Nov 2009 hastuINTERESSE 1

Starke Reaktion auf Vollversammlung

Professorin informiert Studierende über Zustände und macht Mut

Prof. Dr. Schüttemeyer

Prof. Dr. Schüttemeyer (Foto: Johannes Klemt)

In Reaktion auf die Vollversammlung der Studierenden MLU am 18. November widmete eine mutige Professorin ihre ganze Vorlesung den Problemen um Bolognaprozess und Hochschulfinanzierung. Suzanne S. Schüttemeyer – Professorin für Regierungslehre und Policyforschung an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – stattete die Studierenden mit dem nötigen Rüstzeug für erfolgreiche Proteste aus. Gleichzeitig räumte sie mit Fehlannahmen auf und erntete dafür Applaus.

Am Donnerstagvormittag hat Suzanne S. Schüttemeyer nicht über Wahlsysteme gesprochen. Anstatt reguläre Inhalte zu vermitteln, nutzte die Politologin ihre Vorlesung »Aufbaumodul Regierungslehre«, um über Probleme im Studiensystem zu referieren.  Dieser Themenwechsel ist nicht aus der Luft gegriffen. Professoren und Dozenten registrieren die Proteste der Studierenden. Schüttemeyer gibt Antworten darauf: »Denn Probleme gibt es, natürlich, und die sehen nicht nur Sie«. Allerdings ist der Tenor doch ein anderer als in der Vollversammlung am Abend zuvor, wo sich der Unmut vieler Studierender über verquere Universitätsregelungen schnell zu einer Ablehnungshaltung gegenüber dem gesamten Bolognaprozess steigerte. Im Gegensatz dazu rückt Schüttemeyer heute die Geschehnisse in ein etwas anderes Licht. Sie zählt harte Fakten auf, vermittelt zusammenhängende Problempunkte und warnt vor Fehlern. »Auch unangenehme Entscheidungen müssen getroffen und verantwortet werden«, so die Professorin. »Es mag Probleme geben, aber früher war nicht alles besser.«

Die Einführung des BA-Systems sollte Übersichtlichkeit und Struktur bringen – auch um die Abbrecherquoten zu senken, die in einigen Fächern sehr hoch sind. »Höhere Mobilität war ursprünglich nicht für die Zeit während des Studiums selbst angelegt«, sondern sollte sich »in der Zeit nach dem BA-Studium realisieren lassen«, erläutert Schüttemeyer in ihrer Rede. Ihr zufolge sei nicht das Neue an sich das Problem, sondern dessen inkonsequente und zum Teil irrationale Umsetzung. Am Beispiel der Politikwissenschaften führt die Professorin weiter aus, dass der Knackpunkt auch in der komplexen Uni-Struktur selbst liege.

So wurde der im Oktober angelaufene Politik-Studiengang eigens für 120 Studierende konzipiert – und finanziert. In der Realität finden sich, aufgrund des fehlenden Numerus Clausus (NC), rund 100 weitere Studienanfänger. Natürlich sind die Seminare dadurch überfüllt. Eine Betreuungssituation, wie sie eigentlich gedacht war, ist folglich nur unzureichend gegeben.

Schüttemeyer nennt das Konzept: Mehr Studierende mit weniger Geld in kürzerer Zeit mit mehr Wissen auszubilden, »den Versuch der Quadratur des Kreises.« Und fügt hinzu: »Das kann doch nur schiefgehen«.

Im Sommersemester werden voraussichtlich 15 bis 17 Semesterwochenstunden an Veranstaltungen fehlen. Danach sei alles ungewiss, weil im Wintersemester 2010/2011 fünf halbe Dozentenstellen auslaufen. Politikwissenschaftler an der MLU dürfen sich also »freuen«. »Wir werden im Sommer schlagartig am absoluten Poller unserer Leistungsgrenzen angekommen sein«, prophezeit Schüttemeyer mit wütender Miene. Nicht nur angehende Politikwissenschaftler bangen nun um ihre Abschlüsse in der Regelstudienzeit, wie Meldungen aus den anderen Fachrichtungen belegen. Viele Veranstaltungen platzen aus den Nähten oder finden gar nicht erst statt. »Man muss sich entscheiden zwischen einer Uni, die viele aufnimmt, dann aber auch entsprechend gefördert wird und das benötigte Personal zur Verfügung stellen kann, oder weniger Studierenden«, beschreibt die Professorin die Situation.

Schüttemeyer befürwortet in ihrer Rede ausdrücklich den gemeinsamen Protest von organisierten Studierendengruppen, Professoren, Dozenten und deren Mitarbeitern. Gleichzeitig warnt sie die Anwesenden davor, einfach nur mehr Geld oder gar die Abschaffung des BA/MA-Systems zu fordern. Dies würde verschleiern, dass weitere Strukturentscheidungen dringend nötig seien, und die Proteste schnell banalisieren. »Sie laufen sonst Gefahr, einfach nicht mehr ernst genommen zu werden.« Die Studierenden haben ein leidiges Problem: »Sie haben eigentlich keine Druckmittel in der Hand, um die Gesellschaft auf sich aufmerksam zu machen. Und wenn doch, dann liegen diese so weit in der Zukunft, dass sie derzeit noch nicht wirksam sind.« Damit trifft Schüttemeyer einen wunden Punkt. Umso wichtiger ist es, dass sich Menschen wie Frau Schüttemeyer für ihre Studierenden stark machen – indem sie Mut zeigen, umfassend informieren und junge Leute auf den richtigen Weg schicken. »Kommen Sie auf uns zu, dafür sind wir da.« Ein Plädoyer für die gemeinschaftlich getragene Reform einer Reform, dem die Anwesenden mit eifrigem Applaus und Klopfen dankten.

Über Julia Solinski

Erstellt: 20.11. 2009 | Bearbeitet: 19.05. 2012 16:38