Das Nachtleben der Akademiker
Aktuelle Meldungen aus der Senatssitzung am 10. November 2010. Wichtigste Themen: Bibliotheksöffnungszeiten, Finanzsituation der Universität, Geistes- und Sozialwissenschaftliches Zentrum
Was machen Akademiker eigentlich um drei Uhr in der Nacht? »Bücher lesen«, waren sich Prof. Hans-Joachim Solms und Prof. Thomas Bremer einig. Doch leider ist das an der Martin-Luther-Universität nicht möglich, denn die Bibliotheken haben teilweise nicht einmal bis 18 Uhr offen. Die Verkürzung der Öffnungszeiten in vielen Bibliotheken, die von Seiten der Studierendenschaft stark kritisiert wird, war auch auf der Senatssitzung ein Thema. Die studentische Senatorin Paula Schiefer hatte das Problem in die Senatssitzung eingebracht.
Prof. Birgit Dräger, Prorektorin für Struktur und Finanzen, ging deswegen auf dieses Thema auch genauer ein. Es seien mehrfach Analysen zur Frequentierung der Bibliotheken angefertigt worden, die gezeigt hätten, dass vor allem in den Abendstunden wenige Studierende die Bibliotheken aufsuchen würden, so Prof. Birgit Dräger. Diese Einsicht passte dann ganz gut mit den sowieso notwendigen Sparmaßnahmen bei den Bibliotheken zusammen. Da die Hilfskräfte aus Sondermitteln finanziert werden, die sich zu einem großen Teil aus Langzeitstudiengebühren ergeben, die wiederum rückläufig sind, musste man kürzen. Die meisten Bibliotheken verringerten ihre Öffnungszeiten um eine Stunde. Insgesamt kam es dabei zu 59 Stunden weniger Öffnungszeit. Angesichts der Frequentierungsanalyse sei dieser Schritt vertretbar, so Prof. Birgit Dräger.
Nun meldete sich Prof. Solms zu Wort und meinte, dass man doch eigentlich auf eine Bibliotheksöffnung von 24 Stunden sieben Tage in der Woche hinarbeiten sollte, was wiederum Prof. Christoph Weiser, Prorektor für Studium und Lehre, bewog, nachzufragen, ob denn irgendjemand um drei Uhr in der Nacht in die Bibliothek gehen würde. Prof. Solms und Prof. Bremer bejahten dies für sich, Rektor Prof. Udo Sträter brach jedoch eiligst die Diskussion über das Nachtleben der Akademiker ab, und es ging zurück zur eigentlichen Diskussion. Er selber räumte ein, dass die Kommunikation der Verkürzung nicht gut gewesen sei und dass die Universität das Problem erkannt habe.
Im Bezug auf den Fakt, dass die Frequentierungsanalysen schon im Sommersemester gemacht wurden, wies Prof. Sträter darauf hin, dass durch das Prorektorat von Prof. Weiser bereits zusätzliche Gelder ausgegeben wurden, die bei den Wirtschaftswissenschaften zum Beispiel zu wieder verlängerten Öffnungszeiten geführt haben. Dieses Geld wurde an Fakultäten verteilt, die besonders unter den hohen Immatrikulationszahlen dieses Wintersemesters zu leiden haben (hastuzeit berichtete). Wohin diese Gelder gingen, war allerdings den Fakultäten überlassen, und der Rektor wies auch darauf hin, dass noch weitere finanzielle Unterstützung in Absprache mit Prorektor Weiser möglich ist. Prof. Burkhard Schnepel, Dekan der Philosophischen Fakultät I, meldete sich gleich für ein Gespräch an, und es sind auch detailliertere Gespräche geplant, in denen auch bibliotheksgenau geprüft werden soll, ob eine Verlängerung der Öffnungszeiten notwendig und möglich ist.
Wer der Notwendigkeit von Gesprächen und Änderungen Nachdruck verleihen möchte, kann eine Online-Petition dazu unterzeichnen.
Ein weiterer wichtiger Punkt auf der Tagesordnung des Senats war der Finanz- und Personalbericht der Martin-Luther-Universität, der wohl schon im Vorfeld der Sitzung für einige Irritationen gesorgt hatte. Rektor Udo Sträter gab jedoch Entwarnung und wies darauf hin, dass keine Zahlen und Budgets abgestimmt werden sollten. Vielmehr ging es darum, einen Bericht an das Kultusministerium abzusegnen, der eine politische Auseinandersetzung zwischen der MLU und dem Kultusministerium bereinigen sollte.
Das Problem bestand bis dato darin, dass in Belangen der Finanzierung und Personalplanung oft mit unterschiedlichem Zahlenmaterial hantiert wurde und das Ministerium die Berechnungen der Uni Halle schlicht ignorierte. Dem will man nun entgegenwirken und mit dem Bericht eine auf beiden Seiten akzeptierte Grundlage schaffen. Von Seiten des Ministeriums wurde diese Akzeptanz auch bereits signalisiert, wenngleich die Zahlen Verheerendes aussagen. Die Martin-Luther-Universität ist unterfinanziert, was nichts Neues ist, allerdings steigen die Größenordnungen an. Man bräuchte 6 bis 7,5 Millionen mehr pro Jahr, um ordentlich arbeiten zu können. In Personal umgerechnet handelt es sich dabei um 150 Stellen, die nicht besetzt werden könnten.
Dass eine solche Situation untragbar ist, unterstrich auch Prof. Solms, der aus der Philosophischen Fakultät I zu berichten wusste, dass viele Dozenten die ständige Überlast nicht auf Dauer zu tragen bereit seien. Wie Kanzler Dr. Martin Hecht berichtete, sei nach dem derzeitigen Budgetplan nicht damit zu rechnen, dass die fehlenden 6 bis 7,5 Millionen an die MLU fließen werden. Er verwies jedoch auf die Hochschulpaktmittel, die eine mögliche Linderung herbeiführen könnten. Das Land Sachsen-Anhalt bekommt dafür, dass es die Studierendenzahlen konstant hält, über fünf Jahre hinweg 62 Millionen Euro vom Bund. Von den 12 Millionen pro Jahr würden nach üblichem Verteilungsschlüssel rund 5 Millionen der MLU zustehen. Allerdings bekommt das Land die Mittel nur gestaffelt, also größere Summen erst in den letzten Jahren. Deswegen wolle man mit dem Finanzministerium über eine Vorfinanzierung verhandeln, so Hecht.
Längere Diskussionszeit beim öffentlichen Teil der Senatssitzung nahm auch das Geistes- und Sozialwissenschaftliche Zentrum ein. Kanzler Hecht präsentierte die ersten genauen Lagepläne des Areals, in dem die Philosophische Fakultät I und II Platz finden sollen. Dabei ging er auch auf die beiden denkmalgeschützten Häuser entlang der Emil-Abderhalden-Straße ein, die zur Landwirtschaftlichen Fakultät gehörten. Diese sollten in den ersten Planungen saniert werden, müssen nun aber aus Kostengründen abgerissen und durch Neubauten ersetzt werden. Dieses Vorgehen wurde in der Öffentlichkeit bereits heftig kritisiert und diskutiert (mehr dazu könnt Ihr zum Beispiel auf halleforum.de lesen).
Eigentlich sollte der Baustart des GSZ dieses Jahr erfolgen, durch die Kostenexplosion und damit verbundenen Neuplanungen wurde dieser Termin immer wieder verschoben. Kanzler Hecht geht derzeit von einer Grundsteinlegung Ende 2011 aus. Durch die erhöhten Kosten war die Uni auch gezwungen, Einsparungen zu akzeptieren. Zum einen musste auf die Unterbringung von Studienkolleg und Sprachenzentrum im Komplex verzichtet werden. Ein zweites Kürzungsobjekt brachte Professor Schnepel zur Sprache.
Das zentrale Bibliotheksgebäude hat nach den neuen Plänen nämlich nur vier und nicht fünf Stockwerke. Kanzler Hecht sprach in diesem Zusammenhang von einer dramatischen Kürzung der Gesamtfläche um ein Fünftel, die die Universität leisten musste. Den Buchbestand könne man trotzdem unterbringen, so Hecht, und man habe auch noch Expansionsmöglichkeiten. Prof. Schnepel blieb jedoch skeptisch und nannte es inakzeptabel, dass man zum Einzug 2014 wohl gerade einmal den eigenen Buchbestand unterbringen könne. Er regte an, das fünfte Stockwerk doch zu bauen und nach Finanzierungsmöglichkeiten zu suchen. Kanzler Hecht versicherte ihm, dass man suchen werde, und Rektor Udo Sträter betonte noch einmal, dass man heilfroh sei, das Projekt GSZ überhaupt bis zu dem jetzigen Stadium gebracht zu haben.
Über die drei vorangegangenen Themen hinaus wurde im Senat auch über die Rahmenzielvereinbarungen mit dem Land Sachsen-Anhalt gesprochen. Eine wichtige Neuerung dabei war, dass die Hochschulen bei möglichen Haushaltssperren einen Antrag stellen können, davon ausgenommen zu werden. Dass dieser Passus akzeptiert wurde, zeige, so Rektor Sträter, dass sich das politische Klima gegenüber den Hochschulen geändert habe.
Außerdem wurde über eine Satzung für die Berufung von Honorar- und außerplanmäßigen Professuren abgestimmt und zudem über die Leucorea und Kooperationsverträge mit Instituten gesprochen.
Senat der MLU
Mehr Infos zum Senat der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, dessen Zusammensetzung und Beschlüsse erfahrt ihr auf den entsprechenden Seiten der Uni Website.
Über Julius Lukas
Erstellt: 10.11. 2010 | Bearbeitet: 17.12. 2010 17:09
Kurz-URL: http://hastuzeit.de/bxj
MLU – We Burlesque!
»Wir sind für alle da«
Nicht nachlassen!
»Bis jetzt ist noch kein Cent geflossen«
Mal eben wählen und dann zur Party
Was macht der Prof auf dem Sofa?
Hallo Julius,
wie ich finde ein sehr gelungener Artikel, der vor allem recht zeitnah zum Ereignis erscheint. Dafür ein Lob und macht weiter so!
Hallo Stefan,
danke für das Lob, wir bemühen uns. Vielleicht bekommen wir solche Zusammenfassungen in diesem Jahr auch für den StuRa hin.
bg