Mrz 2010 hastuUNI 0

„Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt»

Ein Gespräch mit Professor Ranft über die Zukunft der Hochschullandschaft.

Professor Andreas Ranft ist seit dem Sommersemester 1999 Inhaber des Lehrstuhls für die Geschichte des Mittelalters an der Martin-Luther Universität. Im Wintersemester 2003/2004 wurde er zum Dekan der Philosophischen Fakultät I ernannt. Hastuzeit sprach mit Ihm über die Zukunft der Hochschullandschaft in Sachsen-Anhalt.

Professor Andreas Ranft

Professor Ranft, haben Sie Bedenken, dass die Struktur ihrer Fakultät in zehn Jahren anders aussieht?

Ich denke, dass sich auch unsere Fakultät über Umstrukturierungen Gedanken machen muss. Nicht weil sie schlecht aufgestellt ist, sondern weil wir uns innerhalb einer sicherlich wichtigen Strukturüberlegung für das ganze Land klar werden müssen, wo welche Schwerpunkte angeboten werden sollen. Es wird wichtig sein, festzustellen, welchen Stellenwert, welches Profil und welchen Rang die MLU für das Land haben soll. Die Philosophische Fakultät I steht aber gut da und kann im Wettbewerb bestehen.

Auf universitärer Ebene bezieht sich der Wettbewerb maßgeblich auf die Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Muss man sich hier in Zukunft noch stärker abstimmen?

In der Richtung ist alles möglich. Ob man den Rahmen ausschöpft und sagt, es darf keine Doppelangebote mehr geben, wird man sehen. Im dramatischsten Fall müsste man würfeln, wer was bekommt, aber das macht natürlich keinen Sinn. Man sollte eher innerhalb einer Gesamtstruktur überlegen, was wohin kommen kann. Dabei gibt es natürlich einen Vorlauf. Die Martin-Luther-Universität ist eine klassische Uni, in der geisteswissenschaftliche Fächer einen hohen Rang haben. Dieser Vorlauf und die Tradition der MLU haben wiederum Konsequenzen für Magdeburg, wo die Universität aus ganz anderen Kontexten gewachsen ist. Die Frage ist, wie die Profile der beiden Universitäten aussehen sollen. Der Phantasie sind da keine Grenzen gesetzt.

Haben Sie Angst, dass innerhalb eines offenen Prozesses »kleine« Fächer wegfallen könnten?

Egal ob klein oder groß geht es jedoch grundsätzlich erst einmal darum festzustellen, ob man ein Fach im Land haben möchte oder nicht.

In Halle haben die sogenannten kleinen Fächer vor allem im Zusammenklang mit den großen ein Alleinstellungsmerkmal. Man darf sie also nicht so einfach aufgeben. Egal ob klein oder groß geht es jedoch grundsätzlich erst einmal darum festzustellen, ob man ein Fach im Land haben möchte oder nicht. Brauchen wir beispielsweise hier Historiker, Orientalisten und Politikwissenschaftler? Tatsache ist, dass in den großen Forschungsunternehmen, seien es SFBe, Forschergruppen, Graduiertenkollegs oder –schulen alle Disziplinen unserer Fakultät fachübergreifend eng zusammenwirken. Ohne eine derartige Konfiguration systematischer Fächer und solcher mit regionalwissenschaftlicher Kompetenz wären diese Unternehmen in Halle – und damit für das Land – nicht mehr darstellbar. Diese zentralen Fragen wären also zu stellen.

Und nach welchen Kriterien könnten die beantwortet werden?

Eine Entscheidungsgrundlage wäre zum Beispiel die gewachsene und lebendig gefüllte Tradition in Halle. Wir haben reiche gemeinsame Forschungsfelder prospektiert, die unsere Disziplinen fruchtbar integrieren wie beispielsweise unsere sogar fakultätsübergreifende Initiative »Kultur und Gesellschaft in Bewegung». Soetwas lässt sich nicht so einfach transferieren. Bedenken Sie darüber hinaus, dass man vorhandene und zukünftige hervorragende Wissenschaftler nur dann in Halle halten oder hierher berufen kann, wenn man ihnen mit Verlässlichkeit ein vernünftiges Umfeld bietet. Aber was das angeht, bin ich nicht so pessimistisch, wie die Diskussion im Augenblick geführt wird.

Woher kommt Ihr Optimismus?

Die Gelder, die wir derzeit zur Verfügung haben, reichen für das heutige Studienangebot einfach nicht aus.

Ich habe aber das Gefühl, dass sich die Politik bewegt. Nichtsdestotrotz sind wir unterfinanziert. Die Gelder, die wir derzeit zur Verfügung haben, reichen für das heutige Studienangebot einfach nicht aus. Und zusätzlich müssen wir noch die intensivierte Betreuungsrelation des Bachelor tragen.

Einsparungen durch strukturellen Abbau sind also nicht möglich?

Kurzfristig auf keinen Fall! Lebenszeitverträge machen es unmöglich. Das hat zum Beispiel das Zentrum für Ingenieurswissenschaften gezeigt. Da fehlte es aber auch an Fingerspitzengefühl. Es sollte einen Strukturfonds geben, der den Umbau finanziert. Es geht auf keinen Fall, dass man Bereiche abbaut um später andere zu stärken. Man muss jetzt Bereiche stärken und die anderen dann auslaufen lassen. Dazu muss man aber wissen, wohin die Reise gehen soll. Politischer Wille scheint die Stärkung der Unis zu sein. Aber auch Rückbau und partielle Konzentration müssen betrieben werden, damit das Land auch 2020 noch zukunftsfähig ist.

Wie ist es denn überhaupt zu den Problemen, die wir heute haben, gekommen? Sie vertraten Anfang der 90er Jahre Professuren in Berlin und Greifswald. Können Sie aus Ihrer Erfahrung heraus sagen, ob nach der Wende Fehler in der Entwicklung der Hochschullandschaft gemacht wurden?

Nach der Wende gab es unglaublich viel Geld in einem System, das noch nicht in der Realität angekommen war. Jede Begehrlichkeit und jeder scheinbare Nachholbedarf wurde umgesetzt. In Magdeburg wurde eine Volluniversität gegründet. Das hätte nicht sein müssen. Jeder, der mit mir unter vier Augen redet, sagt heute, dass das Land keine zwei Volluniversitäten braucht. Damals aber war die Euphorie und politische Bereitschaft groß. Man dachte, man brauche die neuen Institutionen. Aus heutiger Sicht war manches davon mit ungedecktem Scheck bezahlt und überstrapaziert nun manchen Landeshaushalt. Ein Fehler war es auch mit Wissenschaftspolitik Standortpolitik zu betreiben. Man meinte, dieser und jener Standort braucht Infrastruktur und da muss dann auch eine Bildungseinrichtung hin. Es ist immer mühsamer, Geschenke, die man verteilt hat, wieder einzuholen. Jetzt muss man gegensteuern und das ist schmerzhaft.

Deswegen ist es nicht zu erwarten, dass eine Umgestaltung der Hochschullandschaft ohne Protest von statten gehen wird. Steht ein kämpferischer Prozess bevor?

Die Frage sollte sein: Wo wollen wir Stärken haben, wo müssen wir Stärken und Profile ausbauen.

Die Sorge, dass es ein harter Kampf wird, ist nicht unberechtigt. Jeder wird um das kämpfen, wofür er steht. Als Professor für mittelalterliche Geschichte wäre ich fehl am Platz, wenn ich nicht wollte, dass dieses Fach hier erhalten bleibt. Deswegen ist es wichtig, dass die Unis nicht allein gelassen werden mit den Entscheidungen. Natürlich ist der Sachverstand der Unis wichtig, aber die Politik muss Entscheidungen in der Bildung gegenüber der Bevölkerung vertreten. Man müsste vielleicht auch von außen Sachverstand dazu holen und die Politik moderieren lassen. Dabei sollte es nicht so sein, dass gesagt wird: Am Ende müssen alle gleich verlieren. Die Frage sollte sein: Wo wollen wir Stärken haben, wo müssen wir Stärken und Profile ausbauen. Die entsprechenden Aussagen müssen nachvollziehbar und verlässlich sein. Die Politik muss den Mut aufbringen, zu entscheiden. Ich habe das Gefühl, dass ein Ruck in der Politik da ist. Und wenn der Ball erst einmal ins Rollen gebracht wird, werden die Universitäten auch mitmachen.

Kann es dann auch dazu kommen, dass Hochschulstandorte komplett zusammengelegt werden? Zum Beispiel Halle mit Merseburg?

Natürlich, man muss hier wirklich ohne Scheuklappen agieren. Man muss alle Strukturen bedenken. Ich glaube, dass man tatsächlich Institutionen zusammenlegen muss. Allerdings darf nicht der Eindruck erweckt werden, dass es dann mit dem Geld geht, dass jetzt im System ist. Ausfinanzierte Hochschulen sehen auch mit geringerer Größe anders aus.

Professor Ranft, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Mehr zur Zukunft der Hochschulen in Sachsen-Anhalt

Auch das Interview mit Professor Holm Altenbach und ein der Artikel „Gründen ist einfacher als Schließen» befassen sich ausführlich mit der Zukunft der Hochschulen in Sachsen-Anhalt.

Über Julius Lukas

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Erstellt: 11.03. 2010 | Bearbeitet: 23.04. 2010 12:13