Nov 2009 hastuINTERESSE Nr. 29 0

Israel, quo vadis?

»Israel ist militaristisch, fremdenfeindlich und besessen vom Trauma des Holocaust. Israel ist der Auschwitz-Staat, dessen Kultur ein Trauma und dessen Seele ein Hort des Schreckens ist, immer und überall.«

22_Pause_HitlerBesiegen_OliverThieJedem, der Hitler besiegen gelesen hat, stockt der Atem. Dieses Buch ist radikal, revolutionär und polemisch. Avraham Burg provoziert gezielt. Er will Kontroversen auslösen, das gelingt ihm. In Israel hat sein Buch eine Welle der Entrüstung quer durch alle politischen Lager ausgelöst. Warum?

Der Jude mit dem deutschen Vater

Es ist die Person des Autors, die den besonderen Gehalt dieses Werkes ausmacht. In Israel ist der Name Burg eine feste Größe in der Politik: Sein Vater, ein deutscher Holocaust-Überlebender, war 30 Jahre lang Innen- und Religionsminister; er war Soldat in einer Eliteeinheit, Berater von Shimon Peres, Vorsitzender der Jewish Agency und Parlamentssprecher. Somit hat zum ersten Mal ein führender Vertreter des politischen Establishments gewagt, die zentralen Prinzipien israelischer Staatsraison in Frage zu stellen. Ausgerechnet er: Er, der für Israel in den Krieg gezogen ist. Er, der einmal der Vorderste unter den Zionisten war. Er, der Jude mit dem deutschen Vater.

In seinem Buch geht es um individuelle Erinnerung und kollektive jüdische Identität, aber auch um eine politische Analyse des Nahen Ostens. Für Burg befindet sich ­Israel auf einem Irrweg: »Israel hat Muskeln entwickelt, keine Seele«, schreibt er. Man kultiviere die Einzigartigkeit des Holocaust und stilisiere Auschwitz zur Entschuldigung und »Triebkraft jeglichen Handelns.« Durch Nazi-Attribute überhöhe man heute die Palästinenser zum überlebensgroßen Feind und werde so selbst zu den Nachfolgern der deutschen Massenmörder.

Bismarck und der Gaza-Streifen

Ist dieser Mann nun ein Post- oder der personifizierte Antizionist? Er ist ein Provokateur, der das Fass zum Überlaufen bringt: Er vergleicht die Bismarcksche Annexion der Provinz Elsass-Lothringen mit der israelischen Besetzung der Westbank und des Gaza-Streifens. Die patriotische Presse schrieb damals, die Umerziehung der Elsässer werde mit der Peitsche beginnen. »Sie müssen eine harte Hand zu spüren bekommen.« Diese befremdenden Zitate der deutschen Presse aus dem Jahr 1870 überträgt er auf das Jahr 2009 – auf Israel. In seinem Land verwende man nun die rhetorische Formel: »Araber verstehen nur Gewalt.«

Hat er nun Recht mit seiner radikalen Kritik, oder ist er über das Ziel hinaus geschossen? Darüber kann man geteilter Meinung sein. Es gibt diejenigen Israelis, die Burgs Widersprüche zum Zionismus und dessen Konsequenzen als Resultat einer selbstkritischen Auseinandersetzung mit den von ihm mitbestimmten politischen Prozessen betrachten.

Aber es gibt auch Israelis, die Burgs Thesen nicht verstehen. Das ist die Mehrheit. Für sie ist er ein Deserteur, kein Israeli mehr. Bei ihnen sitzt der Schmerz tief. Die Öfen von Auschwitz werfen bis heute ihre langen Schatten auf die israelische Gesellschaft, die sich geschworen hat: Nie wieder. Nie wieder Auschwitz, auch nicht im Ansatz.

Herzen, Mund und Augen

Darum geht es auch Avraham Burg. Er will den Holocaust als ewiges Menetekel des jüdischen ­Selbstverständnisses auslöschen. Ihm geht es nicht um Geschichte, es geht ihm um die Zukunft. Er will »Herz, Mund und Augen für eine neue Vision öffnen.« Ist ihm das mit seinem Frontal­angriff gelungen? Ja und nein. Auf jeden Fall beginnt jeder, der Hitler besiegen gelesen hat, nachzudenken und zu hinterfragen.

Illustrator: Oliver Thie

Über Dominik Nicolas Peters

Erstellt: 12.11. 2009 | Bearbeitet: 23.12. 2009 15:22