Nov 2009 hastuUNI Nr. 29 0

Eine literarische Schnitzeljagd

hastuzeit-Redakteurin Akua berichtet, wie sie auf der Suche nach Büchern durch die hallische Bibliothekenlandschaft geführt wurde

Bibo_Illu_bibgeistEin Vortrag über das Kloster Ammendorf in meinem ersten Semester an der Uni. Damit hat alles angefangen: das Gerenne, die Verwunderung, die letztendliche Verwirrung. Das Kloster Ammendorf ist ein kleines Kloster, das am 23. Dezember 1264 im Örtchen Ammendorf gegründet wurde. Heute ist Ammendorf ein Vorort von Halle, und es war der in dem kleinen Kloster ansässige Bettelmönchsorden, der die heute noch zu bestaunende Sankt Ulrichskirche in der Innenstadt Halles erbaute.

Dass es mich mehrere Wochen kosten würde, bis ich diese lapidar klingenden Fakten herausgefunden hatte, ahnte ich zum Zeitpunkt der Themenvergabe noch nicht. So schwer konnte das schließlich nicht sein. Man setzt sich hin, stellt den Computer an, ruft die Seite der Universitäts- und Landesbibliothek (ULB) auf und tippt ins Suchfeld des OPAC (Online Public Access Catalogue) »Ammendorf« ein. Die Liste, die nun erscheint, war bei mir recht kurz. Der OPAC kannte 48 Titel, von denen nur einer viel versprechend klang: »Ammendorf. Von den Anfängen bis zur Gegenwart«. Dieses Buch musste ich in der ULB bestellen und konnte es dann ein paar Stunden später abholen. Bestellen? Genau, mit über 5,42 Millionen Büchern und ihrer 300-jährigen Geschichte ist die ULB die größte wissenschaftliche Allgemeinbibliothek in ganz Sachsen- Anhalt. Dass da nicht jedes Buch in einem für die Studierenden zugänglichen Regal steht, ist verständlich – vor allem, da es insgesamt 24 Zweigbibliotheken gibt: Von Ha 1, der Zweigbibliothek des Vorderen Orients und der Ethnologie bis Ha 179, der Zweigbibliothek der Europäischen Aufklärung, reicht die Bibliothekslandschaft.

Zum Giebichenstein musst du gehen

Weil ein Buch für einen Vortrag und die folgende Hausarbeit nicht sehr überzeugend und auch nicht sehr ergiebig war, schlug ich das Literaturverzeichnis des Ammendorf-Buches auf und wurde fündig: Viele Hinweise und Anmerkungen hatte der Autor dem Urkundenbuch der Stadt Halle entnommen. Dieses aber befand sich nicht in der ULB, sondern in der Zweigbibliothek für Geschichte, Kunstgeschichte und Japanologie (Ha 18) in Kröllwitz. Nicht so schlimm, dachte ich. Es ist ja Sommer, und du hast ein Fahrrad! Also aufgestiegen und über die Peißnitz und an der Saale entlang gefahren, über die Kröllwitzbrücke und dann zu Fuß die vielen Treppen zur Bibliothek hinauf. Von der Saaleterrasse des dortigen Restaurants kann man an klaren Tagen über ganz Halle blicken und dazu die wunderschöne Burg Gie­bichenstein sehen, die dort mächtig auf den Felsen über der Saale thront und der Hochschule für Kunst und Design ihren Namen gibt.

Die Zweigbibliothek der Geschichte zeigte sich an diesem Tag aber grau und wenig einladend: ein Bau im nüchternen Stil gehalten, mit knarrendem Boden und jeder Menge alter Bücherregalen, in denen derzeit 228. 257 Bücher und Nachschlagewerke für den angehenden Historiker zu finden sind. Es lässt sich hier gut arbeiten, aber lange Zeit blieb ich nicht. Auf ­meiner Liste stand noch ein anderer Titel, der in der Ha 26 zu finden war.

Eine Zeitreise musst du überstehen

Ha 26? Das ist die Zweigbibliothek der Altertumswissenschaften am Universitätsplatz 12. Da wurde ich schon ein wenig stutzig. Drei Standorte und nur ein Thema zu bearbeiten? Ich folgte also der Spur meiner Signaturen, die mich ins Robertinum führte, zu den Büchern Ovids und Aristoteles«. Vorher hatte ich schon einige Male in der Zweigbibliothek der Rechtswissenschaften (Ha 11) – auch Juridicum genannt – gesessen und gearbeitet. Sie ist eine der modernsten Zweigbibliotheken in ganz Halle. In dem Gebäude, das durch seine Schlichtheit, Klarheit und geradezu professionelle Atmo­sphäre begeistert, findet der moderne Student alles, was das Bibliotheksherz begehrt – neu­erdings sogar eine vollautomatische Schlüsselausgabe für den Spind. Geht man durch das lebhafte Foyer und über die Treppen oder per Aufzug in eines der Stockwerke, präsentieren sich dort ordentliche und übersichtliche Bücherregale, klar geglie­derte Arbeitsbereiche und ein beeindruckender Blick von der obersten Etage.

Dagegen wirkt die Zweigbibliothek der Al­tertumswissenschaften wie ein Zeitsprung um ein paar hundert Jahre. Knarrende Holzstühle und Marmor­statuen, wie man sie aus Reportagen über Athen und Rom kennt. Ein freund­licher Bibliothekar, der jedoch gar nicht daran denkt, ein ihm gereichtes Buch mit einem Lesegerät einzuscannen, sondern auf einen Zettelkasten zeigt und darum bittet, erst einmal die Ausleihkarte auszufüllen. Bei vier Bänden dauerte das seine Zeit, aber schließlich befand ich mich atmosphärisch auch im Altertum, weshalb moderne Computer fehl am Platz gewesen wären. Die vielen Zettelkästen mit ihren teils noch mit Federhalter geschriebenen Karten wirkten dagegen geradezu charmant.

In den Süden wird der Wind dich wehen

Als ich meine Bücher dann hatte, schaute ich wieder auf meinen Zettel und bekam fast einen Schlag. »Ha 10« stand dort geschrieben – die Zweigbibliothek für Erziehungswissenschaften, Theologie, Medien- und Kommunikationswissenschaften und Jüdische Studien in den Franckeschen Stiftungen. Ich kam mir wie ein Detektiv vor, der Codes folgte, um dem Rätsel Kloster Ammendorf näher zu kommen. Ich radelte zu den Franckeschen Stiftungen, verlief mich zwischen den vielen Häusern – betrat auch einige in der Hoffnung, die von mir gesuchte Bibliothek zu finden, und landete dann schließlich nach einigem Hin und Her in der gewünschten. Ebenso modern wie das Juridicum zeigte sich diese Bibliothek, doch etwas lebhafter durch die blauen Geländer, die großen Topfpflanzen und dazu die summende Geschäftigkeit der vielen Studenten.

Es war ein Freitag und bereits 14.00 Uhr, als ich diese Bibliothek verließ, und noch war ich nicht am Ende meiner Suche. Eines der wichtigsten Bücher, die Stadtchronik von Halle, stand in der Zweigbibliothek der Sozialwissenschaften. Hätte ich den Zettel zu Beginn meiner »Schnitzeljagd« ordentlich gelesen, hätte ich mir einen Umweg erspart, denn vom Campus ist es bis dahin nicht weit. So aber stand ich erst nach einer weiteren anstrengenden Radtour vor dem traurigsten Haus der ganzen Straße, das leicht an den vergitterten Fenstern zu erkennen ist. Leider hatte die Bibliothek seit Punkt 14 Uhr geschlossen! Hallische Bibliotheken haben eben ihre ganz eigenen Regeln.

Was mich und meine Hausarbeit anbelangt: Ich konnte dank der Zweigbibliotheken das Rätsel um Ammendorf umfassend lösen und habe zudem gelernt, mit was für einer vielfältigen Bibliothekslandschaft unsere Studienstadt Halle uns verwöhnt.

Illustration: Christoph Koester

Über Akua Osei-Dwomoh

Erstellt: 14.11. 2009 | Bearbeitet: 23.12. 2009 15:21