Nov 2009 hastuINTERESSE Nr. 29 0

Generation Fragezeichen

Jeder Jahrgang hat seine Eigenheiten, seine Probleme, seine Interessen. Doch wer sind wir?

14_15_seniorenzeit_MiaEwaldWir sind Studenten. Junge Menschen, die den größten Teil ihres Alltags mit Arbeiten verbringen. Die Naturwissenschaftler rechnen. Die Juristen lesen Gesetze und Paragraphen. Die Mediziner lernen Merkmale, um Krankheiten zu erkennen. Jeder hat seine Aufgaben, die oft mehr Zeit in Anspruch nehmen als ihm lieb ist. Doch wer sind wir neben dem Unileben? Was für Menschen stecken hinter den Büchern, Laptops und Kaffeebechern, die uns tagtäglich begegnen? Was bewegt uns? Was sind wir also für eine Generation? Und welche wollen wir gerne sein? Inwiefern unterscheiden wir uns von vergangenen?

Generationsrückblick

Lore Koehn, Geburtsjahr 1942, war selbst in den 70er Studentin in Leipzig und ist heute immer noch als Journalistin unter anderem bei der »Seniorenzeitung« der MLU tätig. Ihre Studentenzeit und ihre Einstellung zum Studium sahen ganz anders aus als die unsere. »Wir hatten ein ganz anderes Verhältnis zum Studieren. Wir gingen zur Uni. Das machte man einfach und versuchte es durchzuziehen und das schnellstmöglich, da wir für vier bis fünf Jahre nicht auf dem Arbeitsmarkt präsent waren.« Sie berichtet weiter: »Wir hatten in der DDR leider nicht so viele Möglichkeiten wie die heutigen jungen Menschen. Ein Auslandssemester oder Praktika außerhalb der Grenze waren undenkbar.« Aber für sie gibt es auch andere große Unterschiede: »Ich studierte Journalistik, um bei einer Zeitung arbeiten zu können. Es war jedoch selbstverständlich, dass ich nach meinem Abschluss auch eine Arbeitsstelle finden würde.« Diese Aussicht haben heutige Absolventen nicht mehr. Sie müssen sich von unbezahlten Praktika über befristete Arbeitsverträge hangeln. Wenn überhaupt. Früher war das nicht so. Lore Koehn macht sich Sorgen um die Zukunft der heutigen Studenten: »Wo soll das nur hinführen? Es wird immer weniger Geld für Bildung ausgegeben. Doch genau diese Investition ist wichtig. Ich selbst besuche noch Seminare, um mich immer weiter zu bilden.«

»Generation doof«?

Generation 68er, Generation Praktikum und und und. Das sind nur einige Beispiele. In dem Bestseller »Generation Doof« von Stefan Bonner und Anne Weiss sind wir nur eine dumme Masse. So heißt es in ihrem Buch: »Latoya kennt in Skandinavien drei Länder: Schweden, Holland, Nordpol. Tamara-Michelle hält den Bundestag für einen Feiertag.« Sind wir so? Dummheit alleine ist zwar keine Tugend, stellt aber an sich kein allzu großes Problem dar. Der eigentliche Knackpunkt: Wir finden angeblich unsere Unwissenheit witzig. Doch stimmt das? Schaltet man durch das Fernsehprogramm, könnte man leicht den Gedanken der Autoren verstehen: Untalentierte Kandidaten bei Musikshows, die glauben, eine Popstarkarriere wäre eine gute Alternative zum Studium. Oder Pappnasen, die meinen, Paris Hilton sei ihr Vorbild.

Aber auch im Internet lässt die Blödheit nicht lange auf sich warten. Bei Youtube finden sich zahlreiche Videos über Jugendliche, »die einfach mal in eine Videokamera furzen«, berichtet Stefan Bonner. Von Intelligenz ist da wohl nicht mehr zu sprechen. Doch aufatmen können wir trotzdem. Schließlich sind solche Geschöpfe eher die Ausnahme und nicht prägend für eine ganze Generation.

»Generation ohne Freizeit?«

Neben verkürzten Studienzeiten, einem hohen Lernaufwand und schlechten Zukunftsaussichten bleibt wenig Zeit, sich ehrenamtlich zu engagieren und der Gesellschaft einen Beitrag zu leisten. Trotz der Fülle des Spektrums – ob in Altenheim, Partei oder Umweltorganisation – können die meisten jungen Menschen diese Aufgaben nicht wahrnehmen. Der Tag hat nun einmal nur 24 Stunden und nicht mehr. Da ist kein oder nur sehr begrenzt Platz für andere Interessen. Studierende wie Christine Rolff (21) aus Magdeburg sind eher die Ausnahme. Sie erzählt: »Neben dem Studium habe ich nur sehr wenig Freizeit. Es ist mir wichtig, auch einen Ausgleich zum Lernen zu finden. Am Anfang dachte ich, dass es mir reicht, nur ein bisschen Sport in einem Verein zu treiben. Tennis, Yoga oder Laufen. Dann kam mir die Idee, selbst ehrenamtlich eine kleine Gruppe von Kindern zu trainieren. Das macht nicht nur mir Spaß, sondern auch den Kleinen.« Engagement ist ein bedeutendes Thema für Studenten. Denn kaum jemand möchte nur noch seine eigenen Ziele und seine eigene Karriere verfolgen. Wichtiger ist es, auch für seine Mitmenschen da zu sein. Doch fehlt einfach der zeitliche Raum für solche Tätigkeiten.

»Generation Fragezeichen?«

Doch was genau sind wir nun für eine Generation? So pauschal lässt sich das wohl kaum sagen. Wir sind keine Generation, die sich auf einen Nenner bringen lässt. Sondern eher eine Multigeneration. Studenten, Jugendliche, junge Erwachsene, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Wir sind Menschen, denen fast alle Türen offen stehen. Die Welt liegt uns zu Füßen, und wir müssen entscheiden, was wir mit dieser großen Chance anfangen und wie wir sie nutzen wollen. Statistiken zeigen, dass die Zahl der studienbezogenen Auslandsaufenthalte stark nach oben geht. Von 2007 bis 2009 stieg die Quote noch einmal um drei Prozentpunkte auf knapp über ein Viertel der Studierenden an. Allerdings ist dieses Plus stark abschlussabhängig. Während in Diplom- und Magisterstudiengängen große Zuwachsraten erzielt wurden, stagniert die Zahl der Bachelorstudierenden, die bereits ein Auslandssemester absolviert haben, bei 15 Prozent. Wie kommt das? Haben wir Angst vor der Ferne? Mauern im Kopf, die wir nicht überwinden können? Sprachliche Differenzen oder finanzielle Probleme? Oder passt ein halbes Jahr Auslands­erfahrung nicht in das Studiensystem?

All das können Hindernisse sein. Doch unsere Generation hat fast unbegrenzte Möglichkeiten, sich frei zu entfalten. Doch was wir am Ende für eine Generation sind oder waren, das können nur die folgenden beurteilen. Eines ist aber sicher: Wir werden unseren Weg finden. Es gibt keine Mauern, die wir nicht durchbrechen können.

Illustration: Mia Ewald

Über Anne Klein

Erstellt: 13.11. 2009 | Bearbeitet: 23.12. 2009 15:22