Nov 2009 hastuUNI 0

Es ist besetzt

Das Audimax ist in studentischer Hand. Ein Bericht von der Vollversammlung.

Das Audimax ist besetzt (Quelle: Enrico Seppelt/HalleForum.de)

Das Audimax ist besetzt (Quelle: Enrico Seppelt/HalleForum.de)

Die Vollversammlung machte es sich nicht einfach, als es zum entscheidenden Punkt der Veranstaltung im Hörsaal XXII des Audimax kam. Viele Stimmen wurden gehört. Schließlich ging es darum, zu beschließen, ob man sich der europaweiten Protestwelle anschließen wolle und auch an der Martin-Luther-Universität Räumlichkeiten besetzt oder nicht. Beim Votum stand die Mehrheit für Pro auf. Seit 22.30 Uhr ist das Audimax der MLU von Studierenden besetzt.

Aber ganz von Anfang an: Für 20 Uhr an diesem Mittwoch (18. November) wurde vom AK Bildungspolitik und anderen Studierenden der MLU eine Vollversammlung im Audimax einberufen. Dass sich die halleschen Studierenden wirlich so voll versammeln würden, wie es dann der Fall war, hatten sogar die Organisatoren nicht gedacht. Es war wie eine Jura- und eine BWL-Vorlesung zusammen. Von Anfangs 700 + X Studenten schrumpfte die offizielle Anzahl der Anwesenden zwar während der Veranstaltung auf 500 + X, in jedem Fall aber war der ausgewählte Hörsaal XXII im Audimax zu klein. Nichtsdestotrotz entschied man sich, zu bleiben und etwas näher zusammenzurücken.

bis oben hin gefüllter Hörsaal XXII (Quelle: Enrico Seppelt/HalleForum.de)

Bis oben hin gefüllter Hörsaal XXII (Quelle: Enrico Seppelt/HalleForum.de)

Im inhaltlichen Teil der Vollversammlung stellten verschiedene Redner (darunter Studierende, eine Personalrätin und ein Gewerkschafter) die Problemstellungen, mit denen sich die Universitäten in Halle und Deutschland konfrontiert sehen, dar. Ein Themenkomplex beschäftigte sich mit der Hochschulfinanzierung, die, auch wenn die 90-Plus-10-Regelung wegfallen würde, noch immer katastrophal sei. Denn, so die Rednerin weiter, „100 Prozent sind auch nicht genug». Die MLU brauche weitere zwölf Millionen, um solide finanziert zu sein. Der Verweis der Politik auf die Einlagen der Universitäten sei zudem auch nicht zulässig, denn diese wären bereits im Jahr 2011 aufgebraucht. Die klare Forderung an die Politik sei also, die Hochschulen im Land ausreichend zu finanzieren.

In einem weiteren Schwerpunkt widmete man sich den geplanten Änderungen des Landeshochschulgesetzes. Als kritisch hoben zwei Redner besonders die neuen Paragraphen zu Ordnungsverstößen und Ordnungsverfahren hervor. Diese erlauben es, Studierende wegen gewalttätigen Verhaltens zu exmatrikulieren. Wann dieses allerdings beginne, sei nicht wirlich klar und aus aktuellem Anlass stand die Frage im Raum, ob denn das Besetzen eines Hörsaals ein gewalttätiger Akt sei. Der vom Kultusministerium ausgewählte Wortlaut zu den Paragraphen stammt aus dem brandenburgischen Hochschulgesetz. Den Studierenden, die in Potsdam einen Hörsaal okkupieren, stellt sich also genau diese Frage. Laut den Rednern wäre das Mindeste eine Komission (der auch Studierende angehören), die bei eventuellen Exmatrikulationsverfahren entscheidet. Eigentlich gehören die Passagen aber gestrichen.

Zudem wurde Kritik an uni-internen NC geübt. Diese erlauben es, auch bei Seminaren Studierende auszuschließen. Als Alternative wurde die Einstellung von mehr Dozenten vorgeschlagen. Außerdem forderten die Redner die Abschaffung sämtlicher Gebühren, die für das Studium erhoben werden (betrifft nicht den Semesterbeitrag). Auch die geplante Streichung des hochschulpolitischen Mandats wurde als Problem angesehen, weil sich der Studierendenrat dadurch in ständiger Rechtsunsicherheit befände.

Demonstrationsmotto für Leipzig (Quelle: Enrico Seppelt/HalleForum.de)

Demonstrationsmotto für Leipzig (Quelle: Enrico Seppelt/HalleForum.de)

In einem letzten Themenkomplex befasste man sich dann mit dem Aufruf an die Studierenden, an der Demonstration anlässlich der Hochschurektorenkonferenz (HRK) am 24. November in Leipzig teilzunehmen. Die Zusammenkunft der Rektoren von 256 Hochschulen Deutschlands wurde als Lobbykonferenz charakterisiert, die vor allem die Ökonomisierung der Hochschulen vorantreibe. Um den Aufruf zu bestärken, sprachen auch zwei Organisatoren der Demo aus Leipzig zum Auditorium. Diese teilten den Versammelten mit, dass sich bereits ein mit 1000 Studierenden besetzter Zug aus Dresden angekündigt habe und aus vielen weiteren Städten Studierende in Bussen angereist kämen. Der Stura der MLU spendiert bis dato 120 Zugtickets nach Leipzig. Die Demonstration in Leipzig beginnt um 13 Uhr und für Essen und Trinken ist gesorgt, so die Leipziger, die für die Zeit nach der Demo viel freien Gestaltungsraum versprachen. So meinte einer der beiden: „Am Dienstagabend wird es in Leipzig wohl wieder mehr Übernachtungsplätze geben.»

Mit dieser Ankündigung bewegte sich die Vollversammlung dann auch langsam auf die entscheidende Frage des Abends zu. Zuvor sprachen jedoch noch Personalrätin und Gewerkschaftsvertreter, die ihre Standpunkte und Forderungen den Studierenden nahe brachten. Eine der wichtigsten Ratschläge an die Anwesenden war dabei wohl: „Verlangen Sie mehr, Sie bekommen eh nur die Hälfte». Zwischen den Reden wurden auch Live-Schalten zu verschiedenen besetzten Hochschulen durchgeführt. Allerdings konnte man nur die Alice-Salomon-Hochschule in Berlin und die Uni Tübingen wirklich gut in den halleschen Hörsaal holen. Bei den anderen Konferenzen stellte sich die moderne Technik als eher marode dar.

Auch ohne die Unterstützung der Studierenden aus Berlin, Salzburg und Co. kam es jedoch zur Frage des Abends: „Wollen wir das Audimax besetzen?» Etwas vorschnell wurde eine erste Akklamation als Zustimmung gewertet und es entwickelte sich eine lebhafte Diskussion unter den anwesenden Studierenden. Ein hauptsächlicher Einwand richtete sich gegen die Mittel des Protests. Die Besetzung von Hörsälen verhindere die Durchführung von Lehrveranstaltungen und damit die Vermittlung von Wissen. Eine Alternative wäre die Besetzung dort, wo die Entscheidungen getroffen werden: Im Rektorat und Magdeburg. Dem entgegen gebracht wurde das Argument, dass man Studierende erreichen wolle, damit diese sich dem Protest anschlössen. Dies gelinge am besten dort, wo sich die Hochschüler aufhielten, also in den Hörsälen. Außerdem soll eine Besetzung keine Blockade sein. Dozenten seien sogar dazu angehalten, Veranstaltungen durchzuführen, aber eben auf die Weise, wie es die Beteiligten wollen und nicht wie es Vorschriften, die mit Bologna eingeführt wurden, sagen. Zudem werde der Bildungsstreik auch und vor allem inhaltlich geführt. Okkupation bedeutet demnach auch Wissensvermittlung und zwar zu hochschulpolitischen Themen.

Studierende erheben sich um Besetzung zuzustimmen (Quelle: Enrico Seppelt/HalleForum.de)

Studierende erheben sich um Besetzung zuzustimmen (Quelle: Enrico Seppelt/HalleForum.de)

Zeitweise wurde die Diskussion auch etwas unsachlich. Als ein Studierender bemerkte, dass man auch mit Petitionen an den Bundestag für Aufmerksamkeit sorgen könne, wurde ihm resigniert geantwortet, dass man auch dem Weihnachtsmann Briefe schreiben könne. Insgesamt wurde aber versucht, jedem Platz zur Meinungsäußerung zu geben, sodass, begleitet von internet-vermittelten Bildern aus besetzten Universitäten, zur Abstimmung übergegangen werden konnte. Auf die wiederholte Frage hin, ob man besetzen wolle, stand der Großteil der noch anwesenden Studierenden auf. Es war entschieden, das Audimax besetzt. Ein Kredo der Studierenden, das in der ersten Meldung, die sofort über das Internet verbreitet wurde, zu lesen ist: „Wir sind Menschen. Menschen, die für das Recht auf freie und unbedingte Bildung eintreten.»

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Ihr wollt euch am Streik beteiligen? Dann geht zum Audimax – diese Nacht noch, morgen, aber zumindest bald.

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Über Julius Lukas

Erstellt: 19.11. 2009 | Bearbeitet: 19.05. 2012 16:38