Okt 2009 hastuINTERESSE Nr. 28 0

Wenn der Kopf überkocht

Immer mehr Studenten leiden am Burn-out-Syndrom. Immer mehr müssen lernen, damit umzugehen. Ein Beispiel.

16_17_Interesse_Burnout_RitaVelasquezEigentlich steht Friederike* ständig unter Druck. Sie studiert im fünften Semester Bachelor, muss dafür tausend Projekte bearbeiten, leitet ein Tutorium und jobbt in einer Bar. Eigentlich sieht Friederike so aus, als würde sie das ohne Probleme schaffen. Hoch gewachsen, wache Augen und eine resolute Haltung. Wenn die Studentin spricht, lächelt sie dabei oft, so als sei sie viel zu tough, um vor der Uni zu kapitulieren. »Es ist komisch. Jetzt kann ich darüber lachen«,
resümiert sie über das Erlebnis, weswegen sie hier sitzt und ihre Geschichte einer Fremden erzählt. »Aber in dem Moment war das gar nicht lustig.« Vor Kurzem hatte Friederike einen Nervenzusammenbruch. Plötzlich war es, als sei ihr Kopf übergekocht.

Nur einen Tropfen zu viel

»Ich konnte nicht einschlafen«, erinnert sie sich. Und erzählt dann vom BAföG-Amt, das ihr Geld gekürzt hat, von dem Dozenten, der ihre Hausarbeit nicht verlängern lassen will, und vom Prüfungsamt, das ihr keine Bescheinigung über die Regelstudienzeit ausstellen kann, weil sich ihre Dozenten zu viel Zeit lassen, um die Ergebnisse weiterzugeben. All das staute sich zusammen, bis der Druck auf die eigenen Nerven zu viel wurde. »Ich dachte plötzlich, mein Kopf würde sich verselbstständigen. Da waren Stimmen, die meinten: ›Du schaffst das nicht, das wird nichts!‹, und ich konnte nichts dagegen tun. Es war, als wären diese Stimmen extern.« Schnell versuchte sich Friederike abzulenken. To-do-Listen machen, TV schauen, zur Ruhe kommen. Die junge Frau hat Übung darin, wieder klarzukommen. Das letzte Semester war so anstrengend, dass Friederike oft nicht schlafen konnte. Dabei hatte ihr Studium ganz unbeschwert begonnen: »Am Anfang war alles in Ordnung, damals hat mir das Studium richtig gefallen. Aber seit dem vierten Semester ist es zu viel. In den Ferien mussten wir ein Projekt machen, das so stressig war, dass wir uns am Ende wieder auf die Uni gefreut haben. Dabei hat das Arbeiten an dem Projekt wahnsinnig viel Spaß gemacht.« Aber für Spaß allein gibt es keine Leistungspunkte. Nicht mal für ein lehrreiches Praktikum findet Friederike die Zeit, obwohl dieses im Modulhandbuch vorgeschrieben ist. Ihr Vater hat deshalb einen Praktikumsbeleg ausgefüllt, damit sie mit ihrem Institut keinen Ärger bekommt. Hauptsache bestehen, Hauptsache weitermachen. Solange bis man, wie Friederike, den Kontoauszug sieht und begreifen muss, dass der neue BAföG-Satz nicht mal für die Miete reicht. Das war zu viel, der Tropfen, der das Fass voller Sorgen zum Überlaufen brachte.

Fertig, ehe das Leben richtig losgeht

Wahrscheinlich ist Friederike nur ein Beispiel von vielen. Wie hoch die Zahl der hallischen Studenten ist, die sich überfordert fühlen, lässt sich nur ahnen. Der Terminkalender von Anett Zehnpfund gibt immerhin einen Hinweis. Die Sozialarbeiterin der psychosozialen Beratungsstelle muss lange blättern, ehe sie einen freien Termin findet. »Ich bin gut ausgelastet«, bestätigt Zehnpfund den ersten Eindruck. Über 200 Studenten habe sie seit Januar empfangen. »Die meisten klingeln, weil sie sich ausgebrannt fühlen. Oft stellt sich aber raus, dass sich dahinter mehr verbirgt.« Probleme im Job, Stress in der Familie oder mit dem Partner, das seien die eigentlichen Gründe. »Eigentlich haben Studenten genug Zeit für die Uni – trotz Bachelor. Aber man vergisst oft, dass Studenten auch nur Menschen sind und nebenbei andere Probleme zu bewältigen haben.« Gerade deshalb hätte die Umstellung auf Bachelor zu einem Anstieg der Beratungen geführt. »Neuerdings kommen auch immer mehr Erst- oder Zweitsemester, weil ihnen einfach die nötige Orientierungszeit fehlt.« Berechnungen haben ergeben, dass einem Bachelor bis zu 40 Stunden pro Woche abverlangt werden. Da bleibt wenig Luft für sonstige Aktivitäten. »Und wenn man zusätzlich arbeiten muss, ist kein Platz für die notwendigen Entspannungsphasen.« Diese Phasen aber sind es, auf die der Körper nicht lange verzichten kann. »Wie stark ich unter Druck stehe, wurde mir klar, als meine Periode unregelmäßig kam. Frauen merken so ja oft, dass etwas nicht stimmt«, erzählt Friederike. Frauen sind ja sowieso sehr viel ehrgeiziger, nicht umsonst sind Mädchen oft auch die besseren Schüler. Kein Wunder also, dass gerade sie dem Druck des Studiums nicht standhalten.

Früher Einserschüler, heute ausgebrannt

»Ob man für Burn-out-Symptome anfällig ist, hat rein gar nichts mit dem Geschlecht zu tun«, widerlegt Anett Zehnpfund das Klischee. Auch das Studienfach spiele keine Rolle. »Es kommt immer auf die eigenen Ansprüche an. Wer in der Schule immer Einsen hatte und dem an der Uni gerecht werden will, der ist schnell überfordert.« Das Unileben genießen, alle ungeliebten Pflichtfächer belegen und trotzdem stets Jahrgangsbester sein, das geht oft nicht. Auch Friederike musste das lernen. Zwar wollte sie nie die Beste sein, wirklich Nein sagen kann sie auch nicht. Sie möchte alles Auferlegte schaffen und auf keinen Fall enttäuschen. Vergangenes Semester aber hat sie es dann doch gewagt und ihrem Dozenten Contra geboten. »Als ich während des Seminars sagte, dass das doch etwas viel Aufwand sei und damit einfach das sagte, was alle im Raum dachten, fragte er irritiert, ob ich es denn nicht einfach sein lassen wolle und ob sich mit mir noch jemand überfordert fühle.« Die Arme seien unten geblieben. Niemand war wohl mutig genug, sich dem Dozenten zu widersetzen. »Nicht alle, aber viele Professoren haben sich nicht allzu gut auf die Umstellung eingerichtet, gerade was die Empathie für die Studenten betrifft«, bestätigt Zehnpfund Friederikes Erlebnis. Auch deshalb gehe es bei der Beratung darum, dass die Betroffenen lernen, sich selbst wieder aufzubauen anstatt auf die Unterstützung der Lehrbeauftragten zu warten. »Vo-raussetzung aber ist, dass die Betroffenen sich helfen lassen wollen. Wer über seine Sorgen und Schwächen nicht reflektiert, dem hilft auch kein Wochenplan.« Genau diesen arbeiten die Mitarbeiter der Beratungsstelle mit den Studenten aus. Sie versuchen, den Alltag zu strukturieren und geben bei Bedarf Adressen von Therapeuten weiter.
»Nur wenige brauchen wirklich eine Therapie, wenn überhaupt, sind es zehn Prozent. Meistens ist es ein simples Strukturproblem, das wir auch hier beheben können.«

Aufstehen und weitergehen

Bei Friederike steckt mehr dahinter als besagtes Strukturproblem. Sie ist bereits seit Jahren in Therapie und wird deshalb auch nicht an der Tür von Anett Zehnpfund klingeln. »Eigentlich bin ich dort aus anderen Gründen, aber gerade jetzt helfen mir die Gespräche sehr«. Eine Prioritätenliste erstellen, planen, welche Ziele man kurzfristig erreichen kann und herausfinden, welche Sorgen wirklich dahinter stecken. »Die Therapie ist sehr gut, um einfach mal Dampf abzulassen. Manchmal heule ich dort während der Sitzung, das befreit ungemein.«

Friederike hat gelernt, dass sie sich von den Stressfaktoren nicht in die Enge treiben lassen darf. Sie weiß, es geht darum, Lösungen zu suchen und sich selbst Freiräume zu schaffen. »Ich höre mittlerweile sehr genau auf meinen Körper. Und wenn ich eine Pause brauche, dann nehme ich mir die einfach«, sagt Friederike zum Abschied und strahlt dabei über das ganze Gesicht. »In zwei Tagen fliege ich für ein paar Wochen in die USA, ich muss einfach raus. Egal, was ich hier zu erledigen habe.«

*Name geändert

Illustration: Rita Velasquez

Über Steffi Hentschke

Erstellt: 05.10. 2009 | Bearbeitet: 26.07. 2011 15:22