Aug 2010 hastuPAUSE Nr. 33 0

Aus alt mach neu!

»kunstinbetrieb« lud zu seiner dritten Auflage in die Albert-Schmidt-Straße. In trostlosen Mietskasernen entstand Kunst, die Glaucha belebt.

Zwingerstraße. 19 Uhr. Es regnet in Strömen an diesem Juniabend. Es passt zur Tristesse der Straße, des ganzen Viertels. Schreie in der Ferne. Durch eine Holzabsperrung gelangt man in die Albert-Schmidt-Straße. Vor zwei Wochen noch kahl, kalt und zubetoniert ohne jede Hoffnung auf ein Stück Grün oder Bäume am Straßenrand. Mietskasernen reihen sich aneinander. Ohnehin herrscht hier enormer Wohnungs- und Gewerbeleerstand. Es ist eben, wie Postkult so passend beschreibt, die »hässlichste Straße Glauchas«. Doch nun eine Grünfläche, der IBA-Bus, der zur Besichtigung einlädt und Besucher über die Internationale Bauausstellung sowie Projekte im Rahmen von Stadt-Spiel-Vision informiert und überhaupt … Menschen, die noch vor kurzem sicher einen weiten Bogen um das ehemalige DDR-Arbeiterviertel gemacht hätten. Aber der Weg führt weiter. Über den vom Regen völlig aufgeweichten Rollrasen immer dem Schreien entgegen. Am Ende der Straße, vor Haus Nummer 5, inmitten einer Menschentraube stehen zwei junge Männer.

Es wird klar, woher der Lärm stammt: Radio Corax überträgt die Eröffnung von »kunstinbetrieb3« live ins Radio. »kunstinbetrieb«, das ist ein Kooperationsprojekt zwischen Studierenden der MLU und der Burg Giebichenstein. Der Leitgedanke war im Jahr 2008 die Vernetzung von Kunstschaffenden und Kunsttheoretikern. Im Anschluss an die lautstarke Radioübertragung geht es zusammen mit der Menge in das Gebäude Nummer 5. Doch schnell kommt wieder alles zum Stehen. Noch im Foyer wartend lauscht man der Eröffnungsrede. Nur schwer dringen die Worte von Agnes Fischer und Kathrin Herold, den Projektleiterinnen, ans Ohr auch des letzten, noch am Eingang wartenden Besuchers. Kurz berichten sie, wie es im Zuge der IBA 2010 dazu kam, dass »kunstinbetrieb3«, anders als in den vergangenen beiden Jahren, nicht mehr in einem alten Fabrikgebäude nahe des Bahnhofs stattfindet, sondern hier in der Albert-Schmidt-Straße.

Das Projekt »Sozialraum Glaucha« führte ab Frühjahr 2008 nicht nur die IBA ins Viertel. Viele Organisationen nutzten diese Plattform, um ihren Teil zur Veränderung des Viertels beizutragen. So finden sich neben »kunstinbetrieb« Vertreter der Standortgemeinschaft Glaucha und Postkult, die eigentlichen Initiatoren. Der Architekt Gernot Lindemann agierte dabei als »Eigentümer-Moderator« und stellte so den Kontakt zu den vielen Kleineigentümern her, in deren Besitz sich nahezu 70 Prozent des Gebäudebestandes befindet. Durch das Engagement in Glaucha solle der »massive Leerstand schwinden ebenso wie der schlechte Ruf des Viertels«, so Lindemann. Exemplarisch für diesen Leerstand stehe das Gebäude Nummer 5 der Albert-Schmidt-Straße. Im letzten Jahr verließ der letzte Mieter das Gebäude. Somit bot dieses Haus den idealen Standort für »kunstinbetrieb3«.

»Ziel und Konzentration auf Glaucha war eine produktive Auseinandersetzung künstlerischen Arbeitens mit den Begebenheiten und Umständen dieses in Veränderung begriffenen Stadtteils«, heißt es in der Eröffnungsrede. Besonderen Wert legten die Kuratoren dabei auf die Arbeitswoche im Vorfeld. So sollten keine bereits bestehenden Werke der Künstler ausgestellt werden, sondern vielmehr durch die Eindrücke des Gebäudes, der Straße und des gesamten Viertels neue Projekte entstehen, die die Problematik widerspiegeln.

Agnes und Kathrin sind mit ihren einleitenden Worten zum Ende gekommen. Und dann ist es so weit, »kunstinbetrieb« ist endlich eröffnet. Die Menge bahnt sich ihren Weg nach oben. Durch das enge Treppenhaus, vorbei an notdürftig verlegter Stromversorgung und Wänden, die einem die Trostlosigkeit des Hauses und somit letztlich doch des ganzen Viertels nur allzu deutlich vor Augen führen. Raum für Raum werden die Projekte erforscht, die Eindrücke gesammelt, verarbeitet, diskutiert. Auf fünf Etagen können die Besucher Kunst von 23 Akteuren bewundern. Kunst, die teils unmissverständlich den melancholischen Bezug herstellt, aber auch Projekte, die dem Betrachter viel Freiraum für individuelle Interpretationen lassen. »Es beginnt etwas« ist ein solches Werk. Catarina Behrendt erschuf, nur mit einem Bleistift bewaffnet, Strich für Strich ein Bildnis, das dem einen oder anderen Besucher den Eindruck einer moos- oder pilzbefallenen, dahinmodernden Wand vermittelt. Es sei der »Spaß am Strich«, sagt Catarina, der solche Zeichnungen entstehen lasse.

Es geht weiter durch andere Räume. Immer weiter nach oben. Man verharrt gelegentlich vor einem Werk. Minutenlang lässt man äußerst imposant erscheinende Projekte auf sich wirken. Ein langer »Durchfluss«, der seinen Weg durch eine Wohnung in der 2. Etage sucht, war sicher eines der Projekte, die diese Wirkung erzielten. Eine Installation aus Holz und Folie, die Regenwasser aus einem Trichter am Fenster an der einen Seite durch die Wohnung hindurch zum anderen Fenster führt. Mit solchen und ähnlichen Projekten visualisiert Magnus Sönning das natürliche Phänomen des Durchzuges.

Neben solchen Ausarbeitungen, bei denen man sich des Öfteren des Gedankens nicht erwehren kann, den Glaucha-Bezug zu vermissen, gibt es aber auch Werke, die bereits beim ersten Blick alles sagen. Drei Figuren auf einer Leinwand. Sie durchdringen den Raum. Öffnen ihn. Alles im Dunkel nur durch Akzente aus farbigem Licht bewusst erhellt. Das Künstlerduo MI-K.DO ließ sich von der nächtlichen Arbeitsatmosphäre inspirieren und stellt den Raum im Halbdunkel, durch alte Pinsel, Mischpaletten und Farbtuben verstärkt, im Ateliercharakter dar. Alles wirkt traurig, trostlos, schwermütig. So stellt sich ganz von allein Verbundenheit zum Stadtteil Glaucha ein.

Um so viele Eindrücke reicher verlässt man die Albert-Schmidt-Straße 5. Auf dem Weg nach Hause oder ins nachbarliche Partygetümmel im Haus Nummer 10 lässt man alles Gesehene Revue passieren. Die Malereien, Installationen, Skulpturen oder Videoinstallationen, wie die Interviewreihe mit ehemaligen Bewohnern von Tom Werner, lassen den Betrachter Glaucha in einem anderen Licht sehen. Man geht nicht an einem unwirtlichen Stadtteil teilnahmslos vorbei, sondern erkennt allmählich den Umstand, dass Glaucha genau auf solche Initiativen sehnsüchtig gewartet hat. Dass »kunstinbetrieb« bei seinen Besuchern Eindruck hinterlassen hat, steht fest. Trotz der Tatsache, dass einige Künstler sicher ihre Probleme hatten, in nur einer Woche der Vorbereitung ihre Werke pünktlich zur Vernissage fertig zu stellen, steht für sie fest, sich auch beim nächsten Mal gern wieder diesem Zeitdruck auszusetzen und erneut dabei zu sein. Wann und wo das sein wird, steht zwar noch in den Sternen, doch eines ist für Veranstalter als auch Künstler klar: »kunstinbetrieb4« wird kommen.

Über Steffen Heindorf

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Erstellt: 08.08. 2010 | Bearbeitet: 05.08. 2010 16:34