Jan 2007 hastuPAUSE 0

„Dieser Weg auf den Höhen ist zu Ende gegangen» Zur Dekonstruktion des Heimatliedes in Herbert Roth

Seit 13.10.06 spielt das Thalia-Theater Herbert Roth. Der Regisseur Christian Bayer gestaltet für seine Gäste einen Thüringer Heimatabend, anlässlich des Oeuvres des ostdeutschen Musikantenkönigs. Die musikalische Reise durch den Thüringer Wald vollzieht sich anhand Herbert Roths bekanntesten Kompositionen, allen voran natürlich das Rennsteiglied.

Der Liederkanon wird von Laienschauspielern aus dem Thalia-Jugendklub virtuos ausgestaltet. Unterbrochen wird der Melodienreigen lediglich von kurzen Videosequenzen, die Christian Bayer in seinem geliebten Thüringen zeigen. Der Rennsteig, der Geburtsort und die Lieblingskneipe Herbert Roths sind auf diese Weise virtuell in Halle dabei.

Dazu gibt’s ebenfalls aufgezeichnete Interviews mit Roths Tochter und einem repräsentativen Bratwurstbräter an einer typischen Thüringer Bundesstraße. Kulinarisch eingerahmt wird die Veranstaltung von authentischer Bratwurst und Bier aus dem grünen Herzen Deutschlands.

Sieht man Christian Bayers Reminiszenz an Herbert Roth und sein ostzonales Thüringer Heimatland nur als eine musikalische Grußbotschaft an die Exil-Thüringer, verfehlt man eine wesentliche Pointe. Das Stück besticht vor allem durch seine Ambiguität.

Die obligatorischen Rentner im Publikum scheinen auf einen Heimatabend zu hoffen, der es einem warm ums Herz werden lässt. Für sie hat Herbert Roth Großes geleistet, er, der die Sehnsucht nach Harmonie und unbeschwerter Freude in Lieder gegossen hat. Er, der die eingeschränkte Reisefreiheit der DDR-Bürger mit mindestens einem Titel für jeden Kilometer Rennsteig vergessen machen wollte. Für diese Personen im Publikum ist Herbert Roth ernsthafter Bestandteil in einem kohärenten Lebensentwurf. rnrnDoch das Thalia knüpft nicht an die aalglatte Heimatwelt aus dem Musikantenstadl und Achim Menzels Scheunen-Surrogat an.

Aber auch der ironisch distanzierte Jugendliche kommt nicht ganz auf seine Kosten. Weder Herbert Roth noch seine Tochter werden in dem Stück durch den Kakao gezogen – freilich legen sie sich unfreiwillig selbst hinein – doch in der Präsentation der fröhlichen Melodien und im Interview mit Roths Tochter kann sich eine über die Maßen ironisierte Lesart nicht durchsetzen. Zumindest ein Stück weit antizipiert man die Tochtergefühle von Frau Roth, verfängt sich gelegentlich emotional in den Keyboardharmonien und steigt auf in die luftigen Höhen der Wald-und-Wiesen-Lyrik. Spätestens bei der Zugabe zuckt wenigstens der große Zeh nach dem Beat der gemimten Musikanten. Auch den Schauspielern merkt man die Gratwanderung zwischen den Lesarten an.

Nun ja, man hat gelernt, sich von Heimat und Volksmusik zu distanzieren. Blasmusik aus Deutschland ist im Gegensatz zum Folk aus anderen Ländern absolut out. Man ist geübt darin, volkstümlichen Kitsch modisch zu zitieren – es ist ganz bezeichnend, dass einer der Schauspieler ein angesagtes Blutsbruder-Shirt trägt, aber auch die Trendmarke Alprausch wäre denkbar gewesen.

Was man nicht gelernt hat, ist, sich mit seiner Heimat zu identifizieren. Anstelle der Herbert-Roth-Jünger stehen gegenwärtig viele spezielle Subkulturen zur Verfügung, doch – mit Ausnahme des Neo-Fußballtrends vielleicht – regt keine der trendy Sparten zur Identifikation mit der Fauna und Flora seines Bundeslandes an. Darauf stößt einen das Stück auf peinliche Art und Weise.

Erholsam wäre für den Zuschauer, sich in eine Lesart zu ergeben. Herbert Roth entweder auszulachen oder mit ihm mitzufühlen sind die Optionen. Sich eingegliedert wissen in einen Kreis von Rezipienten, der einem die Sicherheit gibt, auf der richtigen Seite des Lebens zu stehen. Einen der zur Verfügung stehenden Codes nutzen, mit einzustimmen in den Musikantenreigen oder sich wohlbegründet abzuwenden, das wäre die richtige Methode, um allen Irritationen aus dem Weg zu gehen. Aber genau dieses Selbstverständnis verwehrt einem der Herbert-Roth-Abend.

Was soll man aber halten von einem Stück, das weder Fisch noch Fleisch sein will? „Herbert Roth – Ein Thüringer Heimatabend» leistet vor allem eins, die vollkommene Dekonstruktion des Heimatliedgenres. Das unkritische Mitschunkeln war ohnehin obsolet geworden, aber auch das ironisch distanzierte Wiederaufgreifen einzelner Aspekte im Rahmen einer Trashkultur muss nach Herbert Roth ad acta gelegt werden. In den bitterbös gesprochenen und beinahe hasserfüllt gesungenen Passagen der Heimatlieder springt den Zuschauer die Vergewaltigung an, die eine Retrowelle den an sich so lieb gemeinten Heimatliedzeilen zukommen lässt. Die zwei, drei verwirrten Rentner, die sich stellvertretend für eine Generation von Eltern und Großeltern ins Publikum verirrt haben, müssen erleben, wie ihr Herbert Roth bis zu Unkenntlichkeit konterkariert wird. Das kann keiner von uns wollen.

Wer sich diese Art von Spannung geben möchte, hat am 7., 8., 9. und 10. Februar 2007 jeweils um 20 Uhr im Puschkinhaus des Thalia-Theaters die Gelegenheit dazu.

Über Gastbeitrag

Erstellt: 31.01. 2007 | Bearbeitet: 12.10. 2009 02:35