Jul 2009 hastuUNI Nr. 27 0

Diese Bank ist besetzt!

Ganze dreißig Minuten gelang es Berliner Studenten, eine Filiale der ­Deutschen Bank zu besetzen. Dann war Schluss mit dem Zivilen Ungehorsam.

Fotos_Ann-Kathrin_NetzigDer Berliner Westen ist vor allem dafür bekannt, dass hier Geld sitzt. Besonders das legendäre Kaufhaus des Westens ist ein Mekka des Luxus. Wer hier sonntags Kuchen essen geht, hat bestimmt genug Kleingeld. Das wissen auch die rund 650 Studierenden und Schüler, die sich am Donnerstag vor der Filiale einer Bank versammeln. Nicht vor irgendeiner Bank. Sondern vor einer Filiale der Hypo Real Estate (HRE) – der Bank, die wie keine andere zum Symbol der Finanzkrise in Deutschland geworden ist.

Die Forderung der jungen Leute ist einfach: Geld wollen sie haben. Und weil die HRE nach den staatlichen Millio­nenhilfen davon genug haben sollte, wollen sie die Bank überfallen, wie einst die Daltons eine Postkutsche. Das verkündet zumindest ein großes, selbst gemaltes Transparent, das die Demonstranten in Richtung der Bank ausrollen. Die symbolischen »Banküberfälle« sind Teil des Berliner Konzepts für den Bildungsstreik und sollen auf das Ungleichgewicht aufmerksam machen, das nach Meinung der Streikorganisatoren zwischen Rettungsmaßnahmen für angeschlagene Kreditinstitute und Ausgaben im Bildungswesen besteht. »Geld für Bildung statt für Banken«, lautet der Slogan.

Paula studiert Ethnologie und Musikwissenschaft an der Humboldt-Universität, auf Bachelor natürlich. Sie ist unzufrieden mit ihrem Studium, vor allem wegen überfüllter Seminare und mangelndem Lehrpersonal. Sie wünscht sich, dass »jemand von der HRE kommt und einen Koffer mit 18 Millionen Euro überreicht.« Das wäre nur ein kleiner Teil dessen, was die Bank vom Staat bekommen hat, würde aber die klamme Finanzsituation insbesondere der Berliner Unis verbessern. Dass es bei einem Traum bleiben wird, darüber ist sich die 23-Jährige im Klaren.

Sehr real dagegen ist das harte Vorgehen der Polizei gegen einen Demonstranten, der auf der Kundgebung rabiat festgenommen wird. Einige Studierende umstellen daraufhin das Polizeiauto, nach zwanzig Minuten ist der Kommilitone wieder auf freiem Fuß.

Nach einer Weile wird aber allen klar, dass bei der Hypo Real Estate nichts zu holen ist. Die Mitarbeiter der Bank schauen dem Treiben zwar von den Fenstern aus zu, den mitgebrachten Symbolscheck unterschreibt aber niemand. Auch können die Studierenden die Bank nicht wie geplant besetzen, denn das Gelände wurde von der Polizei weiträumig abgesperrt.

Deshalb ziehen wenig später circa 50 Demonstranten weiter – oder besser: sie schleichen. Von der Polizei unbemerkt stürmen sie das Foyer einer Filiale der Deutschen Bank wenige Straßen weiter und lassen sich dort nieder. Bevor das Gros der Demonstranten ihnen folgen kann, riegelt die Polizei den Eingang ab. Ein Geduldsspiel beginnt. Draußen fordern mehrere hundert Demonstranten die »Freilassung« der Besetzer. Auch hier stellen Sprecher der Aktion ihre Forderung: Ein »Rettungspaket für Bildung« müsse her. Doch die Polizisten rühren sich kein Stückchen vom Fleck.

Nach einer halbe Stunde eskaliert die bis dahin gereizte, aber friedliche Situation. Als die Demonstranten zum Eingang der Bankfiliale drängen, zieht ein Polizist sein Pfefferspray und sprüht es den Studierenden in den vorderen Reihen ins Gesicht. In der Bank beginnen Polizisten damit, die Personalien der Besetzer aufzunehmen. Die Demonstranten vor dem Gebäude werden an allen Vieren weggetragen. Zum Bild des sonst so bürgerlich-­dekadenten Berliner Westens passt das so gar nicht.

Leon Ansorg und Constanze Voigt,

Redakteure der UnAufgefordet, der Studierendenzeitung der HU Berlin.

Über Gastbeitrag

Erstellt: 06.07. 2009 | Bearbeitet: 05.10. 2009 04:56