Jul 2009 hastuUNI Nr. 27 0

Und wo bleibt die Bildung?

Wirtschaftsminister Haseloff besucht das Streikcamp der MLU

Am Donnerstag, den 11. Juni, findet sich ein Gast im Streikcamp ein, mit dem niemand gerechnet hat: Gelassen und mit dem typischen Politikerlächeln steht Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister Reiner Haseloff auf dem besetzten Gebiet des Streikcamps. Er sei gerade zufällig in Halle und habe von dem Streikcamp gehört. Einer seiner Begleiter: Rektor Wulf Diepenbrock. Wie abzusehen, entbrennt eine hitzige Debatte um die derzeitig miserable Finanzlage in Sachsen-Anhalt. Haseloff betont: »Der soziale Bereich ist bisher von Kürzungen verschont geblieben. Im letzten Jahr haben wir sogar mehr Geld für Soziales ausgegeben!« Gemurmelt taucht eine Gegenfrage auf: »Und wo bleibt die Bildung?« Der Wirtschaftsminister bleibt bei den teils harten Wortattacken entspannt: Generell sähe er die Lage genauso wie die Studenten – Bildung spiele, vor allem auch in Halle, eine sehr wichtige Rolle. Allerdings habe der Bund den Ländern bestimmte Auflagen gemacht, die es zu erfüllen gelte: »Wir leben in einer Prioritätengesellschaft. Da müssen wir uns ständig fragen, wo der Akzent gesetzt werden soll. Wir haben uns für den sozialen Bereich entschieden.«

Die Bildung hat keine Lobby

Einer der Sprecher der Streikenden fragt, warum man aber gerade im Bildungsbereich einen so harten Eingriff vornehmen wolle. Haseloff provoziert die Studenten fast, als er sie daraufhin dazu auffordert, die Haushaltspläne im Internet einzusehen und »konkrete Vorschläge mit konkreten Zahlen zu machen«, wie man die Bildung stützen könne. Amüsiert wird gekontert: »Müssen wir Ihnen jetzt tatsächlich sagen, welche Fehler Sie gemacht haben?« Der Wirtschaftsminister erwidert: »Es geht nicht darum, dass wir Fehler beheben. Der Haushalt ist beschlossene Sache.« Bisher hat er sich wacker geschlagen, doch jetzt gerät der Wirtschaftsminister ein wenig ins Taumeln und verliert sich in Floskeln: Das Land habe den Haushalt lange besprochen. Vorschläge wurden abgeändert und nachgebessert. Jetzt scheint er einen Sündenbock gefunden zu haben: Die Wahlkreismänner seien generell die Anlaufstelle für die Interessen des Volkes. Haseloff verweist auf das Recht eines jeden Bürgers, sich an die Abgeordneten zu wenden.

Das Land braucht mehr Naturwissenschaftler

Nach etwa einer halben Stunde endet das Gespräch: Der Wirtschaftsminister muss weiter. Bevor er gehen kann, wird ihm noch ein Streik-Button verkauft. Lachend steckt er ihn sich an. Rektor Diepenbrock trägt seinen bereits. Es werden noch ein paar Fotos geschossen. Viel lockerer als im Streitgespräch plaudert der CDU-Politiker jetzt mit den Studenten. Was sie studieren, will er wissen. Politikwissenschaft – Kunstgeschichte – Medienwissenschaften. Ob sie nicht lieber etwas »Ordentliches« studieren könnten, fragt der Minister ein wenig herausfordernd. Er mahnt die Studenten, sich trotz aller Freiheit der Bildung in gewissen Punkten am Markt zu orientieren. Ein Kommilitone »beichtet«, Philosophie zu studieren. Ja, wie Leibniz. Der sei in Ordnung gewesen und habe außerdem die Infinitesimalrechnung erfunden. »Na OK, dann darf man auch Philosophie studieren.«

Über Tom Leonhardt

Tom Leonhardt
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Erstellt: 06.07. 2009 | Bearbeitet: 26.09. 2009 22:18