Jul 2009 hastuUNI Nr. 27 0

»Ein Lernprozess für alle Beteiligten«

Herr Diepenbrock, das Bachelor- und Mastersystem ist mit großen Zielen gestartet. Diese wurden bis jetzt eher mäßig umgesetzt. Befinden wir uns noch in der Anlaufphase, oder bestehen grundsätzliche Probleme im neuen System?

An der Sinnhaftigkeit der Studienstruktur zweifle ich nicht. Es gibt aber in der Tat Anlaufschwierigkeiten. Zum Beispiel haben wir es noch nicht ausreichend verstanden, die Bachelorprogramme so zu gestalten, dass keine Verschulung eintritt und ein selbstorganisiertes Studium möglich ist. Ich habe den Eindruck, dass die Studienprogramme teilweise inhaltlich etwas überfrachtet sind. Sie stärken dann nicht so sehr die Denk- und Urteilsfähigkeit der Studenten, sondern sind in erster Linie auf den Erwerb beruflicher Fähigkeiten ausgerichtet. Das aber darf an einer Universität nicht passieren.

Ein grundsätzliches Problem besteht zudem in der personellen und finanziellen Ausstattung der Universität. Die neuen Studienprogramme sind beispielsweise gekennzeichnet durch einen zehnmal höheren Prüfungsaufwand und erfordern ein um 15% erhöhtes Budget. Die MLU ist mit 88 ­Stellen unterfinanziert.

Noch dazu gibt es in Halle eine unbefriedigende bauliche Situation. Die Universität ist noch auf 17 Standorte verteilt. In naher Zukunft wird sich das jedoch ändern, wodurch die Organisation der Lehrinhalte einfacher wird.

Sind denn als Schlussfolgerung aus den Problemen auch Veränderungen geplant?

Die Einführung des Bachelor- und Master-Systems ist ein Lernprozess für alle Beteiligten. Wir haben an der MLU mittlerweile eine Evaluationsordnung geschaffen, von der wir uns eine permanente Optimierung der Studienprogramme versprechen. Dies betrifft Inhalte wie Organisa­tion, so dass die Probleme weitgehend gelöst werden können. Die finanzielle und personelle Situation können wir nur verbessern, indem wir darüber ins Gespräch kommen mit dem Kultus- und dem Finanzministerium.

Kann man denn als Hochschule den eigenen Forderungen überhaupt in Richtung Politik effektiv Nachdruck verleihen?

Ich würde nicht sagen, dass wir von der Politik etwas unbegründet fordern. Wir können zunächst nur sagen, welche Mittel nötig sind, um unsere Aufgaben zu erfüllen. Immerhin dienen wir mit unserem Budget den Interessen des Landes. Und wenn zum Beispiel ein besonderes Interesse der Lehrerausbildung gilt, dann können wir zeigen, wie viel Geld dafür benötigt wird. Mit unserem derzeitigen Budget sehen wir in diesem Punkt zum Beispiel Risiken. Wir setzen daher darauf, dass unserem Finanzbedarf entsprochen wird. Die Unterstützung der Studierenden können wir dabei gut gebrauchen, denn wenn die Universität unterfinanziert bleibt, sind hauptsächlich sie die Leidtragenden.

Damit sie das nicht werden, melden sich die Studierenden nun auch zu Wort. Wie ernst nimmt die Universitätsleitung den Protest?

Den Protest nehme ich sehr ernst. Die 18000 Studierenden sind die größte Statusgruppe an der Universität. Wenn sie ein Unbehagen empfinden, dann sollte man zulassen, dass sie es zum Ausdruck bringen. Eine Universität zeichnet sich durch den Diskurs aus, und wenn wir als Universitätsleitung die Möglichkeit haben, mit den Studierenden ins Gespräch zu kommen, nutzen wir sie. Dabei müssen wir ganz selbstkritisch betrachten, was an der Universität zu optimieren ist. 

Sehen Sie den Streik als Protest in Richtung Universität oder Politik?

Wenn es inhaltliche Schwächen gibt, dann sollten wir über die Evaluierung versuchen, sie zu beseitigen. Wenn das eine Wirkung des Protestes ist, nehme ich das gerne mit. Auf der anderen Seite ist es natürlich ein klarer Protest in Richtung Politik. Wenn es uns in der Debatte um den Landeshaushalt nicht gelingt, zusammen mit dem Kultusministerium unseren begründeten Bedarf abzudecken, dann muss sich der Protest auch an die Politik richten.

Kritik wird ja auch an der zunehmenden wirtschaftlichen Ausrichtung des Studiums geübt. Wird sich die universitäre Ausbildung verändern?

Ich persönlich bin der Meinung, dass die Universität nur eine Aufgabe hat, und das ist die Pflege der Wissenschaft in Studium, Forschung und Lehre. Mehr nicht. Was aber nicht bedeutet, dass sie nicht berufsqualifizierend arbeitet, also Employability liefert. Insofern bin ich nicht der Meinung, dass der Bachelor eine Verabschiedung vom universitären Anspruch bedeutet. Es kommt auf die Inhalte an.

Sehen Sie nicht trotzdem die Gefahr, dass besonders nicht so gefragte Fächer bei zunehmender Arbeitsmarktorientierung wegfallen?

Ich kann Ihnen versichern, und das hat mir auch der Kultusminister gesagt: In Sachsen-Anhalt ist keine Strukturdebatte beabsichtigt. Das Hochschulsystem wird nicht auf Kosten von kleinen Fächern optimiert. Schließlich geht es auch nicht nur um die Quantität der Studierenden. Es geht auch um Forschungs- und Vernetzungsleistung und weitere Faktoren. Es wäre unüberlegt, unter dem finanziellen Druck einzelne Fächer auf Grund der Auslastung zu schließen.

Über Julius Lukas

Erstellt: 06.07. 2009 | Bearbeitet: 06.10. 2009 17:32