Dez 2010 hastuUNI 0

»Die Bedingungen müssen besser werden«

An der Finanzierung des Deutschlandstipendium sollen sich auch Unternehmen beteiligen. Im Süden Sachsen-Anhalts ist die Industrie- und Handelsammer Halle-Dessau die Interessenvertretung der Wirtschaft. hastuzeit sprach mit Dr. Simone Danek, der Geschäftsführerin für Aus- und Weiterbildung der IHK.

Simone Danek im Gespräch (Foto: Tom Leonhardt)

Frau Dr. Danek, die Industrie- und Handelskammern Halle-Dessau und Magdeburg haben seit 2009 eine gemeinsame Stipendieninitiative für Sachsen-Anhalt. Was soll damit erreicht werden?

Wir wollen Unternehmen und Studierende oder Studieninteressierte zusammenbringen. Auf der Online-Plattform kann man sich direkt bei einem Unternehmen bewerben. Wenn man seine Studienrichtung eingibt, bekommt man Kontakt zu Stipendiumsgebern und kann sich dann mit ihnen in Verbindung setzen. Für die Unternehmen ist es natürlich gut, um Nachwuchs zu werben. Der Stipendiat muss sich nämlich nach dem Studium zwei Jahre an das Unternehmen binden. Er wird allerdings auch die ganze Zeit unterstützt und hat zudem einen Arbeitsplatz sicher.

Wie erfolgreich ist die Platform denn gestartet?

Derzeit sind 70 Unternehmen registriert, die Stipendien in rund 30 Studienrichtungen anbieten. Vorrangig sind das natürlich gewerblich-technische und naturwissenschaftliche Fachrichtungen, aber Betriebswirtschaftslehre ist zum Beispiel auch dabei.

Ein Philosophiestudent könnte sich also nicht bewerben?

Nein, der hätte eher schlechte Karten.

Nun soll es ab dem Sommersemester bundesweit das Deutschlandstipendium geben. Eine Konkurrenz zu Ihrer Initiative?

Es ist eine Konkurrenz, aber als Wirtschaftsinstitution sehen wird das natürlich als belebend an. Das Deutschlandstipendium hat auch eine andere Herangehensweise. Die Stipendiaten werden nicht von den Unternehmen ausgesucht, sondern von der Hochschule. Da braucht man erst einmal Betriebe, die unter dieser Bedingung Geld geben.

Aber mittlerweile ist die Mitbestimmung der Unternehmen doch gewährleistet. Immerhin zwei Drittel der Deutschlandstipendien dürfen zweckgebunden vergeben werden.

Das ist richtig. Mit der zweiten Fassung des Gesetzes wurde den Unternehmen Mitbestimmung bei der Fachrichtung eingeräumt. Allerdings ist es noch immer nicht möglich, die Stipendiaten kennen zu lernen, wenn diese das nicht wollen. Auch können keine Leistungsnachweise oder Praktika eingefordert werden. Und immerhin ein Drittel wird ja nicht zweckgebunden vergeben.

Die Hochschulen in Sachsen-Anhalt müssten bei einem voll ausgebauten Stipendienprogramm jährlich rund 7,7 Millionen einwerben. Ist das unter diesen Bedingungen ein schwieriges Vorhaben?

Die Größenordnung wird sehr schwer zu erreichen sein. Ein Unternehmen geht natürlich danach, ob es sich rechnet. In unserer Region haben wir 95 Prozent kleine und mittelständische Unternehmen, die oft noch genauer schauen, wofür sie Geld ausgeben. Es mag große Betriebe geben, die es für die Region oder die Gesellschaft machen, aber die gibt es in nennenswertem Umfang auch erst ab einer bestimmten Wirtschaftskraft. Außerdem darf man nicht vergessen, dass viele Unternehmen bereits engagiert sind, zum Beispiel in Kindergärten, Schulen und anderen Projekten. Es bedarf einer durchaus heftigen Akquise, da noch jemanden in diesen Größenordnungen zu finden.

Bundesweit war die Deutsche Telekom einer der ersten großen Konzerne, der Stipendien stiftet. Welche Rückmeldung haben Sie von den großen Konzernen aus Sachsen-Anhalt?

Da habe ich noch keine Rückmeldung erhalten.

Und von den Hochschulen?

Bei einer Podiumsdiskussion hat die Hochschule Anhalt signalisiert, dass sie noch auf uns zukommen möchte. Aber ansonsten haben wir noch keine Reaktionen. Wir werden unsere Unternehmen natürlich über das Deutschlandstipendium informieren, allerdings über Vor- wie Nachteile.

Aus Ihrer Sicht müsste das Deutschlandstipendium also geändert werden, um erfolgreich zu sein?

Wenn sich deutlich mehr Unternehmen beteiligen sollen, dann muss ein direkter Nutzen geboten werden. Der ist derzeit aber nicht da.

Die Verflechtung mit der Wirtschaft ist an Hochschulen ein Tabu. Verstehen Sie die Angst vor Einflussnahme?

Die Freiheit von Forschung und Lehre ist ein hohes Gut, an dem ich nicht rütteln kann und möchte. Hier geht es doch nur darum, dass Fachkräfte zu einer bestimmten Zeit dort landen, wo auch für sie bezahlt wurde. Das halte ich für kein unmoralisches Angebot. Die Hochschulen werden ja nicht eingeschränkt.

Sie haben vorhin gesagt, dass bei der IHK-Stipendieninitiative Philosophen schlechte Karten haben. Ist es denn zu erwarten, dass die Verteilung der Stipendien auf die Fachbereiche beim Deutschlandstipendium ausgewogener ist?

Die Unternehmen werden natürlich nachfragen, was sie brauchen. Da ist es wahrscheinlich, dass Geistes- und Sozialwissenschaften nicht ganz so stark nachgefragt werden, wie MINT-Fächer. Nichtsdestotrotz brauchen wir Philosophen und deswegen ist das Deutschlandstipendium ja auch eine gute Idee. Von den Stipendien, die nicht zweckgebunden vergeben werden, können die Fächer profitieren, die nicht so sehr im Fokus der Unternehmen stehen.

Können Sie sich auch vorstellen, dass durch das Deutschlandstipendium die Entscheidung für ein Studium im naturwissenschaftlichen Bereich gefördert werden soll?

Ich denke schon, dass es ein Anliegen ist, die Fächer zu stützen, bei denen wir Nachholbedarf haben. Und das sind nun mal MINT-Fächer.

Frau Dr. Danek, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Über Julius Lukas

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Erstellt: 29.12. 2010 | Bearbeitet: 19.05. 2012 16:37