Apr 2010 hastuUNI 0

„Das Amt lässt einen nicht los»

Die lange Online-Version des Gesprächs mit Rektor Diepenbrock über Studienreform, Westimporte und eine zweite Amtszeit als Hochschulleiter.

Prof. Dr. h.c. Wulf Diepenbrock in seinem Büro am Uniplatz. (Foto: Thomas Reinhardt)

Herr Diepenbrock, Sie sind seit 2006 Rektor der MLU. Während Ihrer Amtszeit, die am 31. August endet, wurden wichtige Umstellungen auf das Bachelor-Master-System vollzogen. Wie sieht Ihr Fazit zum Reformprozess aus?

Ich werde nicht müde, immer wieder auf die großen Chancen hinzuweisen, die das neue System bietet. Die drei Eckpunkte sind: Schaffung eine europäischen Hochschulraumes, schnellerer Zugang zu einem berufsqualifizierendem Abschluss und Flexibilität in Hinblick auf lebenslanges Lernen. Das bedeutet, dass man heute die Universität nach sechs Semestern verlassen und in den Beruf wechseln kann, aus dem Beruf aber auch wieder zurück, um ein Master-Studium anzuschließen und möglicherweise noch eine Promotion. Zahlreiche Experten haben aber schon rechtzeitig darauf hingewiesen, dass die Umstellung Geld kostet. Die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) hat zum Beispiel vorgerechnet, dass die Umstellung der Studienprogramme auf das neue System 15 Prozent mehr kosten würde. Die Gründe sind ja bekannt: Bessere Betreuungsrelation, mehr Kleingruppen, mehr Arbeit am Studenten selbst. Wir haben aber keinen Cent zusätzlich bekommen, was letztlich zu gewissen Problemen in der Universität geführt hat.

Dazu gehören sicherlich die Stoff- und Prüfungsdichte sowie die geringen Möglichkeiten für ein selbstorganisiertes Studium. Zusammen mit der Unterfinanzierung sind diese Dinge zu echten Problemen geworden. Das ist allerdings keine Weisheit von mir. Studentenproteste haben ja nicht nur an der Martin-Luther-Universität stattgefunden, sondern bundes- und teilweise sogar europaweit. Dabei wurde immer auf die gleichen Punkte hingewiesen.

Trotzdem freuen wir uns an der MLU, dass dieser Prozess angegangen wurde, dass wir es geschafft haben, die Studiengänge umzustellen und auch schon ein großer Teil akkreditiert ist. Ausgenommen sind da besonders einige Fächer der Geisteswissenschaften.

Lassen Sie uns doch gleich darüber reden. Warum sind Studiengänge in PhilFak I und II noch nicht akkreditiert?

Ein Problem stellen dort vor allem die Kombinationsmöglichkeiten über Instituts- und Fakultätsgrenzen hinaus dar. Sie verursachen einen ungeheuren organisatorischen Aufwand, den wir noch besser koordinieren müssen. Deswegen haben wir die Akkreditierung hier vorerst ausgesetzt.

Bei den Naturwissenschaften lief das doch aber besser.

Das ist richtig, allerdings handelt es sich dort auch vermehrt um Ein-Fach-Bachelorstudiengänge.

Von den Kultusministern wird immer wieder bemerkt, dass viele Fehler bei der Umsetzung von Bologna auf Seiten der Universitäten gemacht wurden. Können sie sich diese Kritik annehmen?

Ich denke, eine einseitige Schuldzuweisung wäre in die eine wie die andere Richtung schlicht unfair. Was Stoffüberfrachtung oder die Prüfungsdichte betrifft, sind die Probleme sicher hausgemacht, und manches wurde auch falsch verstanden. Die Anwesenheitspflicht zum Beispiel, die ein großer Diskussionspunkt bei den Protesten war, lässt sich rechtlich überhaupt nicht ableiten. Eine einseitige Schuldzuweisung an die Universitäten halte ich aber für absolut ungerechtfertigt. Die Experten haben prophezeit, dass die Umstellung Geld kostet, aber gezahlt wurde nichts. Man hat den Universitäten – bei feststehender Struktur – eine Umstellung zum Nulltarif verordnet. Insofern nehme ich die Kritik der Kultusminister nicht an und andere Rektoren, glaube ich, auch nicht.

Nun wurden vom Finanzminister zusätzliche Gelder für alle Hochschulen Sachsen-Anhalts bereit gestellt. Reicht das Geld denn nicht, um die Umstellung zu finanzieren?

Uns wurde gesagt, alle Hochschulen des Landes zusammen bekämen tatsächlich zunächst einmal fünf Millionen Euro zur Verbesserung der Lehre. Hinzu sollen weitere fünf Millionen für die Schwerpunktfinanzierung der Spitzenforschung im Land kommen – allerdings erst 2011. Das Geld reicht bei weitem nicht, um unser nachweisbares Defizit auszugleichen. Schon 2010 beträgt es vier Millionen, 2011 mindestens sechs Millionen.

Spielen bei diesen Defiziten auch die Einsparungen, die im Zuge der Strukturveränderungen 2003/04 erbracht werden mussten, eine Rolle?

Wir sollten damals die Einschnitte einfach aus dem Budget tragen, und das ist uns im Grunde bis heute nicht gelungen. Dazu hätte es einen Strukturfonds gebraucht – den gab es aber nicht.

Das angenommene Einsparungspotential von damals gab es also nicht wirklich?

Wir haben uns schon bemüht, die Einsparauflagen des Landes zu erfüllen. Das waren ja 14,7 Millionen pro Jahr. Das wirkte sich an ganz empfindlichen Stellen aus. Kürzungen sind vor allem im operativen Geschäft möglich. Zum einen also bei den befristeten Beschäftigten, da man allen anderen nicht ohne weiteres kündigen kann. Außerdem kann man Sachmittel streichen, zum Beispiel für die Anschaffung von Literatur oder Verbrauchsmitteln in Experimentalfächern. Wir haben uns bemüht, die Auflagen zu erbringen, was natürlich zu Lasten der Fächer, bis hin zu den einzelnen Professuren, ging.

Um neue Geldquellen zu erschließen, kann man Studiengebühren erheben, wie es bereits in verschiedenen Bundesländern getan wird. Ist dieser Schritt für Sachsen-Anhalt eine Alternative?

Studiengebühren werden sich in Sachsen-Anhalt einfach nicht durchsetzen lassen. Wir haben im vergangenen Semester bereits festgestellt, dass die Studieninteressierten aus unserem Bundesland weniger werden, und für das kommende Wintersemester schätzen wir, dass es noch einmal 15 Prozent weniger sein werden. Deswegen müssen wir verstärkt um Studierende aus den alten Bundesländern werben. Unsere Analysen haben ergeben, dass das Fehlen von Studiengebühren eines unserer besten Argumente ist. Führte man jetzt Gebühren ein, brächte das die Universität an den Rand ihrer Arbeitsfähigkeit.

Von sinkenden Studierendenzahlen – die auch Sie prognostizieren – wird schon seit Jahrzehnten geredet. Bis jetzt sind diese aber durchweg gestiegen. Warum soll das jetzt anders werden?

Was ich erwarte, kann man bereits errechnen, denn die Schüler sind ja schon da. Für das nächste Wintersemester bedeutet das 15 Prozent weniger Abiturienten in Sachsen-Anhalt. Wir versuchen natürlich, dem entgegenzusteuern und über die Kampagne »Studieren in Fernost« Studierende aus den alten Bundesländern nach Halle zu bekommen. Das ist uns im letzten Wintersemester auch schon gut gelungen, und wir konnten die Verluste in der Region durch »Westimporte« ausgleichen.

Dieses Jahr wird die Aufgabe aber noch einmal größer, da hängt viel davon ab, dass wir uns möglichst attraktiv präsentieren und sichtbar machen.

Sie glauben also nicht, dass Sie die Anfängerzahlen halten können?

Doch, das kriegen wir hin. Ich denke, wir werden sie halten.

Wären denn die Konsequenzen so schlimm? Schaut man sich manche Studiengänge an, würden weniger Studenten bei einer gleiche Ausstattung sehr gut tun.

Sie sagen zu Recht »manche«. Laut einer Analyse der Landesrektorenkonferenz sind gerade mal 63 Prozent der angebotenen Studiengänge der MLU ausgelastet, erbringen also jeweils 100 Prozent und mehr. Der Rest tut das nicht. Zudem sucht man in der Politik leider nach einfachen Indikatoren für die Budgetzuweisung. Ich habe immer schon dafür geworben, auch qualitative Indikatoren mit heranzuziehen. Das wird aber stets überhört. Stattdessen bekommen wir als Indikator die Studienanfängerzahlen im ersten Semester – nicht einmal die im ersten Fachsemester, wo man uns unsere Masterstudenten mit anrechnen müsste. Darüber können wir in der Verantwortung für die Universität nicht hinweggucken und müssen die Anfängerzahlen hochhalten.

Bei den Studentenstreiks im letzten Sommer und Herbst wurden viele Forderungen formuliert. Welche davon konnten bereits umgesetzt werden?

Wir sind zum Beispiel in regelmäßigen Gesprächen dabei, die Programme an den Philosophischen Fakultäten I und II bis auf die Modulebene zu optimieren. Das ist damals mit den protestierenden Studierenden auch so vereinbart worden.

Und wie soll diese Optimierung aussehen? Die Dekane und der Prorektor hatten die Programme ja schon vor der Einführung besprochen. Werden diesmal auch Studierende mit einbezogen?

Bei der Optimierung werden selbstverständlich die Studierenden dabei sein. Die Dekane sind auch gebeten worden, Studierende zu benennen. Wir brauchen auf jeden Fall die Stimme der Studenten, die wir ja auch gern bei den Protesten aufgenommen haben.

Werden Studierende jetzt also stärker in universitäre Prozesse eingebunden, wie es während der Proteste gefordert wurde?

Bei dieser Frage muss ich immer wieder darauf hinweisen, dass wir ja in unseren Gremien Studierendenvertreter haben. Leider müssen wir da die Erfahrung machen, dass diese Studierenden dann oft nicht kommen und zum Teil nicht gut informiert sind. Ich sehe auch die Probleme der Studenten, die sich auch um ihr Studium kümmern müssen und weniger Zeit für die Gremien haben. Bevor wir aber die Beteiligung ausdehnen, sollten wir erst einmal das, was wir haben, besser nutzen.

Oft stehen die Studenten einer großen Mehrheit aus anderen Vertretern gegenüber und fühlen sich einflusslos. Schreckt das nicht viele Studenten ab, sich zu beteiligen?

Jede Wortmeldung, die im Senat angemeldet wird, lasse ich auch zu. Was in den anderen Gremien, zum Beispiel Fakultätsräten, passiert, kann nicht überblicken. Es ist aber auch nicht so, dass den Studierenden ein homogener Block entgegen sitzt. Immerhin sitzen vier Statusgruppen in den Gremien. Nur die Professorenmehrheit ist laut HSG festgesetzt und muss immer gegeben sein, was nicht bedeutet, dass die Professoren immer en bloc abstimmen. Zudem haben die Studierenden, die derzeit im Senat sitzen, auch viel Selbstvertrauen und machen konstruktive Vorschläge.

Die Zeit, in der Sie die Senatssitzungen leiten, wird bald vorbei sein. Ende Juni wird ein neuer Rektor gewählt. Sie können sich auch erneut zur Wahl stellen. Werden Sie kandidieren?

Ich bin jetzt 63 Jahre alt und könnte eine zweite Amtszeit anstreben. Da gibt es keine juristischen Hindernisse. Bevor ich mich allerdings zur Wahl stelle, will ich erst die Senatswahlen abwarten. Wenn ich dort auf der Liste der Senatoren nur an dritter oder vierter Stelle lande, dann brauchen sie mich gar nicht zu fragen, ob ich noch einmal kandidiere, weil das ein Zeichen einer gewissen Unzufriedenheit wäre. Erziele ich aber ein sehr gutes Ergebnis, dann würde mich das Amt, das einen im Grunde nicht so richtig loslässt, schon noch einmal interessieren. Allerdings bedeutet ein gutes Ergebnis bei der Senatswahl auch noch nicht, dass ich dann Rektor werde. Dafür gibt es einen Wahlgang im »doppelten Senat«.

Wer stellt denn überhaupt die Kandidaten für die Senatswahl auf?

Die Fakultäten. Es gibt, so viel ich weiß, bei den Professoren nur eine einzige Liste, und auf der sind verschiedene Kandidaten aus den einzelnen Fakultäten. Die wurden vorher gefragt: Willst du das machen? Oder sie haben sich gemeldet. Diese Liste wird dann zur Wahl gestellt.

Es stehen uns also noch wichtige Wahlen bevor, einige Personalien sind jedoch bereits entschieden. Dr. Hecht bleibt Kanzler, und der Kultusminister verabschiedet sich wahrscheinlich nach Berlin. Worüber sind Sie glücklicher?

Die Entscheidung für Dr. Hecht steht für Kontinuität in der Verwaltungsarbeit und kann einen Stabilitätsfaktor im wechselnden Rektorat bilden. Er hat sich in einem Auswahlverfahren durchgesetzt, und ich will das gar nicht bewerten. In solchen Fragen sollte man unemotional bleiben. Dass Herr Olbertz beabsichtigt, Präsident der Humboldt-Universität zu werden, habe ich der Presse entnommen und kann eigentlich nur sagen, dass ich ihm das Amt zutraue, denn er kennt sowohl die Universität als auch die Politik. Ob ich über einen Fall glücklicher bin, ist gar keine Kategorie, über die man sprechen sollte. Das sind Gefühle, die bei Hochschulentscheidungen keine große Rolle spielen sollten.

Würden Sie denn einen Kultusminister fürchten, der die Uni-Seite nicht kennt?

Man sollte niemanden als Kultusminister fürchten. Wann auch immer er oder sie kommt, ich wünsche mir ein partnerschaftliches Verhältnis zwischen Universität und Ministerium. Außerdem sind die Reibungspunkte zu einem Kultusministerium grundsätzlich relativ gering. Die entstehen eher zu anderen Bereichen, so dass man mit dem Kultusministerium oft in einem Boot sitzt.

Herr Bullerjahn hat aber noch keinen Arbeitswechsel verkündet.

Naja, da gibt es ja im nächsten Jahr auch wieder eine Wahl.

Das stimmt. In jedem Fall aber wird im Kultusministerium eine Stelle frei werden. Wäre das denn nicht eine Aufgabe für Sie?

Also, diese Frage kann man in drei Stufen beantworten: Erst einmal herzlichen Dank, dass Sie mir das zutrauen würden. Das impliziert Ihre Frage ja. Außerdem ist es natürlich ein sehr spannendes Amt mit vielen Gestaltungsmöglichkeiten. Auch das macht eine hohe Attraktivität aus. Aber, und insofern ist Ihre Frage nicht relevant, um dieses Amt kann man sich nicht bewerben, man wird gebeten. Nichtsdestotrotz ist es ein ungeheuer spannendes Amt, aber eben kein Wunschkonzert.

Herr Diepenbrock, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Über Julius Lukas

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Erstellt: 22.04. 2010 | Bearbeitet: 04.05. 2010 23:41