Nov 2009 hastuPAUSE Nr. 29 0

E-Mail aus Krakau, Polen

Wie oft sehnt man sich danach, mal »rauszukommen« und Neues zu erleben. Was man im Ausland Witziges, Skurriles, Trauriges – kurz: großartig Anderes erleben kann, lest Ihr ab sofort an dieser Stelle.

21_Pause_E-Mail_AnniLehmannEs gibt zwei Phasen des Ankommens an einen noch nicht zu eigen gemachten Ort – zumindest strukturiere ich danach die folgenden Zeilen. Die erste Phase, ich möchte sie die »äußerliche Phase« nennen, meint das rein körperliche Ankommen und umfasst ungefähr die ersten drei Wochen. Die Gedanken hängen genauso an dem, was vorher war, erledigt werden musste und zurückgelassen wurde, wie daran, was noch kommt, erledigt werden muss und was alles in dieses halbe Jahr Auslandsaufenthalt reinpassen soll.

Phase 1 umfasste bei mir unter anderem: sich zu fragen, wie sich Polen trotz minimaler mundmotorischer Aktivität verständigen können; sich bei Erasmusparties zu alt zu fühlen (ich gebe zu: das hat eher mit meinem für Erasmusverhältnisse fortgeschrittenen Alter zu tun); Polens dünnwändige Bauweise zu verfluchen; sich mit Menschen aus aller Welt bekannt zu machen und sie daraufhin in Schubladen zu stecken; nach sechs Stunden Sprachkurs von einer WG-Besichtigung zur nächsten zu hetzen und sich zu fragen: »Warum tu ich mir das noch mal an?«

Neben diesen »äußerlichen« Erfahrungen von eher befremdlichem Charakter folgt nach ca. einem Monat Phase 2, das sogenannte »innerliche Ankommen«. In dieser befinde ich mich gerade. Um es vorweg zu nehmen: Sie fühlt sich großartig an. Die kleine, szenische Bar Eszeweria, in die ich mich am ersten Abend zaghaft verliebt habe, wird zur Stammkneipe erklärt (»a beer a day keeps the headache away«), aus Bekanntschaften werden Freunde, und das Polnische nimmt langsam (ich betone: langsam) Gestalt an. Mittlerweile biete ich sogar den zahllosen Touristen auf dem Rynek meine Hilfe beim Stadtplanlesen an. Mit Kaffee in der Hand und frischen Blumen auf dem Tisch schreit es diesen Sonntagmorgen – 38 Tage nach meiner Ankunft – aus mir heraus: »Ich bin da! Endlich!«.

Text und Foto: Anni Lehmann

Über Anni Lehmann

Erstellt: 15.11. 2009 | Bearbeitet: 23.12. 2009 15:21