Apr 2010 hastuINTERESSE Nr. 32 0

Begegnung mit Adorno

Adorno gilt als einer der größten Denker des 20. Jahrhunderts. In der Uni findet er aber wenig Erwähnung.

Einmal in der Woche treffen sich sieben Studenten und lesen Adorno. Besser gesagt, sie diskutieren seine Vorlesung »Einleitung in die Soziologie«, die 1968 aufgezeichnet wurde und nun als kleines Büchlein auf Marias Schoß liegt. Es ist auch eine Einführung in die »Kritische Gesellschaftstheorie«, an deren Entwicklung Adorno einen entscheidenden Anteil hatte.

Heute entscheidet sich Maria dazu, ihr Exzerpt zu präsentieren. Punkt für Punkt trägt sie das vor, was ihr bei der Lektüre als wichtig erschien, schaut ab und zu fragend in die Runde, äußert Zweifel, ob sie diesen oder jenen Aspekt wohl richtig verstanden habe. Es wird diskutiert und spekuliert. »Oft weichen wir vom eigentlichen Text ab, gehen dann nicht mehr chronologisch vor und diskutieren ihn anhand bestimmter Punkte«, beschreibt Thomas eine typische Sitzung und fordert, dass das Studium genauso sein sollte: Gemeinsam mit Kommilitonen Texte lesen und besprechen. »Vor allem auch einmal Kritische Theorie«, bemerkt Gustav. Die käme in der Uni viel zu kurz. »Genau wie kritisches und vor allem dialektisches Denken. Dazu wird leider viel zu selten angeregt.«

Theorie und Kritik

Auf die Idee, einen »Adorno-Lesekreis« ins Leben zu rufen, kam Thomas. Er hat im vergangenen Semester ein Tutorium für Soziologiestudenten des ersten Semesters angeboten. Was der Veranstaltung fehlte, war Zeit, um nicht nur Ausschnitte von Standardtexten zu besprechen. Als Ergänzung sollte daher nun ein offener Lesekreis in den Semesterferien stattfinden. Gekommen sind aber nicht nur »Soziologie-Erstis«. »Ich war einfach neugierig«, begründet Maria, die bereits im achten Semester studiert, ihr Interesse am Lesekreis. Aber auch ein »diffuses Gefühl«, dass irgendetwas problematisch in der Gesellschaft verlaufe, die Frage, woher bestimmte gesellschaftliche Zwänge rühren, und die Hoffnung, ihr diffuses Gefühl mit einer Theorie übersetzen zu können, haben Maria angetrieben, sich tiefergehend mit Adornos Theorien auseinander zu setzen. »Die Theorie muss nicht unbedingt stimmen, aber man kann sehen, wenn man selbst Fragen hat, wie andere Leute, die sich länger und intensiver mit Gesellschaftsfragen beschäftigt haben, versucht haben, diese Fragen zu beantworten.« Auch Thomas möchte seinen Horizont erweitern. Wie die Gesellschaft heute funktioniert, scheint ihm nicht zu gefallen. Kritik möchte er aber nicht einfach aus dem Bauch heraus äußern: »Ich will die Welt und die auf ihr ablaufenden Prozesse verstehen, um erklären zu können, warum etwas nicht funktioniert.« Meist werde Kritik nur am System geäußert, anstatt am Rädchen, welches dieses zum Drehen bringt.

Was bei Adorno anders ist

Die Ansätze, die Adorno entwickelte, um die Gesellschaft zu betrachten und zu untersuchen, schätzen Thomas und Gustav tiefgreifender ein als die Herangehensweise in ihrer Fakultät. Er begreife die Gesellschaft als Ganzes und versteife seinen Blick nicht eindimensional auf konkrete Fragestellungen. In der Uni gehe ein Verständnis für Zusammenhänge allein schon deshalb verloren, weil jedes Wissenschaftsgebiet sich von anderen abgrenze und Gegenstände nur mit seinen spezifischen Methoden begreife. »Jede Disziplin vermittelt den Eindruck, sie sei eigenständig, um ihr Dasein zu legitimieren. Tatsächlich sind diese Trennungen aber künstlich«, meint Thomas. »Die Realität sieht anders aus, alles ist miteinander verwoben. Dies geht verloren, wenn man nur seine Kategorien hat.« Wenn man das gesellschaftliche Ganze ausblende, komme man nur auf einfache Lösungen, die nur marginal einen Ansatz darstellen, um gesellschaftsrelevante Fragen zu beantworten. Auch in der Soziologie, moniert Gustav, habe man für jede einzelne gesellschaftliche Strömung eine Art »Bindestrich-Soziologie«. Angefangen von Arbeitssoziologie über Umweltsoziologie bis hin zur Militärsoziologie. »Das erklärt überhaupt keine Gesellschaft, wenn das Zusammenwirken nicht bedacht wird.«

Cui bono?

Die Theorie Adornos ist normativ. »Und irgendwie finde ich das ehrlicher«, meint Maria. Im Studium werde hingegen vorwiegend zur Wertfreiheit angehalten. Vor allem in den Kulturwissenschaften seien die Existenz von Wahrheit negiert und Bewertungen als problematisch empfunden worden, da ohnehin alles relativ sei und jegliche Vorstellung der Welt und Gesellschaft nur konstruiert wäre. Generell, finden die Lesekreisteilnehmer, werde Neutralität hinsichtlich des wissenschaftlichen Arbeitens zu wenig in Frage gestellt. Sie empfinden die Vorstellung von einer wertfreien Wissenschaft als nicht schlüssig. »Adorno geht da weiter, er hält Wertfreiheit für unmöglich«, erklärt Thomas. »Jeder Mensch hat doch eine gewisse Vorstellung von der Welt, die sich auch in seinen Theorien niederschlägt.«

Die vermeintliche Wertfreiheit sehen Thomas und Maria auch daher kritisch, da dies nur eine Reproduktion der bestehenden Verhältnisse sei. »Wenn man meint, man sei neutral, dann ist das nicht neutral. Man nimmt lediglich den Status quo, so wie er jetzt ist, hin.« Deswegen müsse die eigene, vermeintliche Objektivität immer wieder in Frage gestellt werden, ergänzt Gustav. Gerade in der empirischen Soziologie werde dies aber vernachlässigt. »Wer versucht, wertfrei zu arbeiten, der muss sich eben auch die Frage stellen: Was ist Wertfreiheit überhaupt, und ist das, was ich gerade mache, tatsächlich wertfrei?«

Wer nicht fragt, bleibt dumm

»Adorno gibt keine Antworten. Aber er regt dazu an, die Antworten anderer zu hinterfragen«, sagt Thomas. Das neue Semester hat inzwischen angefangen, und aus der Ergänzung für das Tutorium ist ein regelmäßig stattfindender Lesekreis geworden, in dem zukünftig noch weitere TheoretikerInnen gelesen werden sollen. Geprägt hat die Lektüre Adornos die Teilnehmer des Lesekreises schon jetzt. Auch hinsichtlich der Einstellung zum Studium. »Bewusst mit einem kritischen Denken an das Studium herangehen und nicht einfach alles ›fressen‹, was die Dozenten vorlegen. Ein Aspekt, der sehr vielen Studierenden entweder abhanden gekommen oder nie begegnet ist«, so beschreibt Gustav, der nun im zweiten Semester Philosophie und Soziologie studiert, den Einfluss, den die Lektüre der letzten Wochen auf seine Einstellung zum Studium ausgeübt hat. Auch bei Maria hat sich der Anspruch an sich selbst und an das Studium verändert. »Ich will jetzt nicht nur Dinge reproduzieren, sondern sie tiefgründiger betrachten.« Dass Wissenschaft von kritischen Fragestellungen lebe, stellt für Maria keine neue Erkenntnis dar. Die Textarbeit im Lesekreis habe ihr aber alternative Möglichkeiten eröffnet, wie man wissenschaftlichen Erkenntnissen begegnen und sie hinterfragen könne. »Und dabei immer schön das Lied von der Sesamstraße singen«, rät Gustav.

Lesekreis-Treffen

Das nächste Treffen findet am 4. Mai wieder um 20 Uhr im Stura statt. Gelesen wird aus Max Horkheimers »Zur Kritik der instrumentellen Vernunft« das erste Kapitel »Mittel und Zwecke« (S.1672).

Über weitere Treffen und andere Lesekreise kannst du dich auf der Website der MLU-Lesekreise informieren.

Über Julia Glathe

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Erstellt: 29.04. 2010 | Bearbeitet: 17.05. 2010 02:36