Nov 2009 hastuPAUSE 0

Darf man über die Nazizeit lachen?

»Noch ist Polen nicht verloren« feierte seine Theater-Premiere und erregte bereits im Vorhinein die Gemüter.

Am Samstagabend feierte das Stück »Noch ist Polen nicht verloren«, eine Produktion der Theater Halogen, Varomodi und Apron Premiere. Zynisch? Grotesk? Komisch? »The Best of Freie Theater« erregte schon im Vorfeld die Gemüter.

Schauplatz des Geschehens ist das Theater Poznań im Jahre 1939, kurz vor dem Überfall der deutschen Truppen auf Polen. Das Ensemble probt an seinem neuen Stück »Gestapo«, in dem das NS-Regime mit den Mitteln der Kunst bloßgestellt werden soll. Doch als es zum tatsächlichen Angriff der Nationalsozialisten kommt, wird aus Spaß Ernst. Der polnische Untergrund ist in Gefahr, und das Poznańer Ensemble versucht nun mit Hilfe seiner Requisiten aus dem Stück »Gestapo«, eine verhängnisvolle Liste aus den Händen der Nazis zu entwenden. Ein riskantes Unternehmen.

»Noch ist Polen nicht verloren« ist eine Satire. Die deutschen Nationalsozialisten werden als Trottel karikiert. Sie sind dümmlich und ihre Kommunikation primitiv und voraussehbar. Die Beschränktheit des gesamten Apparates ist übertrieben dargestellt, die Grausamkeit des Regimes ins absurd Komische verdreht. Die Polen sind gemäß dem polnischen Selbstbild religiös und patriotisch, agieren heldenhaft und unermüdlich. Der Titel der Inszenierung – die bekannteste Zeile der polnischen Nationalhymne, die den ständigen Freiheitskampf Polens verkörpert. Ort der Handlung das besetzte Polen. Eine neue Perspektive für das hallische Theaterpublikum auf die NS-Zeit, die Komik und Tragik herrlich vereint.

Ein wenig PR hatte das Stück im Vorfeld durch das Verbot des ursprünglichen Werbeplakates erhalten. Das Ordnungsamt beschloss, Hitler als schwangere Frau zusammen mit dem Stücktitel »Noch ist Polen nicht verloren« abzubilden sei zynisch. Gerettet wurde das Plakat durch den Aufkleber »Groteske« und genutzt durch den Einschub einer Szene im Stück, in der die Poznańer Stadtverwaltung das Stück »Gestapo« angesichts der politischen Realität verbieten lässt. Gezeigt hat das Verbot zudem, dass die Frage darüber, wie man sich mit der NS-Zeit beschäftigen darf, noch immer aktuell ist und es auch für die Kunst diesbezüglich Grenzen gibt.

So könnte sich eine Debatte anschließen, ob und wie man über die Nazis spaßen darf und ob es erlaubt ist, das NS-Regime, das einen Vernichtungskrieg führte, als einen aus beschränkten Idioten bestehenden Apparat darzustellen und dabei herzhaft zu lachen.

Vorstellungen laufen bis zum 27. November im Studio Halle, Waisenhausring 8.

Kartenpreis: 12 Euro, ermäßigt 8 Euro

Über Julia Glathe

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Erstellt: 15.11. 2009 | Bearbeitet: 19.05. 2012 16:38