Jul 2009 hastuUNI Nr. 27 0

Superstreikjahr 2009

Die hallische Studentenbewegung fügt sich in ein Stimmungsbild, dass die europaweite Universitätslandschaft prägt.

Bildungsstreik EUDie Umstellung der Studienstruktur auf Bachelor und Master im Rahmen des Bologna-Prozesses hat eine Protestwelle seitens der Studenten in Europa ausgelöst. Von Frankreich über Finnland, Estland bis hin zu Kroatien: Überall fühlen sich Studierende von einer Schieflage des europäischen Bildungssystems bedroht.Befürchten, dass ihre Bildungsideale den Bach hinunter gehen und die Bildung zur Ware wird. Auch wenn die Forderungen, für die man kämpft, sich im Detail unterscheiden, so vereinigt das Ziel, die derzeitigen Transformationen aufzuhalten, umzukehren oder zumindest in eine neue Richtung zu lenken.

Frankreich: Kritik weit über den Campusbereich hinaus

In Frankreich waren die Proteste in diesem Jahr von besonderer Intensität geprägt. Über Monate hinweg wurden Universitäten blockiert, bestreikt, wurden Lehrveranstaltungen ausgesetzt. Auslöser war der Erlass eines Gesetzes, das die Forschungsfreiheit der Lehrenden mit dem Ziel der Ökonomisierung beschneiden sollte. Die französischen Studenten griffen diese Problematik auf und weiteten ihre Unzufriedenheit an diesem Gesetz zu einer massiven Kritik am Bologna-Prozess aus. Dieser würde die Universität den marktwirtschaftlichen Interessen unterwerfen und mache die Überlebensfähigkeit von Universitäten und Studiengängen verstärkt von ihrer wirtschaftlichen Verwertbarkeit abhängig. Zudem sei eine Tendenz dahin gehend zu beobachten, dass der freie Zugang zur Universität immer mehr beschränkt werde. Letzten Endes verband man die Kritik an universitätsinternen Angelegenheiten mit einer Ablehnung von Prozessen, welche die gesamte Gesellschaft betreffen, wie zum Beispiel dem Abbau von Sozialleistungen.

Kroatien: Medien und Politiker schweigen

In Kroatien war in den vergangenen Wochen ebenfalls eine starke Protestbewegung zu beobachten. 34 Tage lang besetzten Studenten in Zagreb die Philosophische Fakultät, setzten Lehrveranstaltungen außer Betrieb. Auch in weiteren ­Städten Kroatiens wie Zadar, Rijeka, Pula wurden jeweils mehrere Institute und Fakultäten besetzt. Die Ursache für die Studentenproteste in Kroatien war primär die geplante Ausweitung der Studiengebühren, die, gemessen am Einkommen des Durchschnittbürgers, kaum zu tragen wären. Die Proteste konzentrierten sich auf die nationale Politik und weiteten sich nicht wie in vielen westeuropäischen Staaten auf eine allgemeine Kritik an Bologna und weiteren außeruniversitären Themen aus. Doch sowohl die kroatische Regierung als auch die Medien ignorierten die noch recht junge Studentenbewegung, die sich für eine frei zugängliche Bildung einsetzt.

Die Proteste wachsen mit den Problemen

Vor einigen Wochen ist die Protestwelle nun auch in Halle angekommen. Sowohl die Zahl derjenigen, die den Protest intensiv gestalten, als auch die der aktiv Demonstrierenden ist im internationalen Vergleich relativ gering. Und dennoch weitaus höher als in den vergangenen Jahren. Das Ansteigen der Protestbereitschaft in Halle sowie die europaweite Dimension der Proteste verweisen auf die Ernsthaftigkeit der Probleme, welche die Umstellung des Studiensystems mit sich gebracht hat. Eine stärkere internationale Vernetzung der Studentenbewegungen, wie sie bereits angestrebt wird, stellt demnach eine logische Antwort auf das international erarbeitete und beschlossene Bolognakonzept dar.

Über Julia Glathe

Erstellt: 06.07. 2009 | Bearbeitet: 05.10. 2009 04:56