Dez 2009 hastuINTERESSE Nr. 30 0

»Warum etwas Wertvolles verschwenden?«

Richard Herrick erhielt am 23. Dezember 1954 ein besonderes Weihnachtsgeschenk – die Niere seines Zwillingsbruders Ronald. Dank dieser Nierentransplantation konnte Richard noch weitere acht Jahre leben.

Illustration: Oliver Thie

Illustration: Oliver Thie

Oft ist die Transplantation eines Spenderorgans die einzige Chance für Menschen, dem Tod zu entgehen oder ein gewisses Maß an Lebensqualität zu erreichen. Dank dem Engagement von Ärzten und der Entwicklung moderner Medizin ist es heute möglich, Organe wie Herz, Lunge, Leber und Niere zu transplantieren. Ebenso ist es gängig, Gefäße, Knochen und Augenhornhäute problemlos zu übertragen.

Doch nicht nur die Zahl und Bandbreite transplantierter Organe stieg an, seitdem der Arzt Joseph Murray vor
55 Jahren zum ersten Mal eine längerfristig erfolgreiche Nierentransplantation bei eineiigen Zwillingen durchführte. Auch erhöhte sich die Überlebensdauer mit Transplantat. Nicht zuletzt durch den Einsatz von Medikamenten sind nach einem Jahr 85 Prozent aller postmortal transplantierten Nieren intakt. Auch nach fünf Jahren sind es immer noch 70 Prozent. Bei einer Lebendspende lassen sich mittlerweile bessere Werte erzielen.

Euphorie und Angst

Daraus ließe sich eine positive Bilanz für einen oft alternativlosen Eingriff ziehen. Wenn man sich dann noch eine Organspendebereitschaft von nahezu 70 Prozent der Deutschen vor Augen hält, ist das mehr als erfreulich. Zumal ein Spenderausweis problemlos in Apotheken oder bei der Krankenkasse erhältlich ist.
Doch diese Euphorie wird gedämpft durch die Tatsache, dass lediglich jeder achte Deutsche einen Organspendeausweis besitzt. Prinzipiell wird die medizinische Option begrüßt, jedoch äußern sich die wenigsten dazu.

Sucht man nach Ursachen, ist Angst ein wesentlicher Faktor. Zugunsten des transplantationsbedürftigen Patienten im Nebenbett nicht ausreichend medizinisch versorgt zu werden oder die Sorge, dass Mediziner und Pfleger zu früh aufhören, um das Leben zu kämpfen. Vielleicht auch die Angst, als potentieller Organspender nicht wiederbelebt oder als unfreiwilliger Organlieferant missbraucht zu werden.

Schutz durch Gesetz

Um diesen Ängsten zu begegnen, sind die Rahmenbedingungen für die Spende und Entnahme von Organen im Transplantationsgesetz (TPG) streng normiert: eine postmortale Organentnahme erfolgt erst, wenn der Tod des Spenders nach Regeln, die dem Stand der Erkenntnisse der medizinischen Wissenschaft entsprechen, festgestellt ist. Durch zwei Fachärzte muss unabhängig voneinander der Hirntod des Spenders diagnostiziert werden. Hirntod bedeutet dabei das irreversible Erlöschen der Gesamtfunktion des Gehirns und somit den naturwissenschaftlich-medizinischen Tod des Menschen. Herz- und Atemstillstand allein sind keine absoluten Todeszeichen, da diese in einem gewissen Zeitrahmen reversibel sind.

Der Befürchtung, nach erfolgter Organentnahme als »verstümmelter« Leichnam die letzte Ruhe zu finden, tritt die Achtung der Würde des Verstorbenen entgegen. Um Angehörigen beim Abschied nehmen einen furchtbaren Anblick zu ersparen, werden zum Beispiel nach einer Hornhautspende künstliche Augäpfel eingesetzt oder nach einer Organentnahme der Torso sauber vernäht.

In Deutschland ist im TPG geregelt, dass eine Entnahme grundsätzlich nur möglich ist, wenn eine Zustimmung vorliegt. So hat vielleicht der Spender selbst zu Lebzeiten einer Spende zugestimmt, zum Beispiel durch einen Spenderausweis. Existiert kein dokumentierter Wille, wird nach dem Tod in einem Angehörigengespräch über Einwilligung oder Ablehnung entschieden. Hier versuchen Ärzte und Angehörige, den mutmaßlichen Willen des Verstorbenen zu ergründen. Da entweder der Spender oder seine Angehörigen zugestimmt haben müssen, nennt man dies »erweiterte Zustimmungslösung«. In einigen anderen europäischen Ländern wie Österreich oder Italien wird dagegen die Widerspruchslösung praktiziert. Das heißt, es dürfen Verstorbenen grundsätzlich Organe entnommen werden, es sei denn, ein Widerspruch ist dokumentiert. In diesen Ländern stehen aufgrund dieser abweichenden Regelung mehr Transplantate zur Verfügung und weniger Menschen »sterben auf der Warteliste«. In Deutschland verhindert die Bequemlichkeit, sich nicht zu äußern, eine Organspende; dieselbe Bequemlichkeit schenkt im Falle der Widerspruchslösung Gesundheit.

Deutlich lässt sich die Relevanz von Gesprächen mit Angehörigen und/oder Freunden und der Auseinandersetzung mit diesem Thema erkennen. Denn nur dadurch kann eine Meinung entstehen und publiziert werden. Eine Kommilitonin begründet ihre Entscheidung für einen Organspendeausweis folgendermaßen: »Indem ich mich in meinem Organspendeausweis eindeutig für eine Spende meiner Organe entschieden habe, kann ich verhindern, dass ich meine nächsten Angehörigen mit dieser schwierigen Entscheidung allein lasse.«

Eine individuelle Entscheidung ohne Zwang

Die Gedanken über eine Organspende beinhalten zwangsläufig die Beschäftigung mit dem eigenen Tod. Eine Angelegenheit, die gern in weite Ferne geschoben wird. Jedoch kann auch das Befassen damit und die Perspektive einer Spende dem Tod einen Sinn bereiten. So meint eine dazu befragte Studentin: »Warum soll so etwas Wertvolles ›verschwendet‹ werden, wenn dadurch andere die Möglichkeit haben, ein gesundes Leben zu führen?«

Der Schwierigkeit des Themas ist sich auch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) bewusst und schreibt in einer Info-Broschüre zur Organspende: »Fragen, die das Leben und den Tod berühren, sind niemals einfach. So ist es auch mit der Organ- und Gewebespende. Doch nur, wer sich selbst entscheidet, übt sein Selbstbestimmungsrecht aus und erspart unter Umständen den nächsten Angehörigen eine große Belastung.«

Anders als allgemein angenommen wird, bedeutet der Besitz eines Organspendeausweises nicht zwangsläufig, dass man sein Einverständnis zur Spende gibt. Genauso kann damit der Widerspruch einer Entnahme dokumentiert werden. Auch ist ein Widerruf der getroffenen Entscheidung jeder Zeit ohne Angabe von Gründen möglich. Ebenfalls kann die Zustimmung zur Spende auf einzelne Organe begrenzt werden.

Keine Frage das Alters

Grundsätzlich existiert keine Altersgrenze für einen Organspender. Wichtig ist lediglich der Zustand der Spenderorgane und ein funktionierendes Herz-Kreislauf-System. Dieses kann auch nach dem Hirntod aufrechterhalten werden, um die Blutversorgung der Organe zu gewährleisten. Eine Bereitschaft zur Spende kann ab dem 16. Lebensjahr bekundet werden, ein Widerspruch bereits ab dem 14. Lebensjahr.
Die Entscheidung pro oder kontra Organspende ist eine höchstpersönliche, die nicht mit richtig oder falsch bewertet werden sollte. Es ist eine Entscheidung, die man nur für sich selbst treffen kann. Doch man sollte sie treffen, damit im Notfall Klarheit besteht.

Illustration: Oliver Thie

Weitere Informationen unter: www.bzga.de und
www.dso.de (Deutsche Stiftung Organtransplantation)

Die Verfasserinnen studieren den Masterstudiengang Medizin-Ethik-Recht an der MLU Halle. Die Lehrveranstaltungen in diesem Studiengang befassen sich unter anderem mit den hier vorgestellten Themen. Durch die interdisziplinäre Studentenstruktur und die Zusammenarbeit verschiedener Fakultäten bietet sich Gelegenheit zur praxisnahen Debatte.
Weitere Informationen unter: mer.jura.uni-halle.de

Über Stephanie Schmidt

Erstellt: 14.12. 2009 | Bearbeitet: 04.01. 2010 22:01