Dez 2009 hastuINTERESSE Nr. 30 2

»Es ist Krieg im Weihnachtsland«

»Passport«, ruft gelangweilt eine Stimme aus einem Glaskasten, und Weihnachten ist auf einmal sehr weit weg. »Warten«, bellt dieselbe Stimme, dann öffnet sich das Drehkreuz. »Bescheuert«, sagt Pascal lakonisch.

16_17_Bethlehem_DominikNicolasPetersDer 20-Jährige arbeitet seit einem halben Jahr als Zivi in Nazareth. Wie Maria und Joseph, nur ohne Esel, ist er aus Galiläa nach Bethlehem gekommen. Den grauen israelischen Betonbunker mit dem sterilen Neonlicht mittlerweile hinter sich, geht der rothaarige Zwei-Meter-Hüne durch einen langen, engen Gang. Dann öffnet sich auch die letzte Tür, und der Weg ist frei nach Bethlehem.

Vor ihm liegt ein dunkler Platz, der nur durch ein paar schummrige Scheinwerfer vereinzelter, verwaister Taxis beleuchtet wird. »Das fängt ja gut an«, murmelt er, zieht seine wärmende Wollmütze auf und läuft die dunkle Straße entlang, vorbei an verschlossenen Häusern mit heruntergelassenen Rollläden.

Er will sich mit seinem Freund Florian treffen, der in Bethlehem studiert. Pascals Handy klingelt, die Melodie: »O du fröhliche«. »Wenn schon, denn schon«, sagt er nach dem kurzen Gespräch mit einem breiten Grinsen und geht zu dem verabredeten Treffpunkt. An einer Apotheke wartet er rauchend auf den deutschen Freund. Über ihm blinkt hektisch ein rotes Schild, »Merry Christmes« steht dort geschrieben. Den kleinen Fehler entdeckt Pascal aber nicht mehr, denn gerade ist Florian um die Ecke gebogen: »Na, alter Haudegen«, begrüßt er ihn. Florian ist viel kleiner und breiter als Pascal, studiert Philosophie, trägt Sandalen an seinen Füßen, einen Palästinenserschal um den Hals und wirft einen spöttischen Blick auf seinen frierenden Freund.

Tulpenwerfende Palästinenser und rosenstreuende Israelis

»Lass uns zu mir gehen«, schlägt Florian vor. Pascal nickt. Er ist müde, ihm ist kalt, und er will nur noch schlafen. »Wie geht es Dir so in…« Den Rest des Satzes bringt der Student nicht mehr heraus. Sechs Jeeps rasen mit quietschenden Reifen rasant an den beiden vorbei. Die Katze, die eben noch über die Gasse schlich, ist sofort in Sicherheit gesprungen. Die beiden Deutschen auch. Auf den Ladeflächen der schrottreifen Jeeps sitzen palästinensische Polizisten, die wild gestikulierend und laut schreiend die enge Gasse in einen Hexenkessel verwandeln. Nach wenigen Sekunden ist alles vorbei, es herrscht wieder gespenstische Stille. »Das ist ja wie im Film«, sagt Pascal völlig verstört. »Ne, das ist normal«, wiegelt Florian cool ab, und sie gehen weiter, vorbei an Müll und Minaretten, Kirchen und Kaffeehäusern bis zu Florians Wohnung. Er wohnt über einer kleinen Kneipe, die nur zwei Räume hat: einen für Männer, einen für Frauen. Florian hat eine Einraumwohnung. In der gehen jetzt beide schlafen, aber nicht lange: In vier Stunden klingelt der Wecker, dann ist Weihnachten, ein Fest der Sinne, das Kinderaugen leuchten lässt – in Deutschland.

Dass das in Bethlehem nicht so ist, hat Pascal gestern schon gelernt. »Macht nichts«, sagt er, »deswegen bin ich ja hier«. Während seine Familie in der schwäbischen Heimat den Tannenbaum schmückt und Plätzchen isst, läuft er mit den Pilgern durch Bethlehem. Den Weg zur Geburtskirche säumen ein meterhoher Sperrwall, Stacheldraht und Scharfschützen. Die Mauer ist übersät mit Graffiti: Tulpenwerfende Palästinenser und rosenstreuende Israelis sind zu sehen, daneben steht »This wall ist not cool«. »Bizarr«, sagt Pascal und zückt die Kamera.

Kleine Kinder und ein Dutzend Dudelsäcke

Für Fotos bleibt Pascal aber nicht viel Zeit, denn Florian will zum traditionellen Weihnachtsumzug der Pfadfinder. »Das ist in Bethlehem Tradition«, erklärt Florian seinem verwunderten Freund. Und der kommt aus dem Staunen gar nicht mehr raus: Überall lachen, tanzen und feiern die Menschen. Kleine Kinder verteilen Süßigkeiten, Pfadfinder schwingen flink ihre Fahnen, trommeln im Takt und blasen ein Dutzend Dudelsäcke. »Von andächtiger Stille hält man hier wohl nicht viel«, sagt er, freut sich, und knipst mit der Kamera, als ginge es um sein Leben. Zwei Stunden lang. Dann hat er Hunger. »Aber was isst man an Weihnachten, Gans gibt«s hier ja nicht«, fragt er Florian. Der meint: »Grillplatte« und zieht seinen Freund durch die Menschenmasse hinter sich her. In einem kleinen Kebabhaus essen sie Fleisch »vom Feinsten«, wie der dürre Pascal schmatzend sagt, während er ein Bild über seinem Kopf begutachtet: Yassir Arafat und Saddam Hussein, Arm in Arm – beide bereits tot.

Der Tod ist in Bethlehem allgegenwärtig. »Gestern Abend sind drei Männer aus einem fahrenden Auto heraus erschossen worden«, liest Florian die Schlagzeile aus einer Zeitung vor. Pascal hat zwar gegessen, trotzdem hat er plötzlich ein flaues Gefühl im Magen. »So habe ich mir Weihnachten nicht vorgestellt«, sagt er leise und mit gesenktem Kopf. Weihnachten: Ein Grund zu feiern? »Nein, nicht in Bethlehem«, findet Pascal. »Es ist Krieg im Weihnachtsland«, fügt Florian nickend hinzu. Die aufgekratzte Stimmung der beiden ist der Melancholie gewichen. Sie denken an Deutschland und sind ein wenig traurig. Es ist 17 Uhr, ihre Familien gehen gerade in die Kirche, danach gibt es Essen, dann die Geschenke. Für weitere Gedanken fehlt jetzt aber die Zeit. Die beiden werden erwartet von Pater Gregor.

Der Weihnachtsmann hat keinen deutschen Pass

Pater Gregor ist ein Franziskanermönch, der – wie Florian – Sandalen trägt. Mit ihm wollen sie die Weihnachtsmesse, fernab vom Trubel der Geburtskirche, auf den Hirtenfeldern feiern, dem Ort, wo die Hirten die Botschaft von der Geburt Jesu erhielten. Das Trio wird ergänzt durch Alois. Alois ist selbst so etwas wie ein Hirte, ein Schafzüchter aus Österreich. Der kernige Mittvierziger ist schlecht rasiert, trägt ein halboffenes Hemd, wodurch seine graumelierte Brustbehaarung zum Vorschein kommt, und ist ein alter Freund von Pater Gregor. Der geht mit schnellem Schritt über die Feldwege und singt »Stille Nacht, heilige Nacht«. Mit seinem Gesang fügt er sich – an den Hirtenfeldern angekommen – gut in die kleine Menschentraube ein, die sich dort versammelt hat. Ein amerikanischer Baptistenprediger hält ein Holzkreuz in der Hand und ruft »Jesus is in your heart.« Er wird von einem japanischen Ehepaar mit blinkenden Weihnachtsmützen kichernd beäugt und von fünf Mexikanern, die mit der Gitarre in der Hand »Feliz Navidad« trällern, unterstützt. Alle zusammen halten sie dann aber inne, als ein palästinensischer Priester die Messe zelebriert. Menschen aus der ganzen Welt sitzen zusammen und lauschen der Weihnachtsgeschichte. Es ist ein besonderer Moment. »Einfach himmlisch«, sagt Pascal. »Es ist ein Traum, an diesem Ort zu sein.«

Die Realität holt den 20-Jährigen aber schnell wieder ein. Auf seinem Rückweg zum Checkpoint ist die Ruhe der Hirtenfelder der Realität gewichen. An dem Übergang stehen Soldaten mit Maschinengewehren, und wenn sie nicht wollen, kommt niemand mehr über den Grenzübergang – auch nicht der Weihnachtsmann, der hat keinen deutschen Pass. Pascal schon. Er darf passieren und dreht sich ein letztes Mal um. Auf der Grenzmauer wünscht ein Plakat dem Besucher: »May peace be with you.«

Text und Foto: Dominik Nicolas Peters

Über Dominik Nicolas Peters

Erstellt: 13.12. 2009 | Bearbeitet: 23.12. 2009 15:13