Apr 2010 hastuPAUSE Nr. 32 0

Andere Länder, andere Sitten

Einheimische und ausländische Studenten berichten von ihren Erfahrungen als Austauschstudis in weltweit unterschiedlichen Hochschullandschaften. Teil 1: Über die Unterschiedlichkeit von Vorlesungen und Seminaren an der MLU und der französischen Université de Rouen

Hélène Blitte, 23, Archäologie (Promotion an der Sorbonne/Paris und der MLU/Halle) über das Studieren in Deutschland

Hélène Blitte, Studentin an der Paris I Panthéon-Sorbonne in Paris

Während meines Erasmusaufenthalts in Halle habe ich an einigen Vorlesungen und Seminare an der MLU teilgenommen. So habe ich das deutsche Lehrsystem entdeckt, das sich ziemlich vom französischen unterscheidet. Zuerst einmal sind die Studienfächerkombinationen in Haupt- und Nebenfach gegliedert. Man kann also kein einzelnes Fach studieren, zumindest gilt das hinsichtlich der Archäologie.

Ich war erstaunt darüber, dass die meisten Vorlesungen für alle offen sind, egal im wievielten Semester man studiert. Das bedeutet, die Vorlesung des Professors musste für unterschiedliche Semester verständlich sein. Und auch die Studenten, die ein Referat hielten, mussten genau die Fachkenntnisse vermitteln, die niedrigere und höhere Semester verstehen würden. Das finde ich sehr kompliziert! Wie kann man einen Teil nicht langweilen, ohne den anderen nicht zu verlieren?! Es ist nämlich eindeutig, dass ein Student im 2. Semester nicht die gleichen Fachkenntnisse wie ein Student im 7. Semester hat! Diese Wahl, alle Studenten so zu gruppieren, scheint mir unlogisch!

Es gibt allerdings ein paar Vorlesungen und Seminare, die entweder nur für die Bachelorstudenten oder die Magister- und Masterstudenten offen sind, wie in Frankreich. Die Veranstaltungen werden aber nicht einmal pro Jahr angeboten, wie man das bei uns kennt. Deutsche Vorlesungen und Seminare dauern zwei Stunden, wie die französischen. Was das Benotungssystem betrifft, sind die beiden Systeme ähnlich: schriftliche Prüfungen für die Bachelorstudenten, Hausarbeiten und Referate für die Master- und Magisterstudenten. Dennoch ist bei den schriftlichen Prüfungen kein großes Aufsatzthema in drei Stunden zu verfassen, sondern eine Reihe von Fragen zu beantworten.

Hier liegt noch ein Unterschied zwischen Frankreich und Deutschland: Am Anfang der Vorlesung ruft der Professor jeden Studenten auf, um die Anwesenheit zu kontrollieren. Das gibt es bei uns nur in Übungen, die es in Deutschland – zumindest im Fach Archäologie – gar nicht gibt.

Auf jeden Fall ist es gut zu wissen, dass die Veranstaltungen erst 15 Minuten später anfangen als angegeben. Das heißt, dass ein Kurs zum Beispiel nicht um 8 Uhr beginnt, sondern erst 08.15 Uhr. Da kann man 15 Minuten länger schlafen! In Frankreich beginnt der „Unterricht» um 8 Uhr… pünktlich um 8 Uhr!

Es gibt noch einen anderen Unterschied zwischen Frankreich und Deutschland anzumerken: die Existenz von Reisen, die im Studiengang integriert sind (ich spreche natürlich über Archäologie, aber das gilt z.B. auch für Geographie, denke ich). Als Mittelpunkt dieser Reisen werden besondere „Lehreinheiten» zu bestimmten Themen angeboten: pharaonisches Ägypten, minoisches Kreta… Dieses Semester geht es nach Slowenien und Kroatien für die Studenten, die dieses Modul gewählt haben… ich bin neidisch!

Ich denke, dass ich viel über Vorlesungen und Seminare in Deutschland gelernt habe. Eine Mischung zwischen dem deutschen und französischen System würde mir gefallen. Nichtsdestotrotz war mein Deutschland-Aufenthalt ein bereicherndes Erlebnis!

Annekatrin Gehre, 22, Politikwissenschaften und Soziologie (BA 180 LP an der MLU/Halle und der Université de Rouen) über das Studieren in Frankreich

Annekatrin Gehre, Studentin an der MLU Halle

Eines ist Fakt: Wer ins Ausland gehen will, um dort wirklich was zu lernen (und das entgegen dem Ruf des feierwütigen Erasmus-Studenten), der sollte vorher gründliche Recherchen anstellen. Ich habe dies nicht getan, und daher wurde mir schnell klar, was schulische Sozialisation eigentlich bedeutet.

Im Großen und Ganzen muss ich nach fast acht Monaten leider das Fazit ziehen, dass mich das französische Ausbildungssystem doch stark verprellt hat. Warum? Nun ja, da wären zunächst einmal die Vorlesungen. Prinzipiell finden diese ohne jegliche mediale Unterstützung statt, was im Grunde völlig in Ordnung ist, würde es dann nicht bedeuten, dass circa fünf Minuten für das Diktieren einer Definition verwendet werden müssen. Generell wird fast ausschließlich im Diktat-Stil unterrichtet, was äußerst ermüdend und auch langweilig ist. Es ist kein Platz für Diskussionen, und irgendwie scheint dieser auch nicht gewollt. Die Studenten sind doch eher darauf erpicht, alles, so gut wie wortwörtlich, abzupinseln, anstatt über das Gesagte nachzudenken. Ich habe daher oft den Eindruck gehabt, dass interessante Aspekte verloren gegangen sind. Hinzu kommt der Hang der Profs, mehr lehren zu wollen, als Zeit und vielleicht auch Mittel vorhanden sind. An dieser Stelle stellt die eigene Lehrmethode den Dozenten ein Bein. Man könnte nun sagen, wir sind ein wenig verwöhnt durch unser Stud.IP und die vorbereiteten Powerpoint-Präsentationen unserer Dozenten, aber genau betrachtet macht es das Unterrichten nur angenehmer, effektiver und interessanter.

Auch hier in Frankreich dauern die Veranstaltungen zwei Stunden, allerdings wird immer nach einer Stunde eine kleine Pause eingelegt. Sowohl für den Professor als auch für die Studenten scheint sie von äußerster Wichtigkeit zu sein. Mir kam sie zugute, da es wirklich anstrengend ist, konstant aufmerksam zu sein und der französischen Sprache zu folgen. Allerdings empfinde ich sie insofern als störend, da sie den Ablauf der Stunde unterbricht und die Studenten danach oft sehr aufgewühlt sind.

Von Vorteil sind allerdings die quantitativ kleinen Kurse. Es gibt ein relativ großes Angebot, aus dem ausgewählt werden kann, und ich habe keinen Kurs besucht, in dem mehr als 30 Studenten anwesend waren. In einigen waren wir sogar nur zu siebt. Dies hilft natürlich, ein wenig aus der Anonymität auszubrechen und sich doch hin und wieder am Geschehen zu beteiligen.

Mich selbst zu beteiligen, gelang mir manchmal in den kleineren Kursen. Das eine oder andere Mal habe ich Zusammenhänge nicht verstanden oder erst später gerafft und damit das Zeitfenster für eine Frage verpasst. Und, naja, vor so vielen Leuten einfach mal in gebrochenem Französisch loszuplappern und Gefahr zu laufen, dass man dann trotzdem nicht verstanden wird, ist eben auch nicht so leicht. So habe ich mich im ersten Semester doch eher zurückgehalten, aber jetzt im zweiten ist das einfacher. Die Studenten und Professoren kennen mich und wundern sich deshalb über nichts mehr. Oft werde ich auch von ihnen selbst angesprochen und gebeten zu erzählen, wie es denn in Deutschland zum Thema so aussieht.

Auf der einen Seite habe ich immer den Austausch zwischen Professor und Studenten vermisst. Aber auf der anderen Seite ist es für einen Erasmus-Studenten einfacher, nur einer Person zuhören zu müssen. Die Studenten versteht man eher kaum bis nicht. Das macht ein Mitdiskutieren etwas kompliziert, und man kann immer Gefahr laufen, etwas beizutragen, was gar nicht zum Thema gehört. Dafür ist schon etwas Mut vonnöten, der mir zugegebenerweise vielleicht hin und wieder gefehlt hat.

Ich glaube, das System und die Sprachbarriere haben mir das Studieren in Rouen etwas verleidet. Aber bei allen Kritikpunkten am System: Als persönliches Fazit muss ich mir wohl eingestehen, oft nicht genug Mut gehabt zu haben, um mir selbst ab und zu aus der Patsche zu helfen. Und auch wenn das französische Unterrichtsmodell an vielem krankt, sei es eine mangelhafte Ausrüstung oder wenig Interaktion, so gehört in Frankreich eine noch größere Portion Eigeninitiative in die Brotbüchse als ohnehin schon bei uns.

Über Gastbeitrag

Erstellt: 27.04. 2010 | Bearbeitet: 17.05. 2010 02:37