Dez 2009 hastuINTERESSE 0

Deutsches Vaterland – Stolz oder Scham?

9. November 2009 – 20 Jahre Freiheit und Einheit für die Deutschen. Das Jubiläum lockt Tausende von Besuchern in die deutsche Hauptstadt. Ein Ereignis, bei dem die Deutschen sich mit ihrer Nation identifizieren könnten. Trotz offizieller Großveranstaltung fehlt es an Stimmung und Gemeinschaftsgefühl.

»Es gibt schwierige Vaterländer. Eines von ihnen ist Deutschland. Aber es ist unser Vaterland«, meinte der ehemalige Bundespräsident Gustav Heinemann (SPD) bei seinem Amtsantritt 1969, als es den Deutschen schwer fiel, sich mit ihrer Geschichte zu identifizieren. 40 Jahre sind seitdem vergangen, vor 20 Jahren ist nun die Mauer gefallen. Zeit genug für die Deutschen, ihr demokratisches und geeintes Land lieben zu lernen. Dennoch ist auch heute ihr nationales Identitätsbewusstsein mit dem anderer Länder nicht vergleichbar.

Der Mauerfall – real und symbolisch

Der 9. November 1989 – der Tag, an dem ein entscheidender Teil der Macht der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) zerfallen ist. Auf einer Pressekonferenz ließ Günter Schabowski, Mitglied im Politbüro der SED, überraschende und einschneidende Ausreiseerleichterungen für Privatpersonen verlauten, die sofort in Kraft traten. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 stürmten Tausende von Menschen durch geöffnete Grenzübergänge Berlins. Freudestrahlend, jubelnd, weinend. Die Mauer war gefallen, die emotionale Verbundenheit groß.

"20 Jahre Mauerfall« – Fest der Freiheit in Berlin am 9.11. 2009 | Foto: Daniela Heimpel

20 Jahre später finden abermals Zehntausende ihren Weg in die deutsche Hauptstadt. Brandenburger Tor, Unter den Linden, Potsdamer Platz – das sind die Orte, an denen sich trotz des Nieselregens Menschenmassen versammeln, um an den offiziellen Feierlichkeiten zu 20 Jahren Mauerfall teilzunehmen. Verfolgen wollen sie alle das Fest der Freiheit. Politische Festansprachen, neunzigminütiges Programm mit Moderator Thomas Gottschalk, Musik, Feuerwerk und gemeinsames Gedenken. Eine Besonderheit sind die insgesamt 1000 überdimensionalen Dominosteine, die im Rahmen der Veranstaltung als symbolisches Pendant zum Mauerfall 1989 umgestoßen werden.

Das Ereignis erfährt große internationale Beachtung. Nicht nur, dass die Dominosteine von Menschen unterschiedlicher Nationalität künstlerisch gestaltet wurden und das Ereignis in Medien aus aller Welt dokumentiert wird. Auch empfängt Deutschland zahlreiche Staats- und Regierungschefs, so den französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy, den russischen Präsidenten Dmitri Medwedew oder die US-Außenministerin Hillary Clinton, um nur einige von ihnen zu nennen. Damals wie heute blickt die Welt auf Deutschland. So spricht Bundeskanzlerin Merkel in ihrer Rede von einer »epochalen Zeitenwende, die Deutschland, Europa, ja auch die Welt, die damals in zwei Blöcke geteilt war, wieder zusammengeführt hat.«

20 Jahre Mauerfall – Ein Fest mit Identifikationspotential?

"20 Jahre Mauerfall" – Die Dominosteine, deren Umsturz den Mauerfall symbolisieren sollte. | Foto: Daniela Heimpel

Festveranstaltung im Herzen Berlins, Feuerwerk, über 30 Staatsgäste, Tausende von Menschen in den Straßen. Das erweckt die Vorstellung eines langen und rauschenden Festes mit gemeinsamem Singen der Nationalhymne, Deutschland-Flaggen, schwarz-rot-gold-farbiger Kleidung und aufgeheizter, fröhlicher und lustiger Stimmung. Stattdessen: »Kannst du nicht mal deinen Schirm da weg tun?! Ich sehe nichts!« beklagt sich einer. »Der Regen nervt. Ich will nach Hause«, sagt ein anderer. Während des neunzigminütigen Festprogramms drängen sich die Massen entlang der Dominosteine, inmitten des Geschehens am Brandenburger Tor und vor Großbildleinwänden. Und nach dem offiziellen Festakt? Lustiges Fest in Berlins Straßen zu Ehren der Einheit und zur Stärkung des Zusammengehörigkeitsgefühls?

Im Gegenteil: Die meisten Deutschen scheinen es eilig zu haben, in den heimischen Sessel zurückzukehren. Schnell drängen sie in Richtung U-Bahn, auf einmal weg von Dominosteinen, Leinwänden und Absperrungen, freien Blick auf all das lassend, was man wenige Minuten zuvor verzweifelt über die Köpfe hinweg zu fotografieren versuchte. Eine Gruppe deutscher und französischer Jugendlicher tummelt sich entlang der umgefallenen Dominosteine am Potsdamer Platz, sichtlich überrascht über die plötzliche Aufbruchstimmung. »Und die Feier?«, fragt eine der Französinnen, »wo wird denn jetzt gefeiert? Von Frankreich her kenne ich das ganz anders«.

So verschieden die Kulturen, so verschieden die Feste

Trotz seines internationalen Charakters treten auch am Fest des 9. November kulturelle Differenzen, wie die der Festkultur und der nationalen Identifikation, zutage.

»Ich habe den Eindruck, dass hierzulande ein eher nüchternes Verhältnis zu nationalen Symbolen oder der eigenen Geschichte besteht«, meint Geschichts- und Französischstudent Martin Stettner (23) aus Mainz, der mit einer deutsch-französischen Gruppe am Fest teilnimmt. »Das zeigt sich eben auch am 9. November 2009. In Frankreich zum Beispiel wird die Flagge mit deutlich größerem Stolz und großer Selbstverständlichkeit ausgehängt.«

Auch Silvia Albert (21), Studentin an der FH Frankfurt, sagt, dass sie kein richtiges Nationalgefühl feststellen kann. »Es ist mehr ein internationales Gefühl, da ja vor allem viele junge Leute und darunter auch Ausländer dabei sind.«

Und in anderen Ländern? »Man würde bestimmt die Nationalhymne singen, alle hätten eine Flagge und es gäbe auch nach dem offiziellen Teil noch eine große Party, aber das liegt vielleicht auch am Wetter. Insgesamt wäre es im Ausland etwas emotionaler als hier«, meint die Studentin, die wie Martin Stettner im Rahmen eines interkulturellen Seminars des Deutsch-Französischen Instituts zum Thema »20 Jahre Mauerfall« an den Festlichkeiten teilnimmt.

Wie nationales Identitätsbewusstsein entsteht

Schwur im Ballhaus 20. Juni 1789, Gemälde von Jacques-Louis David (1791)

Doch woher kommen diese Unterschiede im nationalen Identitätsbewusstsein? Häufig liegen sie in der Geschichte begründet, sind doch die Länge und Intensität der Bindung an die Nation und die damit verbundenen jeweiligen Nationalfeste, -traditionen und -symbole für das Zusammengehörigkeitsgefühl eines Volkes von großer Bedeutung. So gibt es beispielsweise in Frankreich seit der französischen Revolution 1789 eine mal mehr, mal weniger stabile Nation und man blickt auf eine über 200-jährige Festtradition ein und desselben Tages zurück – der 14. Juli als Nationalfeiertag, der jedes Jahr Anlass zu einer gemeinsamen Feier gibt und von dem eine große Integrationskraft ausgeht. Stolz sind die Franzosen auf ihre Revolution, auf ihr Land und ihre Sprache, was sie mit Hymnen, Feuerwerk und nationaler Symbolik wie Flaggen ausdrücken.

Ganz anders dagegen die Deutschen. Der 3. Oktober findet als Nationalfeiertag kaum mediale Beachtung, der 9. November erinnert unter anderem auch an die Reichspogromnacht 1938 – von Angela Merkel 2009 als »dunkelstes Kapitel deutscher Geschichte« bezeichnet. Keine langjährige Festkultur, keine dauerhaften integrativen Elemente, kein übermäßiger Stolz auf das Vaterland. Nicht einmal unter den jungen Leuten.

»Ich würde nicht sagen, dass ich stolz darauf bin, ein Deutscher zu sein. Stolz beinhaltet und erfordert für mich eine persönlich erbrachte Leistung. Ein Teilnehmer der Demonstrationen im Oktober 1989 hat vielleicht mehr Berechtigung als ich, Stolz zu empfinden. Ich bin aber durchaus froh, Deutscher zu sein, da es wahrlich schlimmere Schicksale gibt«, sagt Martin Stettner. Ähnlich geht es Silvia Albert, die ebenfalls keinen besonderen Stolz auf ihr Land empfindet. »Die meisten Deutschen haben wohl, wie ich auch, kein besonderes Nationalgefühl. Aber ich denke auch nicht, dass man sich heutzutage noch schämen muss, Deutsche zu sein«, betont die Studentin.

Warum die Deutschen manchmal Scham empfinden

Einer der Gründe für fehlenden Nationalstolz und mögliche Beschämung: das gebrochene Verhältnis zur eigenen Vergangenheit. Wenn von einem starken Deutschland die Rede ist, denkt so mancher an die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg zurück, in der das Zusammengehörigkeitsgefühl groß war, die Nation extrem aufgefasst und Wert auf ein überlegenes und mächtiges Deutschland gelegt wurde. Viele haben ein ungutes Gefühl dabei, wenn sie Deutschland loben und Stolz zeigen. Das Gefühl, sich dafür rechtfertigen zu müssen und die Angst, schief angeguckt zu werden.

Dennoch hat sich die Lage in den letzten Jahren leicht verändert und die Deutschen fühlen sich zumindest bei einzelnen Gelegenheiten wieder mehr ihrer Nation zugehörig. So tauchte beispielsweise bei der WM 2006 plötzlich vermehrt nationale Symbolik in Form von Klamotten, Farben oder Flaggen auf und »Deutschland«-Jubelschreie wurden laut.

Auch 1989 waren Emotionen im Spiel, als Familien sich wiedergefunden haben und ein gemeinsames Deutschland gebildet wurde. Und 2009 bei der Festveranstaltung in Berlin? »Ich empfinde es nicht so emotional wie zum Beispiel bei der WM 2006«, erzählt Silvia Albert, » ich hatte es mir aber vorher schon gedacht, da es ja nur ein Jahrestag ist und sich aber sonst, im Gegensatz zum Jahr 1989, nichts im Leben der Menschen verändert hat.«

Klischees über die Deutschen mit einem wahren Kern?

Vielleicht liegt es auch in der Mentalität der Deutschen, wenig Gefühle zu zeigen und eher rational zu sein. So will es zumindest das Klischee. Ebenso schreibt Alexander Thomas in seiner Theorie der Kulturstandards im Feld der interkulturellen Kommunikation, den unterschiedlichen Kulturen bestimmte Eigenschaften zu, die für sie selbst und andere als typisch angesehen werden. Daher geht Silvia Albert davon aus, dass sich am Nationalgefühl der Deutschen in Zukunft kaum etwas ändern wird. »Die Deutschen sind ja generell eher nüchtern und nicht so emotional. Höchstens bei besonderen Ereignissen wie der WM tritt, vor allem unter jungen Leuten, das Nationalgefühl stärker ins Bewusstsein.«

Vielleicht muss man letztendlich einfach Gustav Heinemann Recht geben. Nicht umsonst wird seine Aussage von 1969 noch heute zitiert. Es gibt schwierige Vaterländer und Deutschland gehört dazu. Was aber nicht heißt, dass man sich dafür schämt oder es ablehnt. Immerhin ist und bleibt es das Vaterland, dem man sich auch gerne verbunden fühlt, eben auf die deutsche Art.

Über Daniela Heimpel

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Erstellt: 28.12. 2009 | Bearbeitet: 30.01. 2010 10:18