Okt 2010 hastuPAUSE Nr. 34 0

Der Ort der Angst

Das diesjährige Werkleitz-Festival fand unter dem Titel »Angst hat große Augen« statt. hastuzeit nimmt Euch mit zur Festivaleröffnung.

Es ist einer der ersten wirklich kalten Abende des Herbstes. Eine wachsende Gruppe Menschen findet Zuflucht vor der Kälte im Foyer des Thalia-Theaters. Die Gruppe wird immer größer, so dass sich bereits eine Traube vor dem pompösen Eingangsportal bildet, das mit überdimensionalen Fahnen geschmückt ist. Der Schriftzug »Werkleitz« ist auf ihnen zu lesen. Im Inneren des Foyers ist es duster – am großen, runden Kronleuchter in der Mitte des Raumes glimmt nur eine einzige Sechzig-Watt-Birne. An den schwarz gestrichenen Wänden steht in ebenfalls schwarzer, glänzender Schrift: »Angst hat große Augen«. Das Einzige, was dem Raum Farbe gibt, sind die Besucher. In bunter, schicker Abendgarderobe schwatzen sie fröhlich miteinander und strömen in den großen Kinosaal. Auch hier sind die Wände schwarz, aber das warme Licht, das die türkisfarbenen, sehr weichen Kinosessel beleuchtet, macht den Raum sehr einladend. Der Saal füllt sich fast bis auf den letzten Platz. Die Leute unterhalten sich angeregt weiter, trinken Bier; die, die allein gekommen sind, spielen an ihren iPhones herum.

Angst in der schwarzen Schachtel

Zur Eröffnung des Werkleitz-Festivals lösen sich auf der Bühne, hinter einem hell erleuchteten Pult, nacheinander die Festredner ab. Die Veranstalter und Förderer des Festivals, die alle in auffallend helle Anzüge gekleidet sind, klären auf, dass der diesjährige Austragungsort mit Bedacht gewählt ist: Das Thalia-Theater muss voraussichtlich Ende 2011 geschlossen werden. Das weckt Ängste um die Kulturlandschaft in Sachsen-Anhalt.

Der letzte Redner verlässt unter Beifall das Pult. Das Licht geht aus, das Kino verwandelt sich in eine schwarze Schachtel, und im Publikum quengelt kurz ein Baby. Die Filme, die nun gezeigt werden, stehen unter dem Label »Kurze Ängste« und sind größtenteils wirklich angsteinflößend: Der kanadische Experimentalfilm »Disaster« aus dem Jahr 2000 beweist eine fast seherische Gabe. Genau wie ein Jahr später in der Realität krachen hier Flugzeuge in Modellbauten und sorgen für verheerende Schäden.

Doch es gibt auch witzige Beiträge, die das Publikum zum Lachen bringen. Beispielsweise »Begegnung mit Militärfahrzeugen«, ein Lehrfilm aus den frühen Tagen der Bundesrepublik, in dem darauf hingewiesen wird, dass der Zusammenstoß mit einem Panzer schlimme Folgen haben könnte. Nach dem Applaus stellen sich fünf Künstler der KUNSTrePUBLIK aus Berlin dem Publikum vor und laden die Gäste in das Obergeschoss zu ihrer Ausstellung »Angst in Form« ein.

Muezzin singt Sarrazin

Aus dem großen Kinosaal strömt das Publikum in das Foyer und verköstigt sich am Buffet, bevor es die marmornen Stufen mit den schwarzen, geschwungenen Metallgeländern emporsteigt. In den großen Theatersaal gelangt man durch ein Tunnelsystem aus Pressspanplatten, dessen Wände mit merkwürdigen Plakaten beklebt sind. Der amerikanische Künstler Stephan Apichella-Hitchcock schreibt dort:

Dann weiß ich
von nichts mehr.
Dann stehe ich
vor einem
Plakat und lese,
was ich getan
habe. Und lese
und lese. Das
habe ich getan?

Eine Videoinstallation zeigt einen Mann mit einer Flex, wie er die Spitzen seiner gusseisernen Zaunpfähle schärft. Dann steht in einer Ecke des Saals eine sechs Meter hohe Holzwand, an der Bilder aus Rosenblüten und daneben Faltdrucke hängen. In einem Bretterverschlag findet man Geigerzähler und Bilder, die sich mit den verheerenden Folgen der Radioaktivität auseinandersetzen.
Plötzlich hört man merkwürdige Rufe: Aus einem Lautsprecher, der an dem wuchtigen Kronleuchter in der Mitte des Saales hängt, dringen Laute, wie man sie von den Minaretten der Moscheen kennt, von denen aus der Muezzin zum Gebet ruft.

Philip Horst, schwarzes Jackett, schwarze Designerbrille, schwarze Haare und Künstler der KUNSTrePUBLIK: »Das Projekt mit den Lautsprechern nennt sich Halle Alle und war ursprünglich so geplant, in Halles Innenstadt über Lautsprecher einen Muezzin Statistiken vorsingen zu lassen über den Anteil der Migranten an der deutschen Gesellschaft. Und zwar nicht: Muezzin singt Sarrazins Thesen und Statistiken, die das Negative zeigen. Sondern solche, die zumindest versuchen, ein differenziertes Bild zu geben.« Philip Horst schaut sich um und senkt die Stimme: »Und das stieß auf verschiedene Kontroversen hier in der Stadt. Wir wollten den Roten Turm haben, um die Lautsprecher zu installieren – haben wir nicht gekriegt. Mittlerweile haben wir private Räume zur Verfügung gestellt bekommen. Doch von der Stadt war es nicht gewollt – aus Angst vor unabsehbaren Konsequenzen.« Er macht eine abschätzige Handbewegung. »Aber das ist doch eigentlich das Wichtige an solchen Projekten – dass man sie macht und sieht, was passiert.«

Anstatt des Muezzins kann man nun eine Woche lang, fünfmal am Tag, Schauspieler die beiden Worte »Halle alle« singen hören. »Wir mussten uns auf diesen Kompromiss einlassen«, so Philip Horst mit zusammengekniffenen Augen. »Denn hier in Halle war bei vielen Arbeiten zu beobachten, dass die Behörden Angst davor haben, Verantwortung zu übernehmen.«

Neben dem Ausstellungssaal befindet sich eine Bar. Von der Decke, mit der grüngrauen Tapete, die nur noch in Fetzen vorhanden ist, hängt ein runder Kronleuchter mit einer roten, zwei gelben und vier Glühbirnen, die mit Edding schwarz angemalt sind. Die Gäste sitzen in kleinen Gruppen um eckige schwarz lackierte Tische. Die Leute unterhalten sich, bevor sie in den kleineren Kinosaal gehen.

Ökonomien der Angst

Das kleine Kino im Thalia-Theater ist sehr gemütlich: weinrote, gepolsterte Sessel, blaue Wände, viele Gäste. Der Techniker, unten links in der ersten Reihe, schaltet das Licht aus. Es folgt ein zweiter Block von Kurzfilmen. Allen Filmen ist gemeinsam, dass sie das Zusammenspiel von Geld und Angst thematisieren – ein passendes Thema zur Finanzkrise. Der Film von Curtis Burz mit dem Titel »Geschichten aus der Heimat« zeigt beispielsweise junge Künstler, die versuchen, sich mit ein paar Euro in der Tasche über Wasser zu halten – was ihnen auf dem gesättigten Markt der Kunstmetropole Berlin kaum gelingt. Etwas leichter nimmt sich Leopold Kessler der Thematik »Ökonomien der Angst« an. In seinem Kurzfilm »Depot« nutzt er das Polizei-Leuchtschild an einer Polizeistation, um seine vierhundert Euro sicher zu deponieren. Mit einer Leiter klettert er in einem unbeobachteten Moment hinauf, öffnet den Buchstaben »O« aus POLIZEI und steckt seine Geldscheine in das Leuchtschild hinein. Nach der Vorführung stellt sich Leopold Kessler dem Publikum. Auf die Frage nach den Dreharbeiten erklärt er mit einem Schmunzeln, dass die Polizei nichts davon wusste: »Die Angst war aber nicht, dass jemand die Polizei holt – die war ja schon da!« Leopold Kessler war auch der Künstler, der die Videoinstallation »Zaun schärfen« gemacht hat. »Es herrschte eine merkwürdige Akzeptanz bei den vorbeikommenden Passanten hier in Halle. Für sie war es scheinbar nachvollziehbar, dass man von Zeit zu Zeit seinen Zaun schärft.« Ist Halle also wirklich ein Ort der Angst?

Weitere Informationen unter: www.angsthatgrosseaugen.de

Über Julius Schröder

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Erstellt: 17.10. 2010 | Bearbeitet: 25.10. 2010 09:16