Dez 2008 hastuUNI Nr. 22 1

Die akademischen Ghostwriter und das Problem Plagiat

geist_ghostwriter_wissen_susanne_wohlfahrtEs ist jedes Semester das Gleiche. Drei Tage vor Abgabe der Hausarbeit sind die 15 Seiten noch weit entfernt. Man hat sich zwar vorgenommen, dass diesmal alles anders wird, aber auf diesem Gebiet herrscht eine gewisse Lernresistenz. So sitzt man wieder vom Morgen bis zum späten Nachmittag in der Bibliothek und verbringt die Nacht vor dem Bildschirm, der sich schleppend mit Buchstaben füllt. Dabei könnte man es sich so einfach machen. Ein kurzer Besuch bei den Ghostwritern von ACAD-Write reicht völlig aus. Die einzige Frage ist, um welchen Preis?

Man muss schon zweimal hingucken, um das kleine Schild an dem rosafarbenen Fachwerkhaus am Rande der hallischen Innenstadt zu erkennen. Jede Arztpraxis macht sichtbarer auf sich aufmerksam als das Unternehmen, das hier im Dachgeschoss seinen Firmensitz hat. Dabei ist ACAD-Write nach eigenen Angaben Marktführer auf dem Gebiet der akademischen Textproduktion  – mit Kunden in vielen Ländern, darunter Deutschland, der Schweiz und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Eigentlich stammt der Mutterkonzern aus Großbritannien, doch 2004 wurde eine Niederlassung in Halle gegründet, über die heute das Hauptgeschäft abgewickelt wird. Warum gerade die Saalestadt ausgewählt wurde, weiß auch Thomas Nemet, Geschäftsführer und einer der drei fest angestellten Mitarbeiter von ACAD-Write Deutschland, nicht: »Wie so oft im Leben war es wohl Zufall.« Auch die Nähe zur Universität sieht der 38-Jährige, der Philosophie studierte und über eine Firma mit ähnlichem Profil nach Halle gelangte, nicht als Grund. Dabei wäre diese Vermutung nur logisch, denn in Studenten und Dozenten liegt das Kapital von ACAD-Write.

Akademische Textproduktion

Das Unternehmen sieht sich als Wissenschaftsdienstleister, der so ziemlich alles verfasst, was mit dem akademischen Alltag zu tun hat. »Von Exposé bis 200 Seiten Text ist alles möglich«, sagt Thomas Nemet, wobei auch nur Teilgebiete wie Literaturrecherche oder Gliederung übernommen werden können.

geist_ghostwriter_auftrag_susanne_wohlfahrtDer Aufwand für den Kunden ist relativ gering, man muss theoretisch nicht mal im rosa Fachwerkhaus gewesen sein. Eine E-Mail mit der genauen Auftragsbeschreibung genügt, und Thomas Nemet kümmert sich um alles Weitere: »Ich schaue mir das Anliegen an und kalkuliere das Ganze durch. Je nach Zeit und Aufwand erstelle ich dann ein Angebot, das ich an den Kunden schicke, und der sagt entweder Ja oder Nein.« Ist die Antwort positiv, beginnt die Textproduktion, für die über 200 Ghostwriter verantwortlich sind. Jeder von ihnen hat einen universitären Abschluss, und je nach Fachgebiet und Kapazität bekommen sie die einzelnen Angebote von ACAD-Write zugesandt. »Wir zwingen niemanden, einen Text zu schreiben, denn Sie können sicher sein, dass solche Texte nicht gut werden.« Ein freiwilliger Schreiber findet sich jedoch meistens und produziert dann die Arbeit, die Nemet dem Mandanten überreicht oder per E-Mail zusendet.

Dieser Dienst hat jedoch auch seinen Preis. Eine Seite kostet je nach Anspruch und Zeit zwischen 27 und 53 Euro. Bei 15 Seiten Hausarbeit über Platons Staatstheorie müsste man demnach auf eine Rechnung zwischen 400 und 500 Euro gefasst sein. Das ist für die meisten Studierenden eine Menge Geld, das gut und vor allem sicher angelegt sein will.

Rechtlich unantastbar und …

geist_ghostwriter_koch_menu_susanne_wohlfahrtFür Thomas Nemet ist es ganz eindeutig, dass ACAD-Write sich im gesetzlichen Rahmen bewegt, denn »rechtliche Probleme gab es noch nie.« Es fehlt auch die Grundlage dafür, denn wissenschaftliches Ghostwriting ist erlaubt und versteht sich als Denkhilfe für den Kunden. So ist in der Broschüre »Akademisches Ghostwriting«, die von ACAD-Write herausgegeben wird und an der Nemet mitschrieb, zu lesen: »Im Gegensatz zum »konventionellen« Ghostwriting […] kommt es beim akademischen Ghostwriting darauf an, dem Kunden eine Art Sprungbrett zu bauen. Mit dieser »Gehhilfe« ausgestattet sollte es für ihn ein leichtes sein, anhand eines aufgezeigten Lösungsweges selbst aus dem Dickicht seiner gesammelten Daten zu finden.« Die fertigen Texte, die ACAD-Write seinen Kunden liefert, sind nur beispielhafte Manuskripte, an denen man sich orientieren soll, wenn man die Arbeit später selber schreibt. Dieses Verständnis der eigenen Tätigkeit lässt sich das Unternehmen auch schriftlich versichern. Jeder Klient muss eine Erklärung unterschreiben, in der steht, dass er den erstellten Text nicht als seinen eigenen ausgeben wird. Was Plagiat und Betrug anbelangt, ist ACAD-Write damit rechtlich abgesichert, der Rest liegt, wie Thomas Nemet sagt, beim Kunden selbst: »Es ist wie die Sache mit dem Messer, dass man überall kaufen kann. Wenn man damit seine Schwiegermutter um die Ecke bringt, dann muss man das selber verantworten und nicht der Messerhersteller.«

… so seriös und diskret wie eine Schweizer Bank

geist_ghostwriter_auftrag_dieb_euro_susanne_wohlfahrtStellen wir uns den Studenten vor, der seine Hausarbeit über Platons Staatstheorie ausgehändigt bekommt und 500 Euro dafür bezahlt hat. Was wird er mit dem Text machen?

»Ich gehe davon aus, dass unsere Mandanten die Arbeiten nicht als ihre eigenen ausgeben. Ob sie es trotzdem tun, weiß ich nicht.« Thomas Nemet kennt die verlockende Möglichkeit, die sich seinen Kunden bietet, doch es gehört nicht zur Philosophie des Unternehmens, sich in deren Belange einzumischen. So ist ACAD-Write verschwiegen, wenn es um die eigenen Klienten geht: »Kundendaten unterliegen dem entsprechenden Datenschutz, und wer mir seinen Namen nicht sagen will, den spreche ich auch nicht darauf an. Meistens weiß ich selber gar nicht, für wen wir Texte herstellen, und es interessiert mich auch nicht. Wir sind so seriös und diskret wie Schweizer Banken.« Die Ghostwriter, welche die Texte schreiben, haben zu keinem Zeitpunkt Kontakt zu den Kunden. Hält man die fertige Arbeit in der Hand, weiß man nur noch selber, dass sie aus der Feder der Mitarbeiter von ACAD-Write stammt. Was man mit dem Text macht, bleibt einem selbst überlassen.

Der Kampf gegen das Plagiat

Dr. Sven Siefken vom Institut für Politikwissenschaften der MLU sieht ein ernsthaftes Problem in den möglichen Folgen des akademischen Ghostwritings. »Einen Text zu verwenden, den man in Auftrag gegeben hat und für den man Geld bezahlt hat, ist schon echter Betrug mit krimineller Täuschungsabsicht. Das ist sozusagen die Krönung des Plagiats.« Bis jetzt ist ihm noch kein solcher Fall bekannt geworden, doch andere Formen des Plagiats kommen regelmäßig auch am Politikinstitut vor, so dass man sich entschloss, präventiv dagegen vorzugehen. Detaillierte Einführungen in das wissenschaftliche Arbeiten sollen Unkenntnis abbauen, und eine eidesstattliche Erklärung, die jeder Student an seine Hausarbeit anzuhängen hat, bescheinigt deren selbstständige Erstellung unter Benutzung der angegebenen Quellen. Im Bachelorstudiengang Politikwissenschaft ist zudem eine Verteidigung der Abschlussarbeit vor einer kleinen Jury vorgesehen. Die Idee dahinter ist, dass Studenten, die plagiieren, in der Regel nicht wissen, was in ihrer Arbeit eigentlich geschrieben steht. Die Befragung soll solche Begebenheiten aufdecken und wird nicht nur bei den Bachelorarbeiten angewendet. Auch bei anderen Texten kann der Dozent den Studierenden auf Verdacht zu sich zitieren. Dabei ist das Enttarnen von Plagiaten meistens gar nicht schwer, wie Sven Siefken beschreibt: »Die Studierenden, die plagiieren, suchen den Weg des geringsten Widerstandes und schauen daher oft nur in die Standardliteratur  – und die kennen wir Dozenten ja ohnehin so gut wie auswendig.«

Zu dem eigenen Wissen werden den Hochschullehrern mittlerweile auch Computerprogramme zur Seite gestellt, die Plagiate aufdecken sollen. Sie funktionieren wie Internetsuchmaschinen und gleichen das Geschriebene der Studenten mit Millionen Seiten im Netz ab. Kommt es zu Übereinstimmungen von Sätzen oder Wortgruppen, so zeigen es Programme wie Ephorus, Plag Aware oder Paper Seek an, und man wird zum Gespräch gebeten.

Die Konsequenzen des Abschreibens

geist_ghostwriter_handschellen_susanne_wohlfahrtDr. Petra Dobner vom Politikinstitut führte schon viele solcher Gespräche mit Studenten und kennt deren Reaktion. »Den meisten, die wir erwischt haben, war es super peinlich, und es ist ja auch eine bittere Situation.« Das Seminar kann man abschreiben, Punkte oder einen Leistungsschein gibt es nicht. Außerdem steigt die institutsinterne Bekanntheit beträchtlich, was in diesem Fall nicht positiv ist, und »wenn man weiß, dass einer ein Plagiat geschrieben hat, dann guckt man bei der nächsten Arbeit natürlich drei Mal hin.«

Die oft geschürte Angst einer Exmatrikulation ist allerdings in Sachsen-Anhalt unbegründet, da dies im Hochschulgesetz nicht vorgesehen ist. Andere Länder sind da schon etwas weiter. So wird in Baden-Württemberg ab März 2009 ein solcher Passus in den Richtlinien zu finden sein, und in Nordrhein-Westfalen ist die Praktik der Exmatrikulation im Falle eines Plagiats schon länger Realität. Dort geht man sogar noch weiter und droht mit einer Geldbuße von bis zu 50 000 Euro. Es ist jedoch im Einzelfall immer der Uni selbst überlassen, welche Maßnahmen sie ergreift. Der Trend, Plagiate von Studierenden zunehmend schärfer zu bestrafen, ist deutlich erkennbar.

Wo beginnt eigentlich das Plagiat?

»Ein Plagiat schreibt man dann, wenn Gedanken von einem anderen übernommen werden, ohne diese zu kennzeichnen.« Die Grenze, die Dr. Siefken hier zieht, ist eigentlich sehr eindeutig. Trotzdem sind auf einigen Gebieten Plagiate gesellschaftsfähig geworden und teilweise nicht mehr wegzudenken. So kommen Politiker sehr selten ohne die Gedanken anderer aus, und berühmte Persönlichkeiten lassen ihre Biografie von Ghostwritern schreiben, veröffentlichen sie jedoch unter dem eigenen Namen. Man könnte die Grenzziehung auch nur auf das akademische Gebiet beschränken, doch käme man auch hier um kleinere Zweifel nicht herum. Denn gehört es nicht zum universitären Alltag, dass Professoren wichtige Zuarbeiten von wissenschaftlichen Mitarbeitern erledigen lassen und manchmal auch ihren Namen mit unter deren Texte setzen?

Abgesehen von diesen allgemein akzeptierten Praktiken und Gepflogenheiten an Lehrstühlen werden von Zeit zu Zeit Plagiatvorfälle mit Dozentenbeteiligung publik, die zeigen, dass die Hochschullehrerschaft selbst nicht frei von dem Problem ist. So wurde 2007 der Fall eines Jura-Professors der HU Berlin in der Presse diskutiert. Eine Zeitschrift wies nach, dass er in einer Publikation Passagen aus einem anderen Werk übernahm, dies aber nicht ausreichend kennzeichnete. Man kann davon ausgehen, dass er prinzipiell wusste, dass und wie man richtig zitieren sollte, was beweist, dass die Bereitschaft zu plagiieren auch in diesen Kreisen vorhanden ist. Wird ein Dozent des Plagiats überführt, so liegt es im Ermessen der Uni, wie mit ihm verfahren wird. Die Strafen reichen bis hin zur Aberkennung des Hochschulgrades. Im Fall des Berliner Professors sprach man einen Tadel aus, ein mildes Urteil also, das für Studenten und Dozenten wenig abschreckend ist.

Die Generation Copy & Paste

In der Tat ist die Bereitschaft zu plagiieren unter den heutigen Studierenden, die mittlerweile zur so genannten »Generation Copy & Paste« erklärt wurde, ausgesprochen hoch. Eine Studie an der Uni Leipzig aus dem Jahr 2006 stützt diese These. Unter den damals über 200 befragten Soziologiestudenten waren 9 von 10 dazu bereit, in ihren Arbeiten zu plagiieren.

Seitdem sind allerdings einige Maßnahmen ergriffen wurden, deren Auswirkungen bereits spürbar sind. So meint Dr. Petra Dobner einen Rückgang bemerkt zu haben, seit man institutsintern die Regularien verschärft hat. Thomas Nemet hingegen hat andere Erfahrungen gemacht: »Ich war der Meinung, dass es einen Auftragsanstieg mit Einführung von Bachelor und Master gab. Gemessen habe ich das aber nicht.«

Dass viele Bachelor‑ und Masterstudenten teilweise überlastet sind, mag ein Grund mehr sein, dass sich zunehmend bei Hausarbeiten professioneller Hilfe zugewendet wird. Thomas Nemet gibt noch eine andere Ursache zu bedenken, die heute ebenso aktuell ist: »Man kann auch fragen: »Was macht die Gesellschaft denn falsch? Warum muss denn jeder studieren? Früher hat man doch studiert, weil man ein gewisses Interesse hatte, darüber mehr zu erfahren und sich in dem Bereich zu betätigen. Heute studieren deswegen doch nur noch sehr wenige, eher weil man Karriere machen will. Karriere hat aber nichts mit Wissenschaft zu tun.«

Wer mogelt, hat am Ende nicht viel in der Hand

ACAD-Write profitiert von diesem Umstand, die Studenten eher nicht, denn wer sich durchs Studium mogelt, hat am Ende nicht viel in der Hand, wie Dr. Sven Siefken verdeutlicht: »Von einem Abschluss in einem geistes‑ oder sozialwissenschaftlichen Fach an sich können sie sich noch nicht viel kaufen.« Bevor er zur Uni zurückkehrte, arbeitete Siefken mehrere Jahre in der freien Wirtschaft. Damals waren die Fähigkeiten besonders wichtig, auf die er heute großen Wert legt. »Die Stärke von Geistes‑ und Sozialwissenschaftlern ist es ja gerade, dass sie sich schnell in Themen einarbeiten können, aus vielfältigen Quellen zusammentragen, was relevant ist, und dieses verständlich rüberbringen. Genau das soll während des Studiums vermittelt werden, und man kann es beim Schreiben einer wissenschaftlichen Hausarbeit lernen  – sofern man sie selber schreibt.« Wer akademisches Ghostwriting in Anspruch nimmt, betrügt zuallererst sich selbst. Siefken meint weiter: »Es ist eine Kurzsichtigkeit, dass man denkt, der Aufwand, den man da reinsteckt, nicht nur finanziell, sondern auch zeitlich und emotional, würde irgendwelche positiven Folgen haben.«

Am Ende muss sicherlich jeder für sich selber entscheiden, ob er Angebote wie die von ACAD-Write in Anspruch nimmt oder der Generation Copy & Paste angehören möchte. Es geht dabei nicht nur um Moral, sondern auch um die eigene Einstellung zum Studium an sich. Bei Thomas Nemet kostet eine Hausarbeit 500 Euro. Schreibt man sie selber und nimmt man die drei Tage Stress, Anstrengung und Schlafentzug in Kauf, ist ihr Wert ungleich größer.

Illustration: Susanne Wohlfahrt

Info:

wichtiger Nachtrag 07.10.2009:

Die Firmenstruktur der ACAD WRITE (Deutschland) GmbH ist mittlerweile etwas durchsichtiger, soll heißen, was im Text zu Herkunft, etc. steht, stimmt teilweise nicht. Blickt man nämlich heute auf die Website der Ghostwriter entdeckt man den Namen Sven Langenhahn – ein ehemaliger Kneipenbetreiber und Opernschauspieler – der als Senior Consultant genannt wird und das Unternehmen wohl auch gegründet hat. Den Briefkasten in Großbritannien gibt es zwar scheinbar noch, aber wenn man auf der Webseite Englisch einstellt und auf contact drückt, bekommt man eine Adresse in Budapest angeboten und eben nicht die in Birmingham. Vielleicht nur ein Fehler beim Verlinken. Auch die Frage, warum ACAD Write gerade in Halle die Zelte aufgeschlagen hat, lässt sich etwas besser beantworten. Es dürfte daran liegen, dass Senior Consultant Sven Langhahn hier lebt. Komisch nur, dass Geschäftsführer Thomas Nemet davon nichts wusste …

Über Julius Lukas

Erstellt: 16.12. 2008 | Bearbeitet: 08.10. 2009 15:55