Aug 2010 hastuINTERESSE Nr. 33 0

»Als Vorbild fungieren«

Studentisches Engagement scheint aus der Mode zu sein. Es fehlt an Motivation, Geld und Zeit. Ute Larsen (23) verzichtet dafür gern mal darauf, zu schlafen oder zu duschen.

Ute spricht zu den Studierenden im besetzten Audimax beim Bildungsstreik 2009

Ute, du bist Mitglied im Lokalen Aktionsplan für die Stadtratsfraktion der SPD, stellvertretende Vorsitzende des Ortsvereins der SPD Oberes Murrtal (Baden-Württemberg) und Mitglied der Jusos in Halle. An der Uni arbeitest du im StuRa, bist Senatssprecherin und engagierst dich im Bildungsstreik. 2009 warst du außerdem Mitbegründerin der Sozialistischen Jugend Deutschland »Die Falken« in Halle. Das klingt nach viel. Ist Student sein allein nicht schon ein Full-Time-Job?


Das kommt immer darauf an, wie man seine Module legt, ob man innerhalb der Regelstudienzeit studieren möchte oder nebenbei noch was für die Gesellschaft tun will und dafür länger studiert. Immerhin macht mir unsere Gesellschaft das Studieren überhaupt erst möglich. Deshalb ist mir letzteres wichtiger, als mein Studium so schnell wie möglich abzuschließen. Ich finde, Partizipation ist unumgänglich in unserer Zeit, beziehungsweise in einer Demokratie, wenn wir wollen, dass sie nach unseren Vorstellungen funktioniert.

Und wie läuft denn das Studium, wo du doch viel anderes zu tun hast?

Ich brauche länger, als die Regelstudienzeit vorsieht, aber sonst hat das Engagement kaum Auswirkungen auf mein Studium. Wenn ich, wie heute Morgen, mal eine Vorlesung verschlafe, dann arbeite ich das nach. Ich will meinen Bachelor auch gut abschließen und danach den Master belegen, in Friedens- und Konfliktforschung. Beim Studieren lebe ich richtig auf. Neben dem Basteln an der Gesellschaft will ich auch meinen Fähigkeitenhorizont erweitern.

Du bemerkst sicher, dass die wenigsten Studenten so denken. Bist du wütend darüber?

Ich hatte erst Montag eine Veranstaltung mit gesellschaftskritischer Diskussion. Da machte eine Frau auf etwas Wichtiges aufmerksam. Fast jeder Student ist in seiner eigenen Art sozial engagiert. Manche arbeiten in Parteien oder bei der Tafel, andere helfen im Sportverein, sind künstlerisch aktiv oder kümmern sich intensiv um ihre Freunde. Jeder macht eben das, wo seine Talente liegen. Der eine findet die im Fachschaftsrat, der andere, indem er seine Oma unterstützt. Ich bin der Meinung, dass es den unsozialen Studenten so nicht gibt, das ist eher eine Randerscheinung. Ich habe auch Verständnis für deren Zurückhaltung. Viele der Studenten stehen unter finanziellem Druck und somit hohem Zeitmangel. Kaum einer legt sich die Module nach dem eigenen Zeitplan, da steht viel wahrgenommener Druck dahinter, der so ausgeprägt nicht existiert. Außerdem zögern Studierende auch oft deshalb, weil sie von ihrer Selbstwirksamkeit nicht überzeugt sind. Das merken alle Vereine, auch wir in der Studierendenbewegung.

Wie kommt es, dass du von deiner Selbstwirksamkeit überzeugt bist?

Ich bin schon sehr früh mit der Shoah-Thematik in Kontakt gekommen. Aus der Geschichte habe ich gelernt, mich einzubringen, damit bestimmte Dinge nicht wieder passieren. Dinge, die in meinen Augen Ungerechtigkeit darstellen. Wenn ich wie eine Leiche im Wasser treiben würde, könnte ich nicht erwarten, dass die Gesellschaft so funktioniert, wie ich sie mir vorstelle. Meine Mutter hat zu mir immer wieder gesagt, ich müsse so handeln, dass ich mir am nächsten Morgen im Spiegel noch in die Augen sehen könne. Im Großen und Ganzen kommt die Motivation wohl aber von meinem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn.

Hast du auch Momente für dich allein, in denen du das ausblenden kannst?

Ja. Ich schreibe Tagebuch. Oft vor dem Schlafengehen setze ich mich ganz bewusst hin, zur Selbstreflexion. Ich male auch sehr gern. Über diese Dinge kann ich mich selbst ausdrücken. Vor allem nach meiner psychiatrischen Behandlung wurde mir klar, dass ich mir solche Momente nehmen muss. Ich höre dennoch oft von Freunden, wann ich denn das letzte Mal geduscht, geschlafen oder die Wohnung aufgeräumt hätte.

Bleibt dir bei all dem auch Zeit für deine Freunde?

Bis zu meinem Zusammenbruch im letzten Jahr habe ich hier in Halle viel aufgegeben, weil ich oft nach Baden-Württemberg gefahren bin oder häufig bis tief in die Nacht im StuRa gearbeitet habe. Seitdem habe ich aber etwas zurückgeschraubt. Viele meiner Freunde kenne ich ja durch Organisationen, aber für die anderen ist es schon schwierig mit mir. Aber wenn zum Beispiel eine Freundin anruft und Liebeskummer hat, dann stehe ich auch schon einmal von einer Sitzung auf, um sie zu trösten. Freunde sind wie eine Familie, sie haben immer oberste Priorität.

Wie motivierst du dich immer wieder neu? Bekommst du denn irgendetwas zurück von den Studenten, von den Dozenten oder von den Leuten, denen du hilfst?

Das ist keine klare Rechnung beim Ehrenamt. Die Leute im Asylbewerberheim, die werden niemals erfahren, dass ich mich für sie engagiere, mir niemals etwas »zurückgeben«. Ich finde es einfach toll, dass ich die Möglichkeit habe, die Welt zu gestalten, wie ich es mag. Und es fühlt sich so gut an zu wissen, dass es ihnen am Ende etwas besser geht. Ich treffe immer wieder interessante Menschen, die mein Leben bereichern. Ich bin gerade dabei, jemandem ein Ausbildungsvisum zu besorgen. Es wäre so toll, wenn das klappen würde. Außerdem habe ich in meinem gesellschaftlichen Engagement mehr über das Leben gelernt als jemals in der Schule oder an der Universität.

Hast du vor, auch nach dem Studium noch so viel Engagement zu zeigen?

Ich glaube, mit dem Alter wird man gesetzter. Ich werde niemals aufhören, mich ehrenamtlich zu engagieren, nur die Aktionsformen werden bestimmt andere. Dann werde ich wahrscheinlich nicht mehr schreiend auf der Straße stehen. Vielleicht werde ich mich um politische Kinder- und Erwachsenenbildung kümmern. Ich werde versuchen, als Vorbild zu fungieren und zu vermitteln, dass man etwas verändern kann, wenn man mit anpackt. Dann kann ich als Vorbild fungieren.

Kannst du denn zufrieden mit dem sein, was du schon erreicht hast?

Ich zweifle immer daran, ob ich genug tue. Wenn ich dann wieder an einem Bettler vorbeilaufe, sehe ich, dass noch so viel Arbeit übrig ist, dass die Gesellschaft einfach noch nicht funktioniert. Es gibt immer noch mehr, wo man mit anpacken muss. Allerdings kann ich beruhigt in den Spiegel sehen!

Ute, vielen Dank für das Gespräch!

Über Franziska Weiß

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Erstellt: 06.08. 2010 | Bearbeitet: 17.10. 2010 23:00