Vorlesungen à la carte
Unsere Lehrgebäude haben alle eine Geschichte. Nicole hat die Archive durchforstet und stellt in einer Reihe ihre Recherche-Ergebnisse vor. Teil 3: Die Wirtschaftswissenschaften
Wenn du nach Halle gehst,
Dann geh nach Hamburg,
Wenn du von gutem Leben was verstehst.
So beginnt das Gedicht »Brief auf Hotelpapier« von Joachim Ringelnatz, der mit bürgerlichem Namen Hans Bötticher hieß. Er war deutscher Schriftsteller, Kabarettist sowie Maler und verfasste mehrere Gedichtbände, Romane, Bühnenstücke, Erzählungen und Märchen für Kinder. Seine größten Erfolge waren die »Turngedichte« und die Lieder vom Seemann »Kuttel Daddeldu«. In den zwanziger Jahren reiste er oft nach Halle und stieg hier im Hotel »Stadt Hamburg« ab. »Ringelnatz hat gern dort gewohnt«, so Norbert Böhnke, Vorsitzender des Vereins Initiative für Halle und den Saalkreis. Und mit der damaligen Besitzerin des Hotels, Klara Achtelstetter, habe ihn eine Freundschaft verbunden.
»Stadt Hamburg« war ein bekannter Gasthof, später Hotel in Halle, das bereits 1838 erwähnt wird. Erster nachweisbarer Besitzer war Friedrich Alicke. Um seinen Besitz zu erweitern, kaufte er 1840 das Nachbargrundstück hinzu. Er verband die beiden Häuser im Erdgeschoss und änderte den Grundriss. Dadurch konnte er den Speisesaal vergrößern, Platz für ein Billardzimmer schaffen und eine neue Hofeinfahrt anlegen. Im Hinterhof befanden sich die Pferdeställe.
Im Jahr 1857 ließ Wilhelm Koch, der ein Jahr zuvor das Hotel erworben hatte, die beiden zweigeschossigen Häuser abreißen und an dieser Stelle ein dreistöckiges Haus mit einer einheitlichen Fassade errichten. Auch der Höhenunterschied der beiden Häuser, den es wahrscheinlich aufgrund des ansteigenden Straßengeländes gab, wurde ausgeglichen. Nur sechs Jahre später verkaufte er den Komplex an die Familie Achtelstetter. Erst sie erwarb zusätzlich das Eckgrundstück und ließ den turmartigen Anbau errichten, der um ein Geschoss erhöht war.
Das Hotel wurde im Laufe der Jahre immer wieder erweitert. Trotz zahlreicher Bauphasen und mehrerer Bauherren entstand ein einheitlicher Hotelkomplex im Stil der italienischen Neurenaissance. Bis 1877 behielt er im Wesentlichen seine Gestaltung. Insgesamt gingen vier Grundstücke mit ihren Seitenflügeln sowie ihren Vorder- und Hinterhäusern in dem Gasthof auf.
Nach dem zweiten Weltkrieg übernahm zunächst die sowjetische Militäradministration das Gebäude. Nach Umbaumaßnahmen wurde das Hotel zu einem Offiziers-casino mit dem Restaurant »Dujepr«. Seit 1952 nutzen die Wirtschaftswissenschaftler der MLU das Gebäude. Es entstanden Hörsäle, Bibliothek, Arbeits- und Studierzimmer, eine Universitätsgaststätte und anfangs sogar noch ein paar Studentenbuden. In den beiden Ballsälen in Rokoko-Ausstattung sind heute die Bibliothek und ein PC- Pool untergebracht. In der damaligen Küche befindet sich jetzt der Große Hörsaal. Der Glasbau der Bibliothek wurde anstelle der Pferdeställe errichtet. Der Lehrstuhl Externes Rechnungswesen hat seine Räume in den ehemaligen Kellner- und Kutscherzimmern unter dem Dach. Auch heute noch findet man Anzeichen, dass das Fakultätsgebäude früher ein Hotel war: zum Beispiel in den Inschriften über einigen Türen wie »Restaurant« im Eingangsbereich.
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Über Nicole Kirbach
Erstellt: 14.12. 2009 | Bearbeitet: 03.08. 2010 23:14
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