und deswegen entstand ein Stimmengleichgewicht. Vielleicht hätte der Senat sogar dagegen gestimmt, wenn der studentische Vertreter nicht gegangen wäre. Aber das ist Spekulation.
Nun ist es so, dass, wenn der Senatsbeschluss nicht klappt, der Rektor die Entscheidungsgewalt hat und man damit die innere Demokratie einer Universität von Rektorats- auf Präsidialverfassung ändert. Ein Präsident kann tun und lassen, was er will. Bei einer Rektoratsverfassung ist ein Professor für gewisse Zeit auf Position eins unter Gleichen gesetzt. Er ist kein anderer Professor als ich. Der Unterschied ist, dass ich ihn als Rektor anreden darf und muss.
Zunehmend wird nun, auch durch das neue Hochschulgesetz, Disziplinarhoheit gegenüber den Professoren auf den Rektor übertragen. Im Prinzip ist der Rektor nun mein Dienstvorgesetzter und er muss dieses Amt auch ausüben. Er hat mich zum Beispiel versetzt, woran man sieht, wie unsinnig diese Geschichte ist. Herr Diepenbrock, den ich sehr schätze, hat mich bis an die Grenzen der Universität versetzt, denn genau bis dahin kann er das. Und da bin ich gelandet und nach wenigen Tagen wieder zurückgekommen.

Und das bedeutet?

Die Magdeburger haben mich nicht genommen, weil ich auf die Wahrung meiner Rechte, die in meinem Berufungsprotokoll festgelegt sind, bestanden habe und die konnte man an der Otto-von-Guericke-Universität nicht garantieren. Deswegen fahre ich jeden Tag von Magdeburg, wo ich lebe, nach Halle. Einer der halleschen Professoren ist in Magdeburg, zwei vor Gericht. Und der, der nach Magdeburg gegangen ist, weil er ein lieber Kollege ist und auch das Gerichtsverfahren gescheut hat, den zwickt es am meisten, weil er nun gar nicht mehr weiß, wozu er gehört.
Die Versetzung der Professuren ist kläglich gescheitert. Derzeit ist die Situation sehr festgefahren. Ich glaube, eine Lösung kommt vor meiner Pensionierung nicht mehr zustande. Und ich habe noch zwölf Jahre.

Das Vorhaben, die Ingenieurwissenschaften zu schließen, ist also gescheitert. Wie sieht die aktuelle Situation aus?

Die derzeitige Lösung ist das Zentrum für Ingenieurwissenschaften. Es steht genauso wie die Fakultäten in der Grundordnung. Zudem wurden Sonderregelungen getroffen. Diese gefallen mir bis auf eine Ausnahme sehr gut. Das Zentrum wurde für Forschung und Lehre gegründet. Eine Befristung wurde zwar vom Kultusministerium gewünscht, das habe ich aber abgelehnt. Der Punkt, der mir nicht gefällt, ist die Einleitung der Auflösung. Diese kann durch zwei Personen unabhängig voneinander beantragt werden. Zum einen durch den Geschäftsführenden Direktor und zum anderen durch den Rektor der Universität. Mir hätte es besser gefallen, wenn nur beide zusammen sie beantragen könnten.

Gibt es schon einen Antrag?

Bis jetzt ist die Auflösung nicht beantragt und das Zentrum besteht solange weiter, bis einer die Auflösung möchte oder die Grundordnung der Universität entsprechend geändert wird. Aber das passiert selten. Ich habe mich dazu im Herbst letzten Jahres intensiv mit dem Rektor unterhalten und es gab gute Argumente gegen eine Auflösung.

Welche wären das?

Die 50 Haushaltsstellen zum Beispiel, die im Falle einer Auflösung sofort einer neuen Fakultät zugeordnet werden müssten, was dann wieder zu internen Haushaltsschwierigkeiten führen würde.

Wie viele Studierende werden von Ihnen derzeit noch betreut?

Es sind noch 90 eingeschrieben, davon können 70 gut fertig werden. Der Rest wird es nur schwer schaffen. Darunter sind auch Karteileichen. Der älteste Student ist im 39. Semester und war lange vor mir an der Uni. Ich habe ihn allerdings noch nie gesehen.

Es gibt in Sachsen-Anhalt zwei große Volluniversitäten und mehrere Fachhochschulen. Wie sieht die Zukunft der Hochschulbildung im Land aus?

Im Sinne einer klassischen Volluniversität wird weder Magdeburg noch Halle eine Volluniversität sein. In Halle gibt es ein großes Spektrum, aber wenn Volluniversität, dann gehören auch die Ingenieure dazu.
Wenn man mal auf die anderen Einrichtungen schaut, dann sieht man zwei Unikate. Köthen erfüllt ein FH-Profil und liegt, wo nichts anderes liegt. Bei der Fachhochschule Harz ist das genauso. An zwei anderen Standorten liegen Uni und FH dramatisch nah beieinander. An beiden Stellen ist ein Fluss dazwischen. Hier sind es Luftlinie 15 Kilometer, dort sind es fünf.
Wenn unsere Landesregierung sich nun von der Demografie, dem Geburtenknick und was da noch so alles herangezogen wird, leiten lässt und daraus einen Studentenknick prognostiziert, dann muss man sich über zwei Standorte Gedanken machen. Und da wird die Diskussion dann polemisch und am liebsten würde ich nicht mitdiskutieren. Ich halte es aber trotzdem für eine Überlegung wert. Warum nicht die Uni in Halle und die FH in Merseburg oder die Uni Magdeburg und die Hochschule Magdeburg-Stendal zusammenlegen? Nicht, indem man Institute abschlachtet, sondern durch einen langsamen, 20 bis 25 Jahre dauernden, kontinuierlichen Prozess. In Merseburg ist der technisch-naturwissenschaftliche Bereich so schwach, dass er eigentlich überflüssig ist. Dass der sozialwissenschaftliche super ist, ist für das industrielle Wachstum in Sachsen-Anhalt nicht wichtig.
Bei Magdeburg-Stendal ist die Lage ähnlich. Was dort oben in Stendal abläuft, ist makaber. Die Kollegen machen eine tüchtige Arbeit, aber es gab noch nie ein positives Gutachten. Auch der Wissenschaftsrat war dagegen, dass dort überhaupt etwas entsteht. Die Landesregierung wollte die Hochschule Stendal. Wegen der negativen Gutachten wurde es Magdeburg-Stendal. Man kann sich dort oben in Stendal etwas vorstellen, aber dann mit einer ordentlichen Profilierung. Es ist eine strukturschwache Region und Hochschulen sind auch dazu da, Strukturen zu stärken.

In Magdeburg sehe ich die Dopplung der Hochschulen als reine Geldverschwendung. Es ist nicht einmal gelungen, dort eine gemeinsame Bibliothek zu etablieren, obwohl der Buchbestand derselbe ist. Da muss man die Mittel konzentrieren und in Sachsen-Anhalt gibt es viele Möglichkeiten, Ressourcen neu zu verteilen. Alles unter der Maßgabe, dass man die Demografie in den Mittelpunkt stellt. Wenn Bildung etwas wert sein soll und man Betreuungsrelationen verändern will, dann kann man es auch so weiter betreiben. Anscheinend ist das aber nicht so.

Professor Altenbach, vielen Dank für dieses Gespräch.

Auch das Interview mit Professor Andreas Ranft und ein der Artikel „Gründen ist einfacher als Schließen» befassen sich ausführlich mit der Zukunft der Hochschulen in Sachsen-Anhalt.

Über Julius Lukas

, ,

Erstellt: 18.02. 2010 | Bearbeitet: 23.04. 2010 12:16