Jan 2010 hastuUNI Nr. 31 0

Der Wert des Bachelors

Eine halbe Million Menschen studiert derzeit in Deutschland auf ihren Bachelor-Abschluss hin – derweil streiten Wissenschaftler, was das ihnen bringen wird. Aber muss uns das wirklich kümmern?

Wer als Bachelor-Absolvent oder -Student Stellenanzeigen überfliegt, dürfte stutzig werden, denn da findet er sich nicht. Geht es nach den Jobangeboten, könnte man meinen, dass Bologna nur eine Stadt in Italien sei, so verschwindend gering wird nach Bachelor- oder Masterabschlüssen gefragt. Diplomierte und Magister dominieren die »Wunschprofile«. Was bedeutet das für die halbe Million Studierender, die zur Zeit auf die neuen Abschlüsse hinarbeitet?

Die bunte Welt der Statistiken

Nichts, sagt das Internationale Zentrum für Hochschulforschung, genannt INCHER. Dieses Zentrum mit Sitz in Kassel veröffentlichte im vergangenen Oktober eine Studie, für die 35 000 Absolventen aus 48 Hochschulen befragt wurden. Laut der Studie hatten die Absolventen des Jahres 2007 im Durchschnitt nach drei Monaten Arbeit. Das klingt toll, aber was genau war im Jahr 2007 noch mal los?

Von den 35 000 Absolventen hatten etwa 3400 einen Bachelorabschluss gemacht. Das sind nicht einmal zehn Prozent der Studierenden, trotzdem wurde diese Studie von vielen Medien als Plädoyer für den Bachelor herangezogen: »Gute Nachricht für Bachelor-Studenten: In den Arbeitsmarkt fädeln sie sich fast problemlos ein«, schrieb der Tagesspiegel am 8.1.2009. »Hochschulabsolventen starten erfolgreich in den Beruf – auch mit dem umstrittenen Bachelor-Abschluss«, so die Zeit über die Studie. Beide übersahen, dass sich die Arbeitsmarktlage seit 2007 geändert hatte: 2008 kam die Wirtschaftskrise und damit eine Saison der Kurzarbeit und auslaufenden Stellen.

Eine Studie des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) nannte dazu ernüchternde Zahlen: Die Arbeitslosigkeit von Menschen mit Fach- und Hochschulreife sei 2009, verglichen mit dem Vorjahr, um fast 25 Prozent gestiegen. Es wird der Eindruck erweckt, dass Hochschulabsolventen fallen gelassen würden wie heiße Kartoffeln.

Braucht Deutschland Dequalifizierung?

Wenn das stimmt und Hochschulabschlüsse in Zukunft grundsätzlich weniger wert sein werden, kann man die Schuld dafür nicht dem Bachelor in die Schuhe schieben. An der Krise des Arbeitsmarktes hätte auch das gute alte Diplom nichts ändern können. Das bestätigt eine Studie von 2007 aus Hannover, erarbeitet vom Hochschul-Informations-System (HIS). Ein Studium sei ein guter Weg, die eigenen Beschäftigungsaussichten zu verbessern; so gut wie alle Absolventen des Jahrgangs 1997 waren zehn Jahre nach ihrem Abschluss, also vor drei Jahren, vollbeschäftigt und verdienten hervorragend. Wenn es weniger zu arbeiten gibt, geht das naturgemäß nicht mehr. Sicher bleibt: Statistiken sind nicht die letzte Wahrheit.

Der Bachelorabschluss wird vermutlich erst 2015 flächendeckend in Stellenanzeigen zu finden sein. Bis dahin gibt es zumindest zurückhaltende Einschätzungen: Generell sind jüngere Leute eher gefragt als ältere – vielleicht steht dahinter die Annahme, erstere seien formbarer und anpassungsfähiger. Außerdem gilt: Berufserfahrung hat einen viel größeren Stellenwert als die Art des Abschlusses. Statt immer höherer Qualifikation ist Praxiserfahrung gefragt. Wer einmal Arbeit hatte, kriegt eher wieder welche. Pech für alle Berufsstarter, mit oder ohne Bachelor. Wo keine Arbeitsplätze sind, hilft eben auch kein Abschluss, egal wie kräftig vorher reformiert wurde.

Es hilft nichts, sich über den Wert der neuen Abschlüsse den Kopf zu zerbrechen. Besser machen und anpacken! Der Rest ist Zufall.

Über Julia Solinski

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Erstellt: 24.01. 2010 | Bearbeitet: 24.01. 2010 19:33