Jan 2010 hastuUNI Nr. 31 0

Bildungsstreik à la française

Beim Bildungsstreik in Toulouse/Frankreich kamen 2000 Menschen und mehr zu den wöchentlichen Vollversammlungen, drei Monaten Besetzung und Demonstrationen. Ein Erlebnisbericht.

Stühle und Tische türmen sich und verhindern so den Zutritt zum Campus

»Wer nimmt nicht an der Abstimmung teil?« – Ungefähr drei Arme heben sich. »Wer enthält sich?« – Niemand. »Wer ist gegen eine Besetzung?« – Einhundert Hände fliegen hoch. »Wer ist dafür?« – Eintausend oder mehr Menschen reißen ihre Arme in die Luft, und die Verkündung des Ergebnisses der Abstimmung geht im allgemeinen Jubelgeschrei unter. Wir sind in Toulouse, Frankreich im Mai 2009, gegen 15 Uhr. An der Université Toulouse II Le Mirail ist gerade die dienstägliche Vollversammlung der Studierendenschaft mit einem erneuten Votum für eine Besetzung der Uni zu Ende gegangen. Seit März wird der Campus mit so genannten »Streikposten« besetzt, die Eingangstore des Campus sind mit Mauern aus Tischen und Stühlen blockiert, und es finden keine Kurse statt.

Anlass des Streiks ist das so genannte »Gesetz zur Freiheit und Verantwortlichkeit der Universitäten«, das einen weiteren Schritt zur Umsetzung der Bologna-Reform in Frankreich darstellt. Es setzt unter anderem die Universitäten untereinander in Konkurrenz, verändert den Status der Dozierenden und Forschenden und verstärkt den Einfluss von Investoren auf die Universität.

Also gab es auch im Sommersemester 2009 wieder Vollversammlungen. Nicht nur in Toulouse, sondern auch an vielen anderen Universitäten in Frankreich. Mehr als drei Monate lang behielten die Befürworter der Besetzung in den Abstimmungen die Mehrheit – bis schließlich der Rektor die Polizei rief und der Campus geräumt wurde.

Doch vorher gab es Wochen voller Plena, Vollversammlungen und Demos. Der Diens(t-)Tag eines Streikenden fängt an mit einem Kaffee und einer Zigarette im Foyer des besetzten Gebäudes und Berichten der letzten Aktionen. Im Verlauf der anschließenden Vollversammlung hört man verwirrt zu, wie RednerInnen die Demokratie der Streikbewegung beschwören, während Nachfolgende ausgebuht werden. Ausgebuht, wenn sie nicht das sagen, was scheinbar der Mehrheitsmeinung entspricht.

Wenn dann schließlich beim abendlichen Gespräch über die Gender-Problematik im Raum nebenan Menschen als »pute« (frz. Schlampe) bezeichnet werden und das nur als »Ausnahme« gilt, sind die Fragen im Kopf immer drängender geworden. Also wenden Interessierte sich an Beteiligte, z. B. Julie, Antoine oder Maël. Natürlich gibt es einen Konsens, dass Sexismus doof ist. Aber warum es den größten Teil der Streikenden einfach nicht interessiert, wenn eine »hübsche kleine Blonde« es inakzeptabel findet, genau so bezeichnet zu werden, kann man sich auch nicht erklären.

Menschen sitzen im Kreis, hören politischen Rock und meinen, es wäre reflektiert und nur konsequent, eine kritische Universität zu fordern. Dabei kommt das Gespräch aber nicht darauf, dass die Veranstaltungen zur kritischen Reflexion über den Streik aufgrund fehlender Teilnehmer bis auf wenige Ausnahmen alle ausgefallen sind. Auch wenn die Intensität des Streikes beeindruckend ist und das Bewusstsein vorhanden zu sein scheint, dass Bildungspolitik eben nicht getrennt vom Rest der Welt betrachtet werden kann: Nach einem solchen Tag werden Bilder fröhlich Streikender überlagert von Gedanken darüber, dass Demokratie nicht einfach »da« ist, wenn Gremien wie Vollversammlungen oder Plena geschaffen werden. Dass Menschen sich eben nicht einfach freimachen können von Mechanismen wie Sexismus, auch wenn sie sich einer anarchistischen, kommunistischen oder bildungsstreikenden Gruppe anschließen. C’est la vie?

Über Maria-Luise Diedrich

, ,

Erstellt: 20.01. 2010 | Bearbeitet: 18.02. 2010 17:05