Okt 2009 hastuINTERESSE Nr. 28 0

Ans Ende denken wir zuletzt

Das Wintersemester beginnt, und die Stadt begrüßt wieder zahlreiche Neuankömmlinge an ihren Hochschulen. Zwei von ihnen wollen sich und ihre ersten Eindrücke vorstellen.

14_15_Interesse_Erstis_CaroSchindlerII»Hallo, ich bin Caro Schindler und 20 Jahre alt. Ich habe mein kleines Städtchen in Niedersachsen zurückgelassen, um ab Oktober BWL in Halle zu studieren. Bereits meine Großeltern haben hier studiert. Sie konnten mir zwar nicht mehr viel über die Stadt erzählen, aber die Harz-Mensa haben sie mir wärmstens empfohlen.

»Ich will die alleinige Macht über die Finanzen haben.«

Ich bin also ohne Vorwissen zum ersten Mal hierher gekommen. Das war zur Immatrikulation. Die war zwar gut organisiert, aber trotzdem mit viel Wartezeit verbunden.

In dieser konnte man aber den Generationskonflikt zwischen den studentischen und den älteren Immatrikulationshelfern beobachten. Während eine ältere Dame lieber in Ruhe arbeiten wollte, teilten die Studenten den Erstis lautstark ihre Weisheiten mit. Ich habe mich dann aber an den umstehenden Info-Ständen über BAföG, Studentenwerk und potenzielle WG-Zimmer schlau gemacht. An diesem Tag konnte ich in dieser Hinsicht aber noch keinen Treffer landen. Ich habe die Zeit dann genutzt, um mir Halles Markt und Shoppingmöglichkeiten genauer anzuschauen. Die Stadt ist gemütlich, aber nicht zu klein, und man kann auf viele verschiedene Leute treffen. Darum erhoffe ich mir ein abwechslungsreiches Nacht- und Kulturleben, an dem ich leider noch nicht teilnehmen konnte. Erst mal richte ich mir mein Zimmer ein. Unter nur vier Besichtigungsterminen hab ich das relativ einfach gefunden. Aber zuvor musste ich mir auch eine katastrophale Wohnung ansehen. Dort gab es ein Bad ohne Dusche. Die stand nämlich in der Küche.

Jetzt hab ich aber ein schönes Heim gefunden. Ich denke auch, dass ich mich hier wohl fühlen werde. Auch wenn sich das einige meiner Freunde nicht so recht vorstellen können. Von denen kamen schon Kommentare wie ›Oh, du studierst im Osten?‹ Sie meinen, dass die Studien- und Uniqualität hier nicht so gut sei. Ich selbst bin da aufgeschlossener und gespannt auf mein Leben hier.

Angst vor Heimweh hätte ich nur, wenn es mir hier wider Erwarten nicht gefällt. Natürlich muss mir auch das Studium gefallen. Ich muss gestehen, dass ich noch nicht genau weiß, wie das ablaufen wird. Auch meinen Stundenplan und das Stud.IP hab ich noch nicht kennen gelernt. Ich hab aber gehört, dass der Umgang damit sehr kompliziert und zeitaufwendig ist. Darum erhoffe ich mir Aufklärung aus der Informationsveranstaltung für die Studien-einsteiger. Wenn mit dem Studium alles klappt, möchte ich anschließend gerne im Rechnungswesen einer großen Firma arbeiten. Da kann ich dann die Gelder hin- und herschieben und habe die alleinige Macht über die Finanzen.

Aber das alles liegt noch in weiter Ferne. Näher liegen da die feierliche Immatrikulation und die berüchtigten Erstsemesterpartys. Ob ich da wirklich hingehe, entscheide ich spontan. Ich werde einfach die Eindrücke der ersten Tage an der Uni auf mich wirken lassen. Vom Rest lasse ich mich überraschen.«

»An dieser Stelle möchte ich Google Maps danken …«

»… denn ohne das hätte ich mich hier nicht so gut zurechtgefunden. Aber nun erst mal zu mir: Ich bin Philipp Klemm und angehender Innenarchitekturstudent an der Hochschule für Kunst und Design. Ich bin 20 Jahre alt und komme aus Zschopau. In letzter Zeit habe ich aber in Berlin gelebt und dort ein Praktikum in einer Tischlerei gemacht.

Für das Studium in Halle habe ich mich entschieden, weil die HKD einen sehr guten Ruf hat. Außerdem war das die Hochschule mit dem frühesten Einsendeschluss für die Bewerbungsunterlagen. Hier fand auch der erste Eignungstest statt. Als ich für diesen in die Stadt gekommen bin, war ich schon extrem beeindruckt und hab mir gedacht, wie toll es wäre, hier zu studieren. Große Hoffnungen hatte ich aber nicht. Umso mehr habe ich mich gefreut, als dann die Zusage kam. Doch auf genauere Informationen über mein Studium und die Einführungswoche musste ich noch länger warten. Das Immatrikula-tonsamt hatte die Unterlagen in meinen Heimatort geschickt, obwohl ich zu dieser Zeit bereits in Berlin gewohnt habe.

Dann begann aber der unangenehme Teil. Ein regelrechter WG-Marathon durch Halle. Ich hatte insgesamt
15 Termine zur Zimmerbesichtigung. Drei davon haben abgesagt, bevor ich überhaupt in Halle ankam. Einer von ihnen, weil er in den Kreißsaal musste – er ist an diesem Tag Vater geworden. Ich habe mir dann die anderen Wohnungen angeschaut, aber es hagelte nur Absagen. Ich hatte schon das Gefühl, dass ich etwas falsch mache. Wahrscheinlich lag es aber daran, dass es einfach zu viele Bewerber gab, mit denen ich um die Plätze kandidiert habe. Irgendwann hat sich der frisch gebackene Papa nochmal gemeldet, und bei dem zieh ich jetzt auch ein. Das ist zwar eher eine Zweck-WG und genau das Gegenteil von dem, was ich wollte. Letztendlich leb ich nun aber in einer schönen Wohnung in einer tollen Umgebung und bin ziemlich glücklich damit.

Andererseits hatten die vielen Besichtigungstermine auch etwas Gutes. Dadurch musste ich öfter nach Halle kommen und konnte die Stadt schon etwas kennen lernen. Und ich kann sagen, es gefällt mir hier richtig gut. Besonders sind mir die Altbauten aufgefallen, die meiner Meinung nach super erhalten sind. Das verschönert das Stadtbild. Und bei Nacht gefällt es mir hier auch gut. Ich habe schon viele nette Leute kennengelernt, mit denen ich feiern war.Das hat auch meine Vorstellungen vom Leben als Student geprägt. Neben einem kreativen Studium erhoffe ich mir zahlreiche aufregende Partynächte.

Mein Studium darf auch der Schulzeit ähneln. An und für sich war diese sehr schön. Ich freue mich nur, dass ich jetzt die Sachen lernen kann, für die ich mich wirklich interessiere. Es liegt also eine spannende und prägende Zeit vor mir. Nur die Nähe zu meiner Familie und zu meinen alten Freunden werde ich vor allem am Anfang sehr vermissen. Letzteres lässt sich dabei sicher noch leichter ertragen. Ich bin optimistisch, dass aus einigen Bekanntschaften richtige Freundschaften werden können. Außerdem studiert ein ehemaliger Kumpel von meinem Gymnasium ebenfalls an der Hochschule. Also ist nicht alles ganz fremd hier.

Und ich freu mich auch schon darauf, die Stadt und ihre Kultur noch besser kennenzulernen. Dann brauche ich vielleicht irgendwann kein Google Maps mehr, um mich hier zurecht zu finden. Dann ist die einst fremde Stadt eine neue Heimat.«

Protokolle: Sabine Paschke, Julia Kloschkewitz
Fotos: Julia Kloschkewitz

Über Sabine Paschke

Erstellt: 05.10. 2009 | Bearbeitet: 07.02. 2015 13:20