Dez 2009 hastuUNI Nr. 30 0

Die Situation der Privatdozenten

Eine Habilitation kann die Professur bedeuten. Sie kann aber auch in eine Sackgasse führen. Zwei Privatdozenten der MLU berichten.

Unbezahltes Seminar: Björn Seidel-Dreffke im Gespräch

Unbezahltes Seminar: Björn Seidel-Dreffke im Gespräch

Den Titel »PrivatdozentIn« (PD) erlangt man über die Habilitation. Er befugt zu Lehre und stellt demnach eine Vorraussetzung für eine Professur dar. Um den Titel zu halten, sind PrivatdozentInnen verpflichtet, eine Mindestanzahl an Stunden zu lehren. Ein habilitierter Wissenschaftler mit dem Titel PrivatdozentIn kann das Glück haben, dabei in einem Dienstverhältnis mit der Universität zu stehen, zum Beispiel als wissenschaftlicher Mitarbeiter, und ein Gehalt zu bekommen. Das Recht auf eine Stelle hat er aber nicht.

Und in dem Fall lehrt er ohne Bezahlung, um seinen Titel nicht zu verlieren. An der MLU gibt es 43 PrivatdozentInnen, die bezahlt werden. Alle anderen lehren umsonst und in der Hoffnung, irgendwann eine Professur zu bekommen.

Lehre ohne jegliche Bezahlung

Björn Seidel-Dreffke ist einer von denen, die hoffen und warten. Seit vier Jahren lehrt er nun schon ohne Vergütung am Institut für Slavistik und bietet in der Regel eine Veranstaltung pro Semester an. »Ich habe mir meine wissenschaftliche Karriere keineswegs so vorgestellt«, resümiert Seidel-Dreffke enttäuscht. »Ich bin größtenteils freiberuflich als Übersetzer und Autor tätig. Hin und wieder muss ich mich aber sogar einige Zeit arbeitslos melden, was eine starke psychische Belastungsprobe darstellt.« Seidel-Dreffke hat geahnt, dass das Erlangen eines Dienstverhältnisses und erst Recht einer Professur nicht leicht würde und versuchte sich daher, über eine Weiterbildung im Bereich Archiv/Dokumentation ein zweites Standbein aufzubauen. »Leider war es auch hier nicht möglich, eine Festanstellung zu finden, da ich nach Abschluss dieser Ausbildung und meiner Habilitation wohl endgültig völlig überqualifiziert war, was mir auch ein privater Arbeitsvermittler, den ich im Jahre 2008 zu Rate zog, bestätigte. Je höher man spezialisiert ist und je älter man wird, umso schwieriger wird es, im außer-universitären Bereich einen Job zu finden.« Das Problem der hohen Spezialisierung hänge unter anderem mit der Angst der potientiellen Arbeitgeber zusammen, habilitierte Bewerber seien zu theoretisch orientiert und wollten sich nicht einordnen. Auch die Angst vieler Arbeitgeber, man könne ein höheres Entgelt einklagen, obwohl man sich bereit erklärt hatte, für einen weit unter der Qualifikation liegenden Lohn zu arbeiten, spiele eine Rolle. Dass ein fortgeschrittenes Alter die Chancen auf eine Anstellung verringert, stellt ein Problem in verschiedenen Berufszweigen dar.

Auch in der Studie des Instituts Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen kam man zu dem Schluss, dass die Chancen für Arbeitnehmer im fortgeschrittenen Alter gering seien. Mit jedem zusätzlichen Lebensjahr fänden weniger Menschen einen neuen Job. So rät auch Seidel-Dreffke zwar nicht grundsätzlich von einer wissenschaftlichen Karriere ab, empfiehlt aber diese zielstrebig voranzutreiben, möglichst zeitnah zu promovieren und gleich die Habilitation anzuschließen.

Eine Möglichkeit, die schwierige Situation der PrivatdozentInnen zu verbessern, sei nach Seidel-Dreffke mit einer Änderung der Gesetzeslage verbunden. In dieser bestehe derzeit das Problem, dass zur Lehre verpflichtet wird, eine Wertschätzung der Arbeit aber nicht einmal in Form einer Aufwandsentschädigung gewährleistet sei. Auch eine legitime Lehrpause, im Falle eines Nichtbedarfs an Personal oder auf Grund mangelnder Finanzierungsmöglichkeiten der Institute, ist nicht gesetzeskonform und würde mit Entzug der Lehrbefugnis geahndet.

Kurz vor dem Ziel: die Vertretungsprofessur

Eine Habilitation kann zur Professur führen. Es ist jedoch ein harter und steiniger Weg. Und bei Weitem nicht alle kommen an. Jutta Dierkes hat es fast geschafft. Sie ist seit 1. April die Vertretungsprofessorin für Ernährungsphysiologie. Zuvor hatte sie an der medizinischen Fakultät in Magdeburg als Privatdozentin gelehrt. Im Gegensatz zu Seidel-Dreffke war sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin angestellt. Risikolos ist aber auch ihr Lebensweg nicht. Wenn der Vertrag in Magdeburg ausläuft und auch nichts aus der Professur in Halle würde, dann wäre sie arbeitssuchend. »Eine Karriere in der Forschung ist immer extrem riskant«, beschreibt Dierkes nicht nur ihre Situation, sondern die aller WissenschaftlerInnen ohne unbefristete Stelle. »Das Problem besteht darin, dass in allen Instituten der akademische Mittelbau wegfällt. Es gibt nur sehr wenige wissenschaftliche Mitarbeiter, die sich die Institute leisten können.

Diese Entwicklung ist nicht zufällig«, erklärt Dierkes. »Das ist politischer Wille, weil diese Stellen sehr teuer sind und man deren Nutzen nicht auf den ersten Blick gesehen hat.« Dies wirke sich nicht nur auf die Arbeitsmarktsituation für angehende WissenschaftlerInnen aus, sondern verschone auch die Qualität der Lehre nicht.

Dierkes hat ihre Karriere an der Universität begonnen und strebt an, diese auch dort fortzusetzen. Die Problematiken bezüglich der außeruniversitären Arbeitsplatzsuche und der sogenannten Überqualifikation sieht sie dennoch relativ gelassen. »Man kann immer auch eine gute Stelle außerhalb der Universität finden, auch wenn irgendwo Altersgrenzen existieren.« Auch eine hohe und spezielle Qualifikation stelle nicht unbedingt ein Hindernis dar. Man müsse nur aufmerksam suchen und genau die Firma, die nach dem entsprechenden Profil fragt, finden. Zudem solle man die Berufserfahrung, die man an der Universität gesammelt hat, die Lehr- und Forschungserfahrung, nicht ins falsche Licht rücken und sich auf keinen Fall unter Wert verkaufen. »Auch wenn eine schlecht bezahlte Arbeit besser als gar keine ist, muss man die Balance finden. Voraussetzung dafür ist, im Lohngefüge seiner Branche gut Bescheid zu wissen.«

Generell ist Dierkes zufrieden, obwohl sie noch nie einen unbefristeten Vertrag besaß und meint, dass die Gehälter an der Universität nicht mit denen außerhalb der Hochschulen konkurrieren können. Die Arbeit an der Universität bietet viele Freiheiten bezüglich Lehre und Forschung. Auch rät sie generell jedem, der Spaß und Interesse an Forschung hat, zu einer wissenschaftlichen Karriere. Jedoch rät sie dringend jedem davon ab, mehr als das Mindestmaß zu tun, um seinen Titel Privatdozent zu halten. »Andernfalls verschleiert man auf diese Weise die Unterfinanzierung der Universitäten.«

PrivatdozentInnen und die Universität: ein Geben und Nehmen?

Die Universitäten brauchen die PrivatdozentInnen. Sie bringen nicht nur neue Facetten zur Lehre, sondern sind kostengünstige oder sogar kostenlose Arbeitnehmer. Sie füllen dort Lücken, wo die Finanzierung der Hochschulen an ihre Grenzen gerät. Die PrivatdozentInnen können dies jedoch nicht für die Verbesserung ihrer Situation nutzen. Sie sind angewiesen auf den Titel und wollen die Chance auf die Professur nicht verspielen. So kann man nach Dierkes nicht einmal von einem »Verhältnis auf Augenhöhe« sprechen. »Schlimm ist vor allem aber auch, dass der Staat so viel geistiges Potential, dessen Ausbildung dem Staat auch Geld gekostet hat, vergeudet«, fasst Seidel-Dreffke die Problematik zusammen. Eine Problematik, die nicht nur PrivatdozentInnen betrifft.

Text und Foto: Julia Glathe

Studie des IAQ zu den Chancen auf dem Arbeitsmarkt im ­fortgeschrittenen Alter auf: www.bildungsspiegel.de

Über Julia Glathe

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Erstellt: 11.12. 2009 | Bearbeitet: 22.01. 2010 10:04