Gestern beten, heute büffeln
Unsere Lehrgebäude haben alle eine Geschichte. Nicole Kirbach hat die Archive durchforstet und stellt in einer neuen Reihe ihre Recherche-Ergebnisse vor. Teil 1: Das Löwengebäude
Um 1224 ließen Franziskaner an der Stadtmauer einen weitläufigen Klosterkomplex rings um den heutigen Campus errichten. Doch während der Reformation ging das Kloster unter, die letzten Mönche mussten 1564 die Stadt verlassen. Die leerstehenden Gebäude samt Gotteshaus mussten vom Rat der Stadt auf Befehl des Magdeburger Landesherren, des Erzbischofs Sigismund, übernommen werden und sollten als höhere Schule genutzt werden.Das lutherische Stadtgymnasium entwickelte sich zu einer angesehenen Erziehungs- und Bildungsanstalt. Doch wurde es 1808 mit der Latina der Franckeschen Stiftungen zusammengelegt, und so verfielen die Gebäude des Klosters und wurden bis auf die Kirche abgebrochen. Johann Christian Reil, Mediziner, Professor und Stadtphysikus, richtete darin ein Theater ein. Die Spielstätte wurde 1811 mit Lessings »Emilia Galotti« eröffnet. Unter der Leitung Goethes gastierte hier auch das Weimarer Hoftheater. Nach fast 17 Jahren wurde das Theater geschlossen. Die Universität kaufte das Areal, um dort das Hauptgebäude errichten zu können, und ließ die Kirche abreißen.
August Hermann Niemeyer, damaliger Kanzler der Universität Halle, war für die Zusammenlegung der Universitäten Halle und Wittenberg verantwortlich. Aufgrund des Anstiegs der Studierendenzahlen bat er um ein neues Hauptgebäude. Doch der damalige preußische König Friedrich Wilhelm III. hatte zunächst kein Geld. Daher spendete Niemeyer 50 000 Taler. Der König bewilligte kurze Zeit später zunächst 40 000 und dann weitere 24 300 Taler. Die Inschrift unter dem Kranzsims weist auf den Hauptstifter des Gebäudes, den König, hin. Der Standort für das Hauptgebäude war lange Zeit umstritten. Zunächst wurde ein Plan entworfen, der die Moritzburg als Standort vorsah und zugleich eine Rettung der Ruinen beinhaltete. Doch wegen finanzieller und räumlicher Bedenken wurde das Projekt wieder verworfen. Da die Kirche auf dem späteren Universitätsplatz bereits als Universitätskirche genutzt wurde, entschied man sich für dieses Areal.
Das Gebäude wurde von 1832 bis 1834 nach den Plänen der Architekten Ernst Friedrich Zwirner, dem späteren Kölner Dombaumeister, und Wilhelm Heinrich Matthias errichtet. Das heutige Löwengebäude bildet nach den ursprünglichen Plänen nur den Mitteltrakt. Denn auf die geplanten Seitenflügel musste wegen Geldmangels verzichtet werden. Das Baumaterial wurde teurer, und auch der Abriss des Klosters kostete mehr als geplant. Dies löste im Volk Kritik aus, und das Gebäude wurde aufgrund seiner Form als »Kaffeemühle« bezeichnet. Und auch im Inneren gab es wegen des fehlenden Geldes nur eine dürftige Ausstattung. Farblich war es nur ausgetüncht, und in den Nischen gab es keine Büsten, sondern nur Gipsabdrücke.
In dem Gebäude befanden sich damals die zoologischen Sammlungen, die Aula und einige Seminarräume. Zur 50-Jahr-Feier sollten die Seitenflügel dann doch errichtet werden, da die Verwaltung keinen Platz fand. Doch dazu kam es nicht, und so wurde 1872 das Rektoratsgebäude erbaut. Im selben Jahr wurde die Aula im pompejanischen Stil mit Freskoszenen aus der Ilias und Odyssee ausgestaltet.
Kurz nach der Errichtung des Hauptgebäudes erhielt der Platz eine erste kleine Freitreppe. Diese wurde im Laufe der Zeit immer wieder erweitert und umgebaut. 1941 wurde sie abgerissen, weil dort ein Luftschutzbunker entstand. Die heutige Freitreppe wurde anlässlich der 500-Jahr-Feier der MLU errichtet. Die Löwenplastiken auf den Wangen der Treppe wurden vom Berliner Bildhauer Johann Gottfried Schadow geschaffen und waren ein Geschenk des Magistrats der Stadt. Sie zierten bis 1868 den Brunnen des Marktes, der damals abgebrochen wurde.
Foto: MLU
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Über Nicole Kirbach
Erstellt: 05.10. 2009 | Bearbeitet: 03.08. 2010 23:15
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