Dez 2009 hastuPAUSE Nr. 30 0

Wortgewalt

1986 hat der amerikanische Bau­arbeiter Marc Kelly Smith Poetry Slams ins Leben gerufen. Dank HALternativ e. V. gibt es sie seit zwei Jahren auch in Halle.

Foto: Sven Dressler

Foto: Sven Dressler

Traditionelle Lesungen erschienen Marc Smith zu langweilig. Literatur sollte seiner Meinung nach nicht ausschließlich in dieser aktionsarmen Form mit Tisch, Stuhl und einem Glas Wasser vermittelt werden. Er brach mit dieser Konvention, indem er in wöchentlichen Literaturshows seine Texte in einer kunstvolleren Form vortrug. Das Besondere war eine Performance mit einem speziellen Sprachrhythmus, deren Stil an musikalische Vortragsweisen wie den Rap erinnerte.

Mehr als 20 Jahre später ist der Poetry Slam 2007 auch Teil des hallischen Kulturlebens geworden. Mittlerweile findet die Veranstaltung regelmäßig jeden dritten Sonntag des Monats in den Gewölben des Turms statt. Zusätzlich gibt es Sonderveranstaltungen wie den »Dead or Alive Slam«. Dabei treten lebende Poeten gegen die Vertreter literarischer Größen wie Tucholsky an. Diese werden gestellt von Schauspielern der hallischen Theater.

Jeder kann sich als Poet anmelden und seine Texte vortragen. Dem Publikum präsentieren sich am Abend meist neun Slammer. Die Teilnehmer haben jeweils sechs Minuten, um die Zuschauer von ihrem Können zu überzeugen. Wer den lautesten Beifall erntet, darf sich als Sieger des Abends bezeichnen.

Es wird nicht stiller

Doch erntet der Dichterwettstreit selbst noch Beifall? Oder ist er nach zwei Jahren schon langweilige Routine, die nur einen Stammkreis an Zuhörern anspricht? »Ganz und gar nicht«, weiß Katja Hofmann. Sie studiert Politikwissenschaft und Französisch auf Lehramt an der MLU. Seit August ist sie Mitglied bei HALternativ e. V.

»Wir haben am Abend 150 bis 200 Zuschauer. Oft wollen noch mehr kommen. Die müssen wir aus Platzmangel leider wieder nach Hause schicken.«

Unter den Besuchern entdeckt man immer wieder neue Gesichter. Hauptsächlich sind es aber Studierende, die sich für den Slam begeistern. »Und das nicht nur als Zuschauer. Es melden sich immer mehr Mutige bei uns, die auch slammen wollen. Leider ist dabei die Frauenquote sehr gering«, erzählt Katja weiter. Die eingefleischten hallischen Slammer reisen mit ihren Textdarbietungen bereits über die Stadtgrenzen hinaus. Ebenso gerne begrüßt Halle außerstädtische Slammer, die meist positiv überrascht sind.

»Unsere Gäste behalten stets die tolle Betreuung und die schöne Atmosphäre in Erinnerung. Auch Slammer-Größen wie Andy Strauß, die schon weit gereist sind, loben das und kommen immer wieder gern her.«

Das Besondere in Halle ist die Verpflegung mit Knabberzeug während der Veranstaltung und ein Rahmenprogramm mit musikalischer Untermalung und einem Quiz. So hat sich Halle neben Leipzig und Dresden als eine der Slam-Hochburgen Ostdeutschlands etabliert.

Die Fans des Poetry Slams schätzen dies ebenso. Sie erfreuen sich zum einem an den unterhaltenden Texten, die erheitern. Zum anderen regen melancholische Texte zum Mitfühlen und Nachdenken an. Auch kritische Beiträge kommen gut an. So gewann André Herrmann mit seinem Text »Halle, eine Stadt zum Hassen« im Dezember 2008 den Slam. Trotz seiner heiklen Betrachtung der Stadt traf er den Nerv des Publikums.

Ein guter Slammer kann sich das erlauben. Man erkennt ihn an seinem Auftreten, das durchaus an Stand-Up Comedy erinnern darf. Und daran, dass er seine Texte möglichst auswendig kann und in einer rhythmischen Art vorträgt. Wer auf solche Slammer treffen möchte, kann die Internetplattform www.myslam.net nutzen. Oder einfach beim nächsten Poetry Slam vorbeischauen.

Weitere Informationen unter: www.halternativ-verein.de oder www.poetryslam-halle.de

Über Sabine Paschke

Erstellt: 13.12. 2009 | Bearbeitet: 22.12. 2009 10:07