Nov 2009 hastuINTERESSE 6

Zum Töten brauche ich keine Waffen, nur Wörter

Kann man einen Menschen einfach so mit Worten töten? Wenn es nach Steffen Kitty Herrmann geht, sind Wörter (tödliche) Waffen, besonders gefährlich ist aber das Schweigen.

Kann man einen Menschen einfach so mit Worten töten? Wenn es nach Steffen Kitty Herrmann geht, sind Wörter (tödliche) Waffen, besonders gefährlich ist aber das Schweigen. Im Rahmen der interdisziplinären Ringvorlesung que(e)r einsteigen hat er am 5. November darüber gesprochen, wie Wörter verletzen und in ihrer letzten Folge sogar töten können.Zu der Vorlesung hatten sich über 100 Interessierte im großen Hörsaal des Melanchthonianiums versammelt, um dem Berliner Philosophen bei seinem Vortrag über „Symbolische Gewalt und sozialen Tod» zuzuhören. Herrmann geht davon aus, dass es generell zwei Arten von Gewalt gibt: Die körperliche und die symbolische, die sprachliche Gewalt. Wenn man versuchen würde, eine „Rangordnung» der Gewalten zu erstellen, so müsse die symbolische Gewalt die übergeordnete sein – jeder körperlichen Gewalttat lastet eine symbolische Tat an: Bei der Folter zum Beispiel geht es nicht nur darum, einem Menschen möglichst viele Schmerzen zuzufügen, sondern auch darum, ihn zu demütigen. Körperliche Gewalt kommt demnach also gar nicht ohne symbolische Gewalt aus. Doch wie kann uns etwas verletzen, das eigentlich gar nicht existiert?

Herrmann geht bei seiner Forschung von John Austins Theorie der Sprechakte aus: Es gibt zum einen Aussagen, die wahr oder falsch sein können, wie zum Beispiel „Es regnet». Der größere und eigentlich auch interessantere Teil der Sprache besteht aus so genannten „perfomativen Sprechakten». Beispielsweise bei der Taufe eines Schiffes: „Hiermit taufe ich dich auf den Namen Lizzy» – damit verändert der Mensch die Welt, er fügt ihr etwas Neues hinzu. Diese Sprechakte sind es, die andere verletzen können. Damit ist allerdings immer noch nicht die Frage geklärt, wie uns etwas verletzen kann, das nicht materiell ist. Jeder Mensch, so Herrmann, versucht, sich selbst zu (er)finden. Die zentralen Fragen dabei: Wer bin ich? Was macht meine Existenz aus? Das Zentrum des menschlichen Selbstbewusstseins soll demnach seine Selbstgewissheit, seine Selbsterkennung sein. Damit das aber funktioniert, bedarf es der Anerkennung anderer Menschen. Und genau hier setzt sprachliche Gewalt an.

Sprachliche Gewalt greift den Menschen in seinem Selbstverständnis an. „Du bist dämlich» versucht, den Gegenüber unterzuordnen, ihn zu verunsichern. Sprachliche Gewalt zielt aber nicht nur darauf ab, einen Menschen in seinem Inneren zu „zerstören», sondern auch ihn neu zuzuordnen – sie ist der Versuch, Menschen in bestimmte Kategorien zu verordnen, nach denen dieser sich dann zu verhalten habe. An dieser Stelle verweist Herrmann auf Michel Foucault: Sprache, besonders sprachliche Gewalt hat etwas mit Macht zu tun. Wenn ich jemanden beleidige, will ich Macht über ihn haben und ihn das spüren lassen. Aber wie werden bloße Wörter zu Gewalttaten?

In der Vorlesung hat Herrmann drei Voraussetzungen bzw. Kriterien für das Gelingen von sprachlicher Gewalt vorgestellt: Zum einen braucht man „Zeugen» für die sprachliche Gewalt. Erst dadurch, dass noch weitere Personen davon hören, entfaltet sich das volle Potential von verbaler Gewalt. Wenn ein Politiker einen anderen beleidigt und niemand davon erfährt, grämt der letztere sich vielleicht ein wenig, aber nach kurzer Zeit ist die Sache vergessen. Erfahren aber nun andere Menschen, oder gar die Medien davon, so spricht man oft von einem Skandal. Die zweite Voraussetzung für das Gelingen ist die Autorität des „Beleidigers». Ist er ein angesehener Bürger, intelligent und mächtig? Schon neigen die meisten Menschen viel eher dazu, ihm Recht zu geben. Besonders heikel wird es, wenn ein Mensch „im Namen von» etwas spricht; beispielsweise ein Richter „im Namen des Volkes». Das dritte und damit letzte Kriterium ist die „gesellschaftliche Klassifikation», also das, worauf sich die Äußerung bezieht. Beleidige ich einen Menschen nur plump, so verpufft die Wirkung in der Öffentlichkeit schnell. Wenn ich aber gezielt ein Merkmal an ihm kritisiere (Herrmann nennt hier Beispiele wie sexuelle Orientierung, Hautfarbe usw.), entlädt sich die gesamte Kraft auf dem Anderen.

Wenn man einem Menschen somit die Anerkennung entzieht, wird dieser verletzt. Was passiert aber, wenn ich diesen Menschen ignoriere, ihn also anschweige? Für Herrmann ist das die gefährlichste und folgenschwerste Form von sprachlicher Gewalt. Indem Menschen mit Schweigen konfrontiert werden, spricht man ihnen jegliche Persönlichkeit ab. Noch schlimmer ist es, wenn Menschen zum Schweigen gebracht werden: Sinnlos verhallen ihre Worte im Raum, keiner hört ihnen zu. Will man einen Menschen (sozial) töten, so nehme man ihm die Möglichkeit, sich selbst auszudrücken – so der Sprachphilosoph. Damit löse man die Existenz des anderen auf – er höre auf, ein Mensch zu sein. Ist ein Mensch erst einmal sozial tot, sei es nur noch ein Ding der Zeit, bis er auf körperlich beginne, zu verfallen: Ein Mensch ohne Selbstbewusstsein kann psychische Störungen erleiden, die in schweren Psychosen enden. Selbst eine Beleidigung ist in dem Fall noch hilfreich. Wenigstens gibt sie Anerkennung, auch wenn diese negativ ist.

Nach ungefähr einer Stunde beendete Herrmann seinen Vortrag. Anschließend entwickelte sich eine kurze Diskussion darüber, wo denn die Gewalt in der Sprache nun wirklich liege. Der Berliner machte darauf aufmerksam, dass sprachliche Gewalt auch immer von der Intention (des „Autors») und der Interpretation (des „Empfängers») abhängig sei.

Weitere Informationen zu der Vorlesungsreihe, sowie alle bisherigen Vorträge zum Nachhören findet ihr unter:
www.queereinsteigen.wordpress.com

Der nächste Vortrag findet am 19. November um 19 Uhr in Hörsaal XX zum Thema Unlikely Couples? Queere Inszenierungsstrategien und maskulinistische Musiksubkulturen statt.

Über Tom Leonhardt

Tom Leonhardt
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Erstellt: 07.11. 2009 | Bearbeitet: 25.11. 2009 08:15