Dez 2009 hastuPAUSE Nr. 30 0

Warum schämen wir uns fremd?

Fremdschämen ist ein psychologisches Phänomen, unter dem wir alle leiden. Woran das liegt und was man dagegen machen kann, erforscht Psychologiestudentin Lea.

26_Pause_Fremdschaemen_MiaEwaldDein Kommilitone äußert sich im Seminar sehr selbstbewusst, doch leider unpassend und beschämt senkst Du den Kopf? Dein Professor lacht über seinen eigenen Witz, doch keiner lacht mit ihm und Du verziehst vor Scham dein Gesicht? Es ist verrückt. In all diesen Situationen haben nicht wir, sondern die anderen sich nicht adäquat verhalten. Und während sie es scheinbar nicht einmal bemerken, wollen wir im Boden versinken. Wir schämen uns fremd und können scheinbar nichts dagegen tun.

Zum Fremdschämen gehören immer drei

Scham gehört genauso wie Schuld und Verlegenheit zu den moralischen Emotionen. Das bedeutet, dass dieses Gefühl auftritt, wenn man gegen soziale Normen verstößt und dies beobachtet wird. Warum schämen wir uns aber auch manchmal für das Verhalten der Anderen? Diese Frage versucht die Psychologiestudentin Lea Hildebrandt in ihrer Master-Thesis zu beantworten. »Psychologisch erklären kann man das Phänomen damit, dass sich jeder mit bestimmten Gruppen identifiziert und diese als Teil der eigenen Identität wahrnimmt«. So kann mich mit meinem Kommilitonen der Studiengang, das Semester, unsere Freundschaft, oder sollte ich mich vor dem Dozierenden schämen, einfach nur der gemeinsame Status des Studierenden einen. Ist mir ein Professor sympathisch oder habe ich schon mehrere Seminare bei ihm besucht, so kann auch das zu einer gemeinsamen Gruppenzugehörigkeit führen. »Handelt nun eine Person meiner Gruppe entsprechend meiner Wahrnehmung unpassend, so betrifft dies auch mich«, erklärt Lea. »Und wenn eine dritte Person, die einer anderen sozialen Gruppe angehört, anwesend ist und das unangebrachte Verhalten ebenfalls beobachtet, so schäme ich mich vor dieser Person stellvertretend für das Mitglied meiner Gruppe«. Zum Fremdschämen gehören also immer drei: der sich Blamierende, der sich Schämende und der Beobachtende, vor welchem wir uns fremdschämen.

Alles eine Frage der Wahrnehmung

Das Maß beim Fremdschämen könnte demnach damit zusammenhängen, wie leicht ich mich einer Gruppe zuordne und welches Gewicht ich ihr innerhalb meiner Identität einräume. Ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein schützt wahrscheinlich auch eher davor, seine Identität durch das Handeln der Anderen bedroht zu sehen. »Auch die Sensibilität, mit der ich bei anderen scheinbar fehlerhaftes Verhalten feststelle, ist ausschlaggebend für meine Anfälligkeit bezüglich des Fremdschämens«.

»Ob man sich fremd schämt oder nicht, hängt zudem von der Konstellation der Beteiligten ab«, führt Lea weiter aus. »So schäme ich mich umso intensiver, je stärker ich mich mit der sich unpassend verhaltenden Person identifiziere.« Auch mein Informationsstand über die Person, vor der ich mich schäme, spiele eine Rolle. »Kenne ich also die Befindlichkeiten der beobachtenden Person, so ist es möglich, dass ich das Fettnäpfchen, in das zum Beispiel meine Freundin gerade tritt, erkenne, wobei es ihr gar nicht auffällt.«

Distanz kann helfen

Auf die Frage, ob man gegen das Fremdschämen etwas tun könne, antwortet Lea unschlüssig. »Fremdschämen ist eine normale Emotion, die man, wie alle Gefühle, einfach akzeptieren muss. Helfen könnte aber Distanz zu bewahren, sich also entweder der Situation zu entziehen oder bewusst von der Person, die den Fehler macht, mental abzugrenzen.« Wegrennen sei jedoch keine Lösung. Denn das Verdrängen des Problems könnte zu Aggressionen führen. »Bei einer konstruktiven Auseinandersetzung und Analyse des Vorfalls wird einem oftmals schon bewusst, dass alles gar nicht so schlimm war und das Schamgefühl lässt nach.« Schließlich sind wir alle eigenständige Menschen und jegliche Gruppenzugehörigkeit nur ein kleiner Teil der komplexen Identität.

Illustration: Mia Ewald

Über Julia Glathe

Erstellt: 14.12. 2009 | Bearbeitet: 11.12. 2009 16:10