Nov 2009 hastuUNI Nr. 29 0

Halles Tor zur Welt

Unsere Lehrgebäude haben alle eine Geschichte. Nicole Kirbach hat die Archive durchforstet und stellt in einer Reihe ihre Recherche-Ergebnisse vor. Teil 2: Die Franckeschen Stiftungen

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Blick vom Historischen Waisenhaus über den Lindenhof zum Pädagogium der Franckeschen Stiftung, Stich, ca. 1750

Fast zur gleichen Zeit wie die hallische Universität entstand auf Initiative von August Hermann Francke vor den Toren der Stadt ein Waisenhaus- und Schulkomplex. Francke war damals Pastor in der Amtsstadt Glaucha und wollte den sozialen Missständen in seiner Gemeinde Abhilfe schaffen. Aufgrund einer Spende konnte er 1695 eine Armenschule errichten, in der nach kurzer Zeit 50 Schüler regelmäßig unterrichtet wurden. Außerdem wurde ein Waisenhaus erbaut, in dem zu Beginn neun Schüler versorgt wurden.

Neben der Armen- und Bürgerschule eröffnete Francke das Pädagogium, in dem adlige Zöglinge kostenpflichtig erzogen wurden. Drei Jahre später zog Francke mit seiner Schule in einen alten Gasthof vor das Rannische Tor (heute Franckeplatz). Da der Hof nicht für ein Schulgebäude geeignet war, legte Francke 1698 den Grundstein für den Neubau des Haupthauses.

Zu dieser Zeit wurden über 400 Kinder an den verschiedenen Schulen von knapp 60 Lehrern unterrichtet. Neben den Schul-, Schlaf- und Wohnstuben hatte Francke im Haupthaus auch einen Buchladen, eine Apotheke, eine Bibliothek, eine Krankenpflege und viele Wirtschaftsräume untergebracht. Der Kurfürst von Brandenburg und spätere König Preußens Friedrich I. gewährte ihm Vergünstigungen wie Zoll- und Steuerfreiheit. Außerdem erhielt Francke Konzessionen zur Beschäftigung von Handwerkern und die Erlaubnis der Brau- und Backgerechtigkeit für den Eigenbedarf. Besonders der Verlag, die Apotheke und die Medikamentenexpedition warfen große Gewinne ab. Durch zusätzliche Spendengelder und Unterstützung des preußischen Königshauses war Francke in der Lage, die Anstalt zu erweitern und zu einer eigenen kleinen Stadt zu entwickeln.

Gesamtansicht der Franckeschen Stiftungen von Süden. Stich von 1749.

Gesamtansicht der Franckeschen Stiftungen von Süden. Stich von 1749.

So entstanden im Laufe von etwa 50 Jahren die Glauchaer Anstalten, die später nach ihrem Gründer benannt wurden. Mitte des 18. Jahrhunderts war der Lindenhof – beinahe so wie wir ihn heute kennen – fertig gestellt. Die Franckeschen Stiftungen waren zu dieser Zeit die größte Schulstadt in Europa. Damals lebten und arbeiteten dort etwa 3000 Menschen, darunter über 2000 Schüler. Francke baute ein weltweites Korrespondenznetz auf. Über dieses verbreitete er die Reformideen des Hallischen Pietismus in Europa, Indien und den USA. Die Stiftungen wurden damit Halles Tor zur Welt.

Unter der SED-Diktatur wurden die Stiftungen aufgelöst. Die Schulgebäude, Internate, historischen Sammlungen und das gesamte Stiftungsvermögen wurden an die MLU übergeben. Die Bausubstanz verfiel im Laufe der folgenden Jahrzehnte, und die Stiftungen verkamen zunehmend zu Ruinen. Nach der Wiedervereinigung wurde der Großteil der historischen Gebäude saniert. Heute befinden sich im Hauptgebäude (Haus 1) der Sitz des Direktoriums der Stiftungen sowie Ausstellungs- und Versammlungsräume. Der Freylinghausensaal (im Haus 27) ist der Festsaal der Stiftungen, in dem früher die Waisenkinder gesungen und gebetet haben. Das Institut für Pädagogik der MLU befindet sich im ehemaligen Waisenhaus (Häuser 2–7), wo sich Schulklassen und Wohnräume befanden. Im ehemaligen Schlafsaal (heute »Deutscher Saal«) werden gegenwärtig Vorlesungen gehalten und Veranstaltungen durchgeführt. Die Institute der Theologischen Fakultät sind im ehemaligen Mägdeleinhaus (Haus 25) untergebracht.

Fotos: Archiv der Franckeschen Stiftungen

Über Nicole Kirbach

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Erstellt: 13.11. 2009 | Bearbeitet: 03.08. 2010 23:15