Jul 2009 hastuUNI Nr. 27 0

»Die Kritik der Studierenden ist angekommen«

Anlässlich des Bildungsstreiks sprachen wir mit Kultusminister Jan-Hendrik Olbertz – hier nun das komplette Interview

Bildungsminister Olbertz
Herr Olbertz, die deutschen Studierenden protestieren. Mit Erfolg?

Erst einmal nehme ich die Kritik der Studierenden sehr ernst. Die Erfolgsaussichten sind dann groß, wenn der Protest bestimmte Regeln akzeptiert. Zu einem Studentenprotest gehört gewiss auch mal die Besetzung eines Hörsaales. Solange man nichts kaputt schlägt und vor allem die Würde anderer nicht verletzt, finde ich das in Ordnung. So gelingt es Ihnen, sich Gehör zu verschaffen, sogar bis nach Leuven (Bologna Folgekonferenz im belgischen Leuven Ende April; Anm. d. Red.). Die Kritik der Studierenden ist mit ziemlicher Wucht dort angekommen und auch ernsthaft erörtert wurden.

Der Protest richtet sich vor allem gegen das neue Studiensystem. Für viele Hochschüler ist es mit gravierenden Problemen verbunden. Wie sehen Sie die Kritikpunkte?

Ich teile vor allem die Kritik an der zu großen Stoffverdichtung. Hinter den Problemen verbirgt sich ein tiefgreifendes Missverständnis der gestuften Studiengangsstrukturen, nämlich dass der Bachelor nur ein halbiertes herkömmliches Studium sei.  Es ist ja fürsorglich, dass viele Professoren meinen, den Studierenden würde etwas entgehen, wenn man die  Inhalte sinnvoll strukturiert und auf das Wesentliche konzentriert. Ich kann das verstehen, aber es nützt doch gar nichts, wenn ein Fach am Ende nicht mehr studierbar ist.

Wie kann der Kultusminister einwirken, damit sich an den Zuständen etwas ändert?

Natürlich verwalte ich die Universität nicht und ich schreibe auch keine Curricula. Die Uni würde mir was husten, wenn ich damit anfangen wollte. Wir haben heute ein Maß an Hochschulautonomie, das bestimmte Fragen für einen Minister nicht mehr beantwortbar macht. Komischerweise ist aber die Vorstellung weit verbreitet, eine Universität würde top-down geleitet werden und der Minister sei für alles verantwortlich. Und wenn etwas nicht klappt, kann man sagen: »Der hat mal wieder nicht aufgepasst.« Ich glaube, dass die gesetzlichen Gestaltungs- und Handlungsspielräume für die Universität viel größer sind, als sie genutzt werden. Was ich machen kann, ist Ziele verabreden und für tragfähige Rahmenbedingungen sorgen, vor allem in Sachen Ausstattung und Finanzierung.

Und genau darüber beklagt sich die Universität und spricht von schwerer Unterfinanzierung.

Im Rahmen dessen, was ich in dieser Beziehung durchsetzen kann, tue ich das. Die Universitäten sind im Vergleich gut und vor allem konstant aufgestellt. Überall gibt es eine Haushaltssperre, die Universitäten haben sie nicht. Ich würde den Hochschulen gerne mehr Geld geben, wenn ich es hätte und wenn wir die Prioritäten in der Gesellschaft noch sehr viel stärker auf Bildung setzen würden. Auch ich bin da oft unzufrieden.

Sie sagten, die Universität sei finanziell recht konstant gestellt. Jetzt war aber zu lesen, dass 35 Millionen Euro eingespart werden müssen.

Das gilt nicht für die derzeitigen Zielvereinbarungen, die niemand in Frage stellt. Sie meinen ein Planungspapier unseres Finanzministers, das auch mir vorher nicht bekannt war. Der tut seine Pflicht, aber ich teile seine Positionen nicht, und es ist auch nichts beschlossen worden. Bis jetzt haben wir die dazu nötige fachpolitische Diskussion nicht geführt.  Wenn wir ernsthaft anfangen an der Zukunft zu sparen, dann ist es sinnlos, überhaupt zu sparen. Hier werde ich mich noch zu Wort melden.

Nichtsdestotrotz meinen Sie, die Universitäten sind derzeit finanziell auf »relativ« sicherem Posten?

Ja, »relativ« ist wichtig. Sie sind gut abgesichert. Ob sie wirklich hinreichend ausgestattet sind, darüber könnte man streiten, aber sie sind gut abgesichert.

Der Rektor spricht aber von 88 Stellen, die fehlen, auch wegen der neuen Studienstruktur. So hat sich der Prüfungsaufwand zum Beispiel verzehnfacht.

Eine Verzehnfachung des Prüfungsaufwandes ist kaum ernsthaft vorstellbar. Ich kann die Argumentation des Rektors zwar verstehen, muss aber trotzdem ein bisschen gegenhalten. Jede Universität hat ein Budget und muss damit haushalten. Wenn Ihr Geld im privaten Leben nicht reicht, können Sie ja auch nicht einfach jemanden anrufen. Deswegen muss die Universitätsleitung den Mut haben, wirklich endlich einmal den Mut haben, innerhalb der Universität Ressourcen anders zu verteilen. Dort, wo die Auslastung nicht so groß ist, muss man etwas wegnehmen und dort hin lenken, wo die Nachfrage groß ist. Immer nur mehr Geld zu fordern ist da keine Lösung. Eigentlich müsste man umgekehrt die Bologna-Reform schleunigst in die richtigen Bahnen lenken. Die Überfrachtung der Studienprogramme bringt einen Mehraufwand mit sich, der nicht verschwindet, indem ich ihn finanziere. Für die Studierenden würde sich dann fast nichts ändern. Sie haben noch immer diese Stofffülle und können nicht durchatmen.

Ist denn aber nicht trotzdem die Kritik berechtigt, dass die Politik ein System eingeführt hat, ohne es adäquat zu finanzieren?

Also ich komme ihnen mal einen Schritt entgegen. Die Umstellung selbst ist gar nicht finanziert worden. Das stimmt wirklich. Es gab deutschlandweit leider kein zusätzliches Geld für diesen Umstellungsprozess, z.B. für Akkreditierungen. Und ich bin auch nicht sicher, ob die engen Zeitvorgaben für die Transformation wirklich nötig waren.  Man hätte das auch gleitend und in Ruhe, vielleicht auch mit einer etwas experimentelleren Haltung, machen können, um als Ergebnis ein eigenständigeres Modell der Bachelor-Master-Reform zu entwickeln, das besser an unsere Hochschultraditionen anschließt.
Ich glaube sowieso nicht, dass weitgehende Gleichheit der Angebotsstrukturen ein Mobilitätsanreiz ist. Warum sollten sie nach Frankreich gehen, wenn ihnen dort genau das gleiche, akkreditiert von einer internationalen Agentur, geboten wird? Die nahtlose Anerkennung von Studienleistungen dagegen kann durchaus die Mobilität befördern. Die Statistik der Mobilität verzeichnet derzeit dennoch einen beträchtlichen Zugewinn.

Aber genau die Mobilität steht doch national schon im Zweifel.  Es gibt zum Beispiel in der Politikwissenschaft oder der Medienwissenschaft Studenten aus Leipzig, die mit uns angefangen und dort im vierten Semester waren. Sie musste aber sehr viele Module wiederholen, weil diese einfach nicht anerkannt wurden.

Das ist einfach unvorstellbar und ärgerlich. Wie kann denn so etwas sein? Haben die dann ihre Studiengänge bei unterschiedlichen Agenturen akkreditiert?

Soweit wir wissen sind einige Studiengänge noch gar nicht akkreditiert. Und dann geht es natürlich noch um andere Schwerpunkte in der Lehre.

Es ist also weniger ein Problem der Vielfalt, denn wenn das Profil eines solchen Studiengangs in Leipzig anders ist als in Halle, finde ich das gut. Je nach dem, welche Schwerpunkte die Professoren verfolgen. Das schon immer so an der Universität, schon im Mittelalter. Das Problem sind wahrscheinlich wirklich eher die Prüfungs- und Studienordnungen, die Regeln für die Anerkennung von Leistungen. Dass man also schaut, wo haben sie das gemacht? In Leipzig. Nein, erkennen wir nicht an. Oder, wer hat denn das gemacht? Herr oder Frau X. Nein, erkennen wir nicht an. Solche Spielchen können wir uns wirklich überhaupt nicht leisten. Man muss unterscheiden zwischen Gleichwertigkeit und Gleichartigkeit. Gleichartigkeit kann es nicht geben, aber die Gleichwertigkeit sollte in der Fachwelt besprochen werden.

Wie kann man so etwas verhindern?

Das weiß ich im Moment auch nicht, da will ich ehrlich sein. Ich kann schlecht hingehen zu einem Professor, der nach dem Grundgesetz für seine wissenschaftliche Urteilsbildung einen hohen Autonomiestatus hat, und sagen: »Erkennen Sie das an!«. Also muss ich auf Aufklärung und gesunden Menschenverstand setzen. Das geht aber keineswegs bei jedem.
Ich muss an dieser Stelle passen, es tut mir leid. Es ist auch eine Auseinandersetzung, die sie direkt vor Ort führen müssen. Oft stecken nur Geltungsrituale hinter solchen Geschichten. Das sind doch nicht Ergebnisse rationaler Prüfung und sorgfältiger Abwägung. Wenn sie sich darüber aufregen, würde ich mich mit ihnen aufregen.

Vielleicht können wir noch einen anderen Aspekt der neuen Studiensysteme beleuchten, der auch sehr kritisiert wird. Der Vorwurf zielt darauf, dass sich die neue Ordnung stark an der Wirtschaft orientiert. Ist hier eine Vermischung zu befürchten?

Ich glaube nicht, dass es gut ist, Bildung all zu stark an wirtschaftliche Verwertungsinteressen zu binden. Da bin ich vielleicht konservativ, aber Bildung ist eine Sache, die um ihrer selbst willen gefördert werden muss. Das ist ein kultureller und demokratischer Anspruch in unserer Gesellschaft. Die Wirtschaft verfolgt naturgemäß andere Interessen, und ich glaube der Wirtschaft auch nicht, wenn sie Ziele formuliert, die völlig jenseits von Gewinnstreben und Rendite stehen. Dann ist es keine gute Wirtschaft. Ich würde das schon gerne getrennt haben und dann, auf der Basis der Trennung, versuchen, die Schnittpunkte zu finden. Natürlich nimmt das staatlich und öffentlich verantwortete Bildungssystem Bedarfslagen der Wirtschaft zur Kenntnis und setzt entsprechende Schwerpunkte, denn die Absolventen wollen ja in Lohn und Brot kommen.
Insgesamt bin ich dafür, dass wir eine Partnerschaft zwischen dem Bildungssystem und der Wirtschaft anstreben, die aber keine Vermischung beinhaltet. Bildung ist ein öffentliche Gut, und es muss auch öffentlich verantwortet werden. Auf dieser Basis ist eine Partnerschaft auf Augenhöhe möglich, aber keineswegs ein Übergang der Verantwortung. Wenn wir das ganz ernst machen würden, könnte es uns passieren, dass wir eines Tages eine Fakultät, ähnlich wie Opel schließen müssten, nur weil sie irgendwelche ökonomischen Kennziffern nicht erbringt, und dass kann nicht sein. Dieses Risiko möchte ich aus der Universität gerne heraus halten. Ich bin auch ein strikter Gegner einer Privatisierung der Universitätskliniken. Allerdings müssen Qualität und Wirtschaftlichkeit auch für eine Universität gelten, Aufwand und Nutzen bedürfen auch in einer Bildungsorganisation immer wieder einer kritischen Gegenüberstellung.

Ist die Annäherung Wirtschaft und Universität also ein offener Prozess?

Das ist für mich nicht offen, sondern eine Herausforderung, Acht zu geben, dass die Verhältnisse zwischen öffentlicher und wirtschaftlicher Verantwortung klar bleiben. Ich schaue mir das  nicht aus der Beobachterperspektive an und erzähle ihnen im nächsten Jahr, wie es ausgegangen ist. Da mache ich schon meinen Mund auf.

Aber ist die Orientierung an der Wirtschaft nicht auch im Bachelor-Master-System begründet, wenn ein Ziel ist, schneller, mehr Absolventen auf den Arbeitsmarkt zu bekommen?

Nein. Ich verstehe diesen Verdacht, aber ich glaube, dass er nicht zutrifft. Es geht wohl eher darum, dass ein Hochschulstudium mit Diplom, so wie es vorher angelegt war, eigentlich für den Nachwuchs in der Forschung gedacht war, und das nur ein kleiner Teil der Studenten anstrebt, Forscher oder Forscherin zu werden, also wissenschaftlich zu arbeiten. Darauf war aber das Studium in der bisherigen Struktur grundsätzlich angelegt.
Die Wirtschaft und auch die öffentlichen Arbeitgeber haben aber immer wieder gesagt: Wir brauchen nicht nur Wissenschaftler, sondern auch begabte und engagierte »Macher«, die die wissenschaftlichen Grundlagen eines Faches beherrschen, sie jedoch nicht selber erzeugen. Und die müssen praxisnah ausgebildet werden, schnell fertig sein und zügig zur Verfügung stehen. Das ist auch angesichts des Arbeitsmarktes und der demographischen Krise kein dummes Ziel.
Deswegen hat man gesagt: Lasst uns das Studium doch teilen. Es studieren erst einmal alle gemeinsam relativ zügig und praxisnah bis zu einem ersten berufsqualifizierenden Abschluss. Ein kleinerer Teil kann dann zum Master weiter studieren und später den Nachwuchs in der Wissenschaft bilden. Das war die Idealkonstruktion, und von der sind wir ziemlich weit weg.
Leider kommt noch hinzu, dass es ein merkwürdiges und ungerechtfertigtes Reputationsgefälle zwischen Bachelor und Master gibt. Das ist eigentlich das Hauptproblem. Man hat das Gefühl, und das liegt an der Tradition des alten Systems, dass der Bachelorabschluss nur ein halber Abschluss wäre. Also schließen am Ende alle konsekutiv den Master an. Dann hätten wir die Reform nicht machen müssen.
Also wir sind mitten in einem Umsetzungsprozess. Diese Reibungen müssen wir überwinden, und ich habe schon Verständnis für die Studentengeneration, die mitten im Brennpunkt dieser Umstellung bestimmte Ausfälle erleiden muss. Das sind zwei, drei Jahrgänge. Aber das wird sich schon noch zum Guten entwickeln, und irgendwann sehen ja alle, das es so nicht geht.

Vielleicht zum Abschluss noch ein wenig Selbstkritik.  Meinen sie es steckt auch ein wenig Hysterie hinter den Problemen der Studierenden?

Ich will mal so sagen: Ab und zu sind wir alle mal ein bisschen hysterisch. Wir wären es aber nicht, wenn wir in Verhältnissen leben und arbeiten würden, die uns bestärken. Wenn ich unter einem Dauerstress stehe, dann werde ich natürlich auch sensibel und anfechtbar im Bezug auf solche Überspannungen. Ich laste das den Studierenden nicht an. Aber manchmal muss man auch die Zähne zusammenbeißen – das gilt übrigens auch für mich.

Über Julius Lukas

Erstellt: 06.07. 2009 | Bearbeitet: 05.10. 2009 04:56