Aug 2010 hastuINTERESSE Nr. 33 0

Den direkten Weg gehen

Anstatt sich über die Studiensituation zu beschweren, ergreifen einige die Initiative. Die Studentische Förderinitiative der Naturwissenschaften e. V. bietet zum Beispiel zusätzliche Lehrveranstaltungen an.

Bei den knappen finanziellen Mitteln, die den Universitäten zur Verfügung gestellt werden, bleibt einem manchmal kaum noch etwas anderes, als sich mit den Problemen zu arrangieren. Da heißt es dann morgens, sich schnell einen Platz an der Sonne zu sichern und als erste in den bald überfüllten Hörsaal zu drängen.

Anstatt mit dem Strom zu schwimmen, kann man aber auch versuchen, etwas zu ändern, indem man zu den bestehenden Strukturen »etwas daneben packt«, so Matthias Müller von der Studentischen Förderinitiative der Naturwissenschaften e. V. (SFI). Als die Gründer 2006 mit der Studiensituation unzufrieden waren, fragten sie sich: »Beschwere ich mich so lange, bis es jemand macht, oder mache ich es einfach selbst?« Und so organisiert der Verein unabhängig von universitären Lehrplänen Veranstaltungen für Naturwissenschaftler, die vor allem auch die Verzahnung mit der Praxis gewährleisten sollen. »Die Universität bildet uns zu Akademikern aus. Was aber nicht abgedeckt werden kann, ist, dass der Großteil in die freie Wirtschaft geht und es keine Möglichkeit gibt, da hineinzuschnuppern«, so Matthias. Dabei ist der Grundgedanke, dass vor allem Unternehmen von gut ausgebildeten Studenten profitieren und angehende Arbeitskräfte auf künftige Aufgaben vorbereitet werden können. Die Unternehmen überlassen den Studenten gern einen Referenten, der zum Beispiel erklärt, wie man einen Forschungsantrag schreibt. Oder sie laden die Teilnehmer des ASQ-Moduls »BWL für Naturwissenschaftler« zu Unternehmensbesichtigungen ein und referieren über die betriebliche Wertschöpfungskette im Pharmaunternehmen.

Zudem organisiert der Verein Tutorien, die für Studenten eine Nachhilfefunktion begleiten sollen. Aufgrund mehrfacher Probleme im Fachbereich Genetik wird etwa ein zusätzliches Tutorium angeboten, um den Lernstoff aufzubereiten. Da bei dieser eigentlich außeruniversitären Veranstaltung nicht auf die »Ressourcen der Universität zurückgegriffen werden soll«, werden die Dozenten dann auch bezahlt, so Matthias. Die SFI übernimmt somit eine Aufgabe der Universität und zugleich ein Stück ihrer Verantwortung. Die zusätzlichen Seminare und Tutorien plant und organisiert jetzt die Studierendenschaft. Das Ziel der Mehr-Bildung wird nun zwar nicht unbedingt besser, aber wenigstens auf einem direkteren Weg erreicht.

Der Trend zur Selbsthilfe setzt sich auch an anderen Universitäten fort. An der Berliner Humboldt-Universität bekommt man als finanzieller Unterstützer eine Plakette auf den symbolisch gekauften Hörsaalstuhl. Und die Privatuniversität Witten/Herdecke würde ohne eine studentische Initiative wohl gar nicht mehr existieren. Dort haben sich Studierende aus verschiedensten Fachbereichen zusammengefunden, um Unternehmen zu beraten. Damit haben sie 300 000 Euro verdient, die dann an die Universität gespendet wurden.

Die Spenden, die die SFI erhält, bestehen dagegen eher aus der Zeit, die die Dozenten für die Studierenden opfern. Die Unternehmen betreiben damit nicht nur Werbung in eigener Sache. Es besteht auch die Gefahr, dass das Mittel zum Selbstzweck wird und Studierende in unternehmenspolitische Schranken gewiesen werden. Wenn Denkprozesse zu einseitig entwickelt werden, dann kann das im Sinne der unabhängigen Forschung/Entwicklung problematisch werden. »Wir wissen, dass die Firmen in gewisser Weise in den universitären Betrieb eingreifen, aber wir lassen uns die Entscheidung, wie ein Konzept umgesetzt wird, nicht abnehmen«, meint Matthias dazu.

Trotzdem verliert die Universität als freie Forschungsinstanz damit an Gewicht. Eine absehbare Lösung für dieses Problem gibt es aber derzeit nicht, denn die Universität verliert weiterhin an Autorität, wenn ihr die nötigen Mittel nicht zur Verfügung gestellt werden. Man könne das natürlich alles ganz furchtbar finden oder »es hinnehmen, wie es ist«, findet Josefin Müller, die seit letztem Jahr ebenfalls im Verein ist, aber man könne auch »Engagement zeigen, um etwas zu verbessern«.

Über Yvette Hennig

Ehemaliger Mitarbeiter

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Erstellt: 07.08. 2010 | Bearbeitet: 05.08. 2010 16:34