Dez 2009 hastuPAUSE Nr. 30 0

Von der Leinwand auf die Bühne

Letzten Winter kam »Novemberkind« in die deutschen Kinos. Jetzt wird die Geschichte als Theaterstück im Neuen Theater aufgeführt.

Eine Reise beginnt

Foto: Gert Kiermeyer

Foto: Gert Kiermeyer

DDR-Filme sind meist ein einziges Klischee. Wiederkehrende Probleme, die mit der gleichen Komik transportiert werden, und irgendwie gibt es immer ein Happy-End. Aber »Novemberkind« ist anders. Erzählt wird eine kleine Geschichte von Inga, einer jungen Frau, die mit dem Gedanken aufwächst, dass ihre Mutter Anna ertrunken ist. Ihren Vater kennt sie nicht, wohl eine »schnelle Nummer hinter der Disco«. Oma und Opa ziehen sie groß. Der Wendepunkt ihres bodenständigen Lebens erfolgt mit dem Besuch Roberts. Dieser erzählt ihr, dass ihre Mutter nicht tot, sondern mit einem russischen Deserteur aus der DDR geflohen sei. Das bringt Ingas feste Struktur ins Wanken. Wieso verschwindet eine Mutter, ohne ihr Kind mitzunehmen? Oma und Opa geben ihr keine Antworten auf ihre Fragen. Auch das Dorf hüllt sich in Schweigen. Man redet nicht darüber, was früher passiert ist. Inga hält es nun nicht länger in dem kleinen Örtchen, sie macht sich auf die Suche nach Anna und »in Anna sucht sie sich selbst«. Robert bietet seine Hilfe an, und gemeinsam machen sie sich auf den Weg. Doch für Anna »fiel die Mauer zehn Jahre zu spät«.

Gleich und doch anders

Der Film wurde mit Preisen und Komplimenten überhäuft, und so sitzt der Kenner mit großer Erwartung im Neuen Theater und ersehnt den Spielbeginn. Der kleine Raum hüllt sich in Schwarz. Nur auf der Bühne stehen eine Menge hellblauer Koffer. Rechts und links stehend wirken sie wie ein Anlass, loszugehen. Mehr als im Film kommt dieser Leitgedanke des Reisens hier zum Tragen. Das lässt den Fortgang der Geschichte abrupter und szenenartiger erscheinen.

Auch der Sprung zwischen Gegenwart und Vergangenheit wird im Stück ganz anders gelöst. Hier wirkt Inga oft als Zuschauer, die ihre Mutter beim Fortgang der Geschichte beobachtet. Der Film hingegen wechselt zwischen den verschiedensten Zeitformen, Mutter und Tochter werden getrennt dargestellt. Textlich ist das Stück sehr an den Film angelehnt., viele Dialoge finden sich hier genauso wieder. Anders verhält es sich mit der Figur Inga, die im Film zwar sachlich und bodenständig wirkt, aber auch eine kindliche Verspieltheit und Leichtigkeit transportiert. Im Theaterstück wirkt sie jedoch sehr ernst und leider etwas humorlos.

Der dagegen eher kühle Robert wird emotionaler. So sind sich die beiden im Stück ähnlicher und finden auch freundschaftlich schneller zueinander. Im Film wird vor allem mit ihrer Unterschiedlichkeit gespielt, was oft zu einer situativen Komik führt. Im Stück hingegen wird der Zuschauer mit kleinen Slapstick-Einlagen aus der ernsten Gedankenlage gerissen.

Über Leichen im Familienkeller

Obwohl sich die Interpretation unmittelbar an den Film anlehnt, werden die Figuren hier anders beleuchtet. Das ist besonders für den Zuschauer interessant, der mit dem Film vergleichen kann. Aber auch für den Filmunkundigen ist die Geschichte leicht nachvollziehbar, da das eigentlich jedem passieren könnte – das Entdecken eines Familiengeheimnisses. Denn über die Leichen im Keller redet man nicht, obwohl jede Familienbande ihr kleines Geheimnis mit sich herum trägt. Klingt eigentlich wie ein Abbild der eigenen Familie, nur dass hier die Schwelle des Nicht-Wissen-Wollens übertreten wird. Anstatt die Flucht Annas weiter zu verdrängen, begibt sich Inga auf die Suche. Das ist wohl auch der große Unterschied zu anderen DDR-Geschichten. Nichts wirkt aufgesetzt oder grotesk, sondern eher wie eine Geschichte aus dem nächsten Dorf. Auf sämtlichen Schnickschnack wird verzichtet, so haben Film und Stück den Charakter des Zeitlosen und eben kein Happy-End.

Foto: Gert Kiermeyer

Über Yvette Hennig

Ehemaliger Mitarbeiter

Erstellt: 14.12. 2009 | Bearbeitet: 31.01. 2017 21:12

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