Jul 2009 hastuUNI Nr. 27 0

Ein Blick hinter die Kulissen

Bildungsstreik – Forderungen und mögliche Lösungswege

Impression BildungsstreikEs wurde viel geredet, diskutiert, gestritten und moniert. Die Streikenden forderten, und Universität und Politik schoben sich die Verantwortung gegenseitig zu. Was alle eint, ist ein Grundkonsens: Es gibt Probleme, und die sind nicht allein finanzieller Art, sondern auch in der neuen Studienstruktur begründet. Bei der Umsetzung der Bologna-Reformen ist einiges im Land schief gelaufen, und eigentlich wollte man mit dem Streik auch in Richtung Veränderung drängen. Doch Lösungsvorschläge waren bei den oftmals emotional und höchst unsachlich geführten Diskussionen nur selten zu finden.

hastuzeit will dies ändern und bringt Licht ins Dunkel. Wir haben uns die Forderungen der Studierenden angeschaut und hinter die Kulissen des Bildungssystems geblickt, damit vom hallischen Bildungsstreik mehr bleibt als der Schrei nach Geld.

1. Forderung: Mehr Geld

Keine Forderung wurde so sehr strapaziert wie diese und leider ist keine so schwer einzulösen wie diese. Die wichtigste Feststellung aber zu Beginn: Die Universitäten im Land sind unterfinanziert und bräuchten dringend mehr Geld. Allerdings ist dieses nur schwer zu bekommen. Von den Zahlen her ist das Budget der MLU seit der einschneidenden Strukturreform 2003/04 leicht angewachsen (nicht inflationsbereinigt). Es wurde in dieser Zeit also zumindest nicht gekürzt. Dies hängt mit den Zielvereinbarungen zusammen, die den Hochschulen bis 2010 feste Gelder zusichern. Danach wird es durchaus kritisch, und Finanzminister Bullerjahn legte auch schon den ersten Vorschlag auf den Tisch, in dem Einsparungen von bis zu 35 Millionen vorgesehen sind. Dieser wurde jedoch noch nicht diskutiert und vor allem nicht beschlossen. Ernst zu nehmen ist er trotzdem.

Hintergrund für die Sparpläne ist vor allem die schlechte finanzielle Lage Sachsen-Anhalts. Anfang 2008 hatte das Land 22 Milliarden Euro Schulden – ein Berg, der im Zuge der Wirtschaftskrise weiterhin kräftig anwachsen wird. Die Sparvorhaben sind also verständlich. Es fragt sich nur, wo man den Rotstift ansetzen sollte. Neben den Hochschulen stehen unter anderem noch Straßenbaumaßnahmen und die Landespolizei zur Disposition.

In jedem Fall scheint eins aber sicher: Mehr Geld gibt es auf keinen Fall. Das muss aber nicht unbedingt verschlechterte Bedingungen bedeuten. Der demografische Wandel könnte hier helfen. Für Sachsen-Anhalt stellt man die Prognose, dass die Zahl der Studierenden in den nächsten Jahren massiv abnehmen wird. Wenn es gelingt, die Universität gegen künftige Kürzungen zu schützen, kann auf der Basis eines gleich bleibenden Haushalts und sinkender Studierendenzahlen eine zumindest verbesserte Lehre garantiert werden. Da die mit dem Hochschulpakt festgelegte Zahl der Studierenden nur noch 2010 gehalten werden muss, kann die Zahl der Studierenden also ab 2011 geringer werden. Damit das Budget der Universitäten aber nicht gekürzt wird, braucht es viel Überzeugungskraft, die wohl von den Studierenden kommen muss und sich an diejenigen richten sollte, die für die finanzielle Ausstattung der Universität verantwortlich sind. Das sind die Abgeordneten des Landtages, die über den Haushalt abstimmen. Jedem steht es frei, sie zu kontaktieren und mit den finanziellen Problemen der Hochschulen zu konfrontieren. Die alte Regel: »Bildung hat keine Lobby« muss ja nicht für immer gelten. Wenn sich 16 000 Studierende an die Parlamentarier wenden, würde dies schon einiges bewirken können. Auch die Hälfte wäre schon gut. Und ein Viertel auch.

2. Forderung: keine Kürzungen an »meinem« Institut

Diese zweite Forderung scheint in die gleiche Richtung zu zielen, wie die erste. Allerdings geht es hier nicht um die Höhe des Universitätsbudgets, sondern dessen Verteilung. Die MLU beansprucht gegenüber dem Land eine sehr große und ebenso berechtigte Autonomie. Diese ermöglicht es der Universität auch, darüber zu bestimmen, wer wie viel Geld bekommt. Eingeschränkt wird diese Macht nur durch Vereinbarungen, die »besondere« Interessen des Landes, wie zum Beispiel bei der Lehrerausbildung, berücksichtigen. Wie in diesem Beispiel geht es dabei unter Anderem um Berufsgruppen, die im Landesdienst eingesetzt werden sollen. Über diese Gebiete hinaus, für deren Finanzierung mit dem Kultusminister verhandelt wird, kann die Universität selber bestimmen, wie Gelder verteilt werden. Dieser Prozess spielt sich in Rektorat und Senat, den obersten Gremien der Hochschule, ab. Bei der Distribution der finanziellen Mittel kommen natürlich viele Überlegungen zum tragen. Wie stärkt man das Profil der Hochschule? Wo ist die Auslastung sehr hoch, wo sehr niedrig? Welche Bereiche tragen zur Forschungsreputation der Universität bei? Und so weiter. Neben diesen Fragen spielt natürlich noch das Bestreben jeder einzelnen Fakultät, so viele der eigenen Ansprüche wie möglich geltend zu machen, eine wichtige Rolle. So kommt es durchaus auch zu Absprachen der einzelnen Mitglieder des Senats, die sich gegenseitig unterstützen, wenn es um den Erhalt von Lehrstühlen geht.

Die nächste Stufe nach dem Senat sind dann die einzelnen Fakultäten und Fachbereiche, wo dann der Verteilungskampf weiter geht und die Institute darum buhlen, dass ihren Bedürfnissen entsprochen wird.

Fakt ist auf jeden Fall, dass die Universität entscheidet, wo Prioritäten in Lehre und Forschung liegen und dementsprechend das Budget verteilt. Dabei, und das wird immer wieder von allen Seiten betont, soll es jedoch nicht zu einer kompletten Schließung von Fachbereichen, wie während der Strukturreform 2003/04, kommen. Dass das eigene Institut also dicht machen muss, ist nicht zu befürchten. Dass jedoch Gelder in Zukunft anders verteilt werden, ist durchaus denkbar und bereits der Fall. An diesen Stellen müssen sich dann auch Studierende stark machen, für ihre Fakultät beim Senat und für ihr Institut beim entsprechenden Fachbereichsrat. Ein gutes Beispiel ist die Sprechwissenschaft, die von massiven Kürzungen betroffen war, durch die große Einsatzbereitschaft, auch der Studierenden, jedoch zusätzliche Gelder zugesprochen bekam. Solange das Gesamtbudget der Universität aber nicht steigt, werden solche Maßnahme des einen Gewinn und des anderen Verlust sein.

Im Übrigen ist mit der neuen Hochschulnovelle, die im nächsten Jahr das alte Hochschulgesetz beerben soll, eine Feinjustierung auf diesem Gebiet geplant. Diese soll dafür sorgen, dass das Rektorat etwas mehr Entscheidungsgewalt bei der Distribution der Gelder hat und so Verteilungskämpfe im Senat umgangen werden können.

3. Forderung: Abschaffung der Anwesenheitslisten

Entgegen der Unterfinanzierung der Hochschulen ist das Problemfeld Anwesenheitsliste ganz und gar hausgemacht. Die ungeliebten Zettel sind kein Produkt des Bologna-Prozesses und auch Diplom- und Magister-Studenten müssen sich in sie eintragen. Dabei ist ihre Rechtfertigung mehr als schwammig. Verankert sind die Anwesenheitslisten in den entsprechenden Studienordnungen, in den meisten Fällen aber nicht namentlich, sondern in dem Passus, der die regelmäßige Teilnahme vorschreibt. Darüber, was regelmäßig bedeutet, ließe sich nun trefflich streiten, jedoch werden in den meisten Fällen zwei Fehltermine pro Veranstaltung akzeptiert. Egal ist dabei, warum man nicht da war. Gebrochenes Bein ist genauso Fehltermin wie Festivalbesuch.

Die genaue Regelung trifft aber der Dozent, in manchen Fällen werden jedoch auch Vorgaben von der Institutsleitung gemacht. Die Entscheidung, ob Anwesenheitsliste oder nicht, wird also in der Universitätshierarchie nicht besonders weit oben getroffen, weswegen man sich seine Ansprechpartner sehr einfach suchen kann.

Deren Erklärungen sind dann meistens gleich und wenig überzeugend. Zum einen geht es natürlich darum, dass die Studierenden die Veranstaltungen, die sie angerechnet bekommen wollen, auch besuchen. Verständlich, aber nicht rechtfertigend, da man doch spätestens von einem Hochschüler erwarten kann, dass er für sich selbst und seine Ausbildung Verantwortung übernimmt. Zudem bedeutet eine physische Anwesenheit, die durch entsprechende Listen geprüft wird, keinesfalls geistiges Beiwohnen, was man an den Variationen von Tätigkeiten, die Studierende während einer Veranstaltung ausführen, sehr gut erkennen kann. Auch die mitschwingende Angst der Dozenten, Seminare und Vorlesungen würden verwaisen, wenn man die Eingeschriebenen nicht zwingt, kann man sehr gut widerlegen. Es gibt nämlich durchaus Veranstaltungen, die ohne Listen geführt werden und sich reger Beteiligung erfreuen. Hier müsste man die Verantwortung sogar an die Dozenten geben, denn wenig »Publikum« spricht ja irgendwie auch für qualitative Aspekte.

Innerhalb der modularisierten Studiengänge wird auch der Einwand gebracht, man müsse nachweisen, dass die geforderten Stunden (180 für 5 ECTS-Punkte) auch erbracht werden. Diese werden allerdings bei den anderen Modulbestandteilen, also alle die nicht Präsenzveranstaltungen sind, nur teilweise geprüft. Niemand erfährt ja, ob man wirklich vor- und nachbereitet und wenn man es nicht tut, fliegt man ja auch nicht aus dem Modul.

Wieso sollte es also bei fehlender Anwesenheit so sein? Ist das Bild von den Studierenden wirklich so schlecht? Oder kann es nicht auch sein, dass man von Seiten der Lehrenden das eigene Handeln überprüfen müsste. Denn die Anwesenheit wird besonders dann zum Problem, wenn Studierende stark ausgelastet sind und daran sind auch die überladenen Studienprogramme nicht unschuldig. Wenn der Terminplan sehr eng ist, kann jedoch auf Grund der Anwesenheitspflicht nicht wirklich gut disponiert werden und eigentliche Inhalte, die man sich auch und besonders außerhalb der Universität holt, bleiben auf der Strecke.

Kurzum, Anwesenheitslisten besitzen keine wirkliche Rechtfertigung und sollten dringend auch von Lehrenden bedacht werden. Wenn man vollmundig Sympathien für den Bildungsstreik bekundet und an eigenen Dogmen nicht arbeiten will, wird man nicht nur unglaubwürdig, sondern auch mitschuldig an der derzeitigen Misere.

Forderung 4: Jeder Bachelorstudent soll einen Masterstudienplatz bekommen

So hat man es sich eigentlich ja nicht vorgestellt. Wie an vielen anderen Stellen weicht die Theorie der Bologna Reform von der Praxis ab. Der Bachelor sollte den ersten berufsqualifizierenden Abschluss an Hochschulen darstellen und, so die Maßgabe, auch für das Gros den letzten. Dabei war er durchaus nicht als Ersatz für Diplom und Magister gedacht. Deren Äquivalent stellt der Masterabschluss dar, der jedoch nur für 20 % der Bachelorabsolventen ermöglicht werden sollte. Hintergrund dafür ist die Annahme, dass sich nur der kleiner Teil der Studierenden für eine wirklich wissenschaftliche Ausbildung eignet und auch bereit ist, eine solche zu absolvieren. Außerdem und das war vielleicht noch wichtiger, wollte man die Studienzeit drastisch verkürzen und schneller mehr Studierende auf den Arbeitsmart bringen. Dies wurde vor allem auch von der Wirtschaft gefordert.

Das Problem besteht nun darin, dass der Bachelor eine so schlechte Reputation besitzt und dies nicht nur bei den Studierenden, sondern auch bei Unternehmen, sodass erst der Master als berufsqualifizierend anerkannt wird. Dies ist natürlich von Fach zu Fach unterschiedlich, doch vor allem in den geisteswissenschaftlichen Bereichen ist man mit einem Bachelor of Arts recht schlecht bedient.

Woran liegt dieses Reputationsgefälle zwischen Master und Bachelor? Zum einen schwingt natürlich die gefühlte Komponente mit, dass ein Studium über drei Semester kein ganzes Studium ist. Dies wird stark durch die gestufte Struktur gestützt, die den Masterabsolventen als den besseren und qualifizierteren darstellt. Es liegt aber auch an der Umsetzung der Reform, was die Studieninhalte betrifft. In vielen Fällen wurde probiert die Themenvielfalt der vorherigen Studiengänge in die neuen zu überführen, was dazu führt, dass Komplexe nur oberflächlich behandelt werden und eine tiefgreifendere Beschäftigung ausbleibt. Versäumt wurde auch, das zu intensivieren, was einen Universitätsabsolventen qualifiziert. Nämlich die Fähigkeit sich schnell in Themengebiete einzuarbeiten.

Natürlich sind die genauen Probleme von Studiengang zu Studiengang unterschiedlich und individuell zu erörtern. Wenn man aber erst einmal Probleme ausgemacht hat, dann sollte man sie mit denen besprechen, die die Studien- und Prüfungsordnung gemacht haben. Obwohl diese vom Rektor unterschrieben werden, sind für die Inhalte die entsprechenden Institute verantwortlich und sie sind es auch, die Veränderungen anstreben können. Dabei kann es um Modulinhalte, aber auch tiefgreifendere Veränderungen gehen. So ist es nirgendwo vorgeschrieben, dass ein Studienprogramm 3 Jahre dauern muss. Laut Gesetrz ist es in Ausnahmefällen auch möglich einen längeren Studiengang zu konstruieren, man muss sich dann bloß dafür einsetzen. Was allerdings mit Bologna vorgeschrieben wurde, ist die Höchstdauer von 5 Jahren für Bachelor und Master zusammen. Ein konsekutiver Master mit zwei Jahren wäre also bei 4 Jahren Bachelor nicht möglich.

Um aber noch einmal zum Kern der Forderung zurück zu kommen: Master-Plätze sind noch rar. Es wird jedoch bereits auf Bundesebene von möglichen Veränderungen gesprochen. So betonte Bildungsministerin Schavan, dass das derzeitige Platzverhältnis durchaus zu überdenken sei.

Bei diesen vier Forderungen soll es natürlich nicht bleiben und es gibt noch weit mehr am Bachelor-Master-System aufzuschlüsseln. Deswegen werden auf der Hompage in loser Folge weitere Artiel zum Thema folgen.

Über Julius Lukas

Erstellt: 06.07. 2009 | Bearbeitet: 05.10. 2009 01:31